Bildquelle: Carsten Hoppen, Planet Retail

Handel International Mehr als Sandwich und Salat

In ganz Europa wächst die Bedeutung gastronomischer Angebote im Einzelhandel schon heute – und das wird aufgrund der Einkommensentwicklung auch weiterhin so sein, meint Franziska Schmidt von Planet Retail.

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Der Erlebnisfaktor wird momentan – zu Recht – als wirksames Alleinstellungsmerkmal hervorgehoben, um Läden angesichts des an Beliebtheit wachsenden bequemen Online-Shoppings attraktiv zu halten. Ein zentraler Punkt dieses Erlebnisfaktors ist hierbei die Gastronomie. Doch nicht nur der Imperativ der Differenzierung des stationären Handels wird dieses Segment künftig treiben, es sind auch gesellschaftliche Faktoren, die dazu führen, dass der gastronomische Aspekt an Bedeutung zulegen wird.

Es ist kein Geheimnis mehr, dass Gesellschaften – nicht nur – in der westlichen Hemisphäre älter werden. In Westeuropa wird der Anteil derer jenseits der 65 von heute 20,4 Prozent auf 25,6 Prozent im Jahr 2030 steigen. Das sind 5,2 Prozentpunkte in 13 Jahren, die Tendenz geht klar weiter nach oben. Gleichzeitig leben Familienmitglieder immer seltener nah beieinander, sprich: Es gibt eine wachsende Anzahl jener, die im Alter alleine sind und soziale Kontakte außerhalb der eigenen Familie suchen. Hier kann der stationäre Lebensmittel-Einzelhandel helfen. Der Rentner von morgen wird problemlos seine Lebensmittel online bestellen können, für ihn oder sie wird der Umgang mit dem Internet und entsprechenden Geräten etwas Alltägliches sein. Wenn sich jedoch das Bedürfnis nach Kontakt zum Hunger gesellt, können Amazon und Co nicht mehr „liefern“. Hier hilft nur eins: vor die Tür gehen und dahin, wo auch andere Menschen sich aufhalten. Da liegt der Mittagstisch im Laden um die Ecke nahe, was zumindest in Deutschland fast buchstäblich verstanden werden kann, bei der (noch) vorhandenen Filialdichte.

Nicht nur der Umstand, dass das Multi-Generationenhaus für die wenigsten gelebte Realität ist, auch innerhalb einer Generation leben zunehmend mehr Menschen alleine statt mit Partner. „Richtig kochen“ lohnt sich da eher selten. Das hat in der Vergangenheit bereits zu dem Boom des Convenience-Segments beigetragen und kann künftig als treibende Kraft für ein frisches, gastronomisches Angebot im Supermarkt nebenan sorgen.

Die Autorin

Franziska Schmidt ist Analystin bei Planet Retail. Sie berichtet im Wechsel mit Boris Planer und Tatjana Wolff über Entwicklungen im internationalen

Ausgaben verschieben sich
Während, wie weiter oben beschrieben, der westeuropäische Anteil der älteren Generation zunimmt, sinkt jener, der für die entsprechenden Renten aufkommen muss (nämlich derjenige von Menschen zwischen 15 und 64 Jahren) um knapp 5 Prozentpunkte von heute 64,2 Prozent auf 59,3 Prozent im Jahr 2030. Das bedeutet, dass Umverteilungsmaßnahmen unumgänglich werden, die sich in das verfügbare Einkommen der Arbeitnehmer fressen werden. Zudem wird es kaum Spielraum geben, Rentenniveaus spürbar zu erhöhen. In der Folge werden nicht-essenzielle Ausgaben, wie solche für einen Restaurantbesuch, auf den Prüfstand geraten. Der Lebensmittel-Einzelhandel hat das Potenzial, von diesen Veränderungen zu profitieren. „Luxusausgaben“ wie für fertig zubereitetes Essen können von Kunden in den Lebensmittel-Einzelhandel verlagert werden, wo der Lachsburger ein Lachsburger bleibt, aber deutlich erschwinglicher ist als beim hippen Burger-Spezialisten in der Innenstadt. Die Zutaten können gleich aus dem eigenen Laden verwendet werden, Obst und Gemüse, das bezüglich der Optik vielleicht nicht mehr gut verkäuflich wäre, kann noch verarbeitet und muss nicht abgeschrieben werden. Solche Initiativen helfen, die mit ihnen assoziierten Kosten zu bremsen und Kunden trotzdem einen erfassbaren Mehrwert zu liefern: eine schnelle Mahlzeit für die einen und einen sozialen Mittelpunkt für die anderen.

Wegen ihrer Präsenz vorrangig in Nachbarschaftsgegenden hätten Discounter, was den Gastroservice angeht, theoretisch einen immensen Vorteil. Jedoch ist dieser Service teuer für Formate, die eher dem Ansatz der „limited frills“ folgen. Als streng „no frills“ kann man viele der Läden von Lidl und Co mittlerweile kaum noch bezeichnen nach der Modernisierungswelle der letzten Jahre, besonders im Ausland. Zwar rudert Lidl bereits zurück und möchte wieder mehr Discount sein, aber gänzlich zurückdrehen lassen sich die veränderten Kundenerwartungen auch nicht mehr. Aldi Süd in Deutschland hat zwar ein Pop-up-Restaurant unter dem Namen „Aldi Bistro“ für Werbezwecke auf die Beine gestellt, für mehr aber eben auch nicht. Hier liegt also ganz klar die Chance der Vollsortimenter, sich sowohl vom Online-Handel als auch von Discountern zu differenzieren.