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Bargeldlos Reiz der Kontaktlosigkeit

Jochen Schuster | 05. November 2019
Bargeldlos: Reiz der Kontaktlosigkeit
Bildquelle: Getty Images

Die Bargeldlos-Optionen, insbesondere die kontaktlosen, machen sich breit an den Kassen im deutschen LEH. Die Bargeldliebe erlischt langsam. Und der Handel arbeit an individuellen Pay-Lösungen.

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Der Probelauf findet weit weg vom Heimatmarkt statt: In Spanien testet Discounter Lidl derzeit ein eigenes Bezahlsystem per Smartphone – „Lidl Pay“. In den 600 Märkten auf der iberischen Halbinsel wird erkundet, wie gut das System bei den dortigen Lidl-Shoppern ankommt. Die digitale Geldbörse ist Teil der Kundenbindungs-App „Lidl Plus“. Diese ist hierzulande bisher nur in Berlin und Brandenburg verfügbar. Im kommenden Jahr soll sie (so steht es in den App-Shops von Apple und Google) deutschlandweit an den Start gehen. Der Discounter bestätigt auf Anfrage „seinen Kunden perspektivisch die Bezahlmöglichkeit über ‚Lidl Plus’ ermöglichen zu wollen“.
Es tut sich was an den Kassen. Heute kann der Handel seinen Kunden (inklusive Self-Checkout) fünf- bis sechsmal mehr Bezahloptionen anbieten als noch vor 15 Jahren. Immer mehr Hausfrauen und –männer denken sich, „Die Freiheit nehm’ ich mir“ und lassen Münzen sowie Scheine stecken. Stattdessen bezahlen sie (kontaktlos) per Girocard und Kreditkarte. Diese wandern dank neuer „Mobile Payment“-Techniken auch ins Smartphone. Im vergangenen Jahr überflügelte der Anteil der Kartenzahlungen am Gesamt-Umsatz im deutschen Einzelhandel erstmals den des Bargelds: 48,6 Prozent für die Karte, 48,3 Prozent für Bargeld. Vor zehn Jahren lagen die Werte noch bei 36,1 beziehungsweise 60,6 Prozent. Cash ist nicht mehr King! Die Liebe der Deutschen zu Scheinen und Münzen kühlt sich ab.
„Bei uns entfallen aktuell 40,8 Prozent aller Zahlungen auf Bargeld. Das sind drei Prozentpunkte weniger als noch im vergangenen Jahr“, bestätigt Norbert Schoeffel aus der Geschäftsführung von Hieber’s Frische Center in Binzen. „Über Jahre verlief die Entwicklung hin zur Kartenzahlung eher langsam. Aber mit der Möglichkeit, kontaktlos zu bezahlen, hat dieser Prozess richtig Schwung aufgenommen. Besonders der Anteil der Girocard wächst.“ Kontaktlos bedeute Schnelligkeit und das sei – so Schoeffel – für die Kunden absoluter Trumpf.

Der Reiz der Kontaktlosigkeit
„In diesem Frühjahr waren bereits 17,6 Prozent der Girocard-Umsätze und sogar 21,2 Prozent der Girocard-Transaktionen Kontaktloszahlungen. Und das mit deutlich steigender Tendenz. Noch höher lag der Anteil bei den Kreditkarten: 22,0 beziehungsweise 28,2 Prozent“, unterstreicht das Kölner EHI Retail Institute. EHI-Experte Horst Rüter ist sich sicher: „Kontaktlos wird Standard.“ Die Angebote von Apple, Google und der Banken pushen das Bezahlen mit mobilen Endgeräten wie smarten Handys oder ebensolchen Armbanduhren. „Mit dem Start von Google Play und Apple Play sehen wir weitere deutliche Veränderungen im Zahlungsverhalten“, betont René Fischer von der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Genaue Zahlen zum „Mobile Payment“ liegen allerdings noch nicht vor.

Bargeld ist noch Präsent
Bis Bares Rares wird, ist es aber noch etwas hin. So teilt etwa Aldi Süd mit, dass „unsere Kunden nach wie vor überwiegend ihren Einkauf bar bezahlen“. Und bei alltäglichen Ausgaben wie für Snacks oder Kaffee oder auch beim wöchentlichen Lebensmitteleinkauf ist die Barzahler-Quote in der (bröckelnden) Barzahler-Bastion Deutschland immer noch um bis zu 34 Prozentpunkte höher als im europäischen Durchschnitt. Das hat die ING Deutschland herausgefunden. Ähnlich bargeldvernarrt sind allein die Österreicher.
Klar ist aber: Die Deutschen erwarten, dass sie ohne Münzen und Scheine Einkaufen gehen können. Für 92 Prozent – so eine Studie der Nürnberger GfK im August 2019 – ist dies eine Selbstverständlichkeit. 29 Prozent der Befragten haben demnach schon mal ein Geschäft verlassen oder sind nicht hineingegangen, weil dort nur Barzahlung akzeptiert wurde. Umfragen zeigen allerdings auch: Die Kunden wollen die Auswahl. Sie wollen die Wahl haben, Geld, Karte oder Smartphone zu zücken. Ergo halten fast zwei Drittel der Deutschen eine Entwicklung zum komplett bargeldlosen Alltag laut Forsa für nicht wünschenswert. Diese Einstellung zieht sich quer durch alle Altersklassen: Selbst eine Mehrheit der 18– bis 29-Jährigen will nicht völlig auf Barmittel verzichten.

Sicherheitsbedenken
Wer den Wandel an der Kasse antreibt, ist eindeutig. „Rund um den Globus haben elektronische Zahlungen bei jungen Leuten einen deutlich größeren Stellenwert als bei den Älteren“, betont Moritz Rehmann von der Luxemburger Investmentgesellschaft Gamax. So könne die Cash-Dominanz weiter zurückgehen, wenn eine Generation von Verbrauchern nachwachse, für die der Umgang mit neuen Technologien auch im finanziellen Bereich selbstverständlich sei. Aber: Auch die jungen Konsumenten sehen die Nachteile dieser Entwicklung. Viele befürchten, dass völlig ohne Bargeld die Übersicht über die Finanzen verloren geht oder aber die Kontrolle über abgewickelte Zahlungen stärker wird beziehungsweise die Anonymität verschwindet. So hält etwa nur die Hälfte der 18– bis 29-Jährigen mobiles Bezahlen für wirklich sicher. Einige Händler nehmen diese Sorgen ernst – allen voran Globus. Nach einem erfolgreichen Test im Saarland bietet das Unternehmen seit Herbst 2018 die mobile Bezahlart „Bluecode“ in allen seinen Märkten an. „Die Sicherheit steht dabei stets im Fokus. Denn im Vergleich zu anderen mobilen Bezahlsystemen können vom Händler keinerlei Transaktions-Metadaten ausgewertet werden“, sagt Markus Rietz, Leiter Treasury bei Globus. „Die Abbuchung klappt auch ohne Verbindung zum Mobilfunknetz oder WLAN und ist vollkommen anonym und sicher.“
Banken, Zahlungsdienstleister aber auch Tech-Giganten wie Amazon oder Facebook wollen hingegen das Bargeld aus dem Alltag verdrängen. Sie sehen das große Geschäft mit Gebühren sowie Daten. Und dringen deshalb in den Zahlungsverkehr ein, direkt an die Ladenkasse vor, gewinnen auf diese Weise Einblicke in das Kundenverhalten. Schon jetzt verdienen Anbieter von Kreditkarten, Geldkarten und Apps wie Apple Pay satte 1,3 Billionen Euro im Jahr. Bis 2028, so haben es die Experten der Boston Consulting Group ausgerechnet, dürfte es noch eine Billion mehr sein.
Ein Teil davon stammt aus Gebühren, die Händler für den elektronischen Zahlungsverkehr bezahlen. Diese betragen laut EHI im Schnitt zwischen 0,15 und 0,2 Prozent vom Umsatz. Bei Kreditkarten gibt es eine europaweite Deckelung der Interchange-Gebühren auf 0,3 Prozent. Lidl will mit seinem eigenen Bezahldienst offenbar an diese Kosten ran. Oder Deutschlands zweitgrößten Discounter stört es einfach, wertvolle Kundendaten zum Schnäppchenpreis an ein fremdes Unternehmen zu liefern.
Dies geht anderen genauso. Selbst die Deutsche Bundesbank fordert eine Alternative zu US-Bezahlangeboten. In diesem Frühjahr schmiedeten der Handelsverband Deutschland, der Deutsche Sparkassenverband, SAP und das Institut der deutschen Wirtschaft dazu eine Allianz. Ziel: die Machbarkeitsanalyse eines händlerübergreifenden, branchenoffenen Handy-Bezahlsystems. Bei diesem sollte u.a. jede Firma ihre Datenhoheit behalten. Da die Mobile-Payment-Allianz allerdings keine Förderung vom Bundeswirtschaftsministerium erhalten hat, ist das Projekt bereits tot.
Kaum erfolgreicher sind Ansätze wie beispielsweise die bereits vor einiger Zeit von HDE und GS1 Germany entwickelten „Instant Payments“ –Blitzüberweisungen als Basis einer Händler-getriebenen, mobilen Bezahlinfrastruktur. „Bislang haben sich keine Banken bereit erklärt, einen Piloten umzusetzen“, heißt es dazu bedauernd beim HDE. Ähnlich mau sieht es bei Bezahlfunktionen in händlereigenen Apps wie beispielsweise bei Edeka oder Netto aus. Lidl geht nun mit einer weiteren Insellösung an den Start. „Es kann nicht sein, dass jeder an seiner eigenen App werkelt. Wir brauchen eine einheitliche Lösung, die Karte und Handy sicher verbindet“, meint Hieber-Manager Norbert Schoeffel. Bisher sieht es nicht danach aus.