Rewe West Spanisches Temperament an deutsche Theken!

Pilotprojekt der Rewe West: Zwölf junge Spanier wollen im Herbst eine Ausbildung in Köln und Düsseldorf starten.

Freitag, 16. Mai 2014 - Management
Heidrun Mittler
Artikelbild Spanisches Temperament an deutsche Theken!
Bildquelle: Eilers

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Manchmal muss man die Gelegenheit einfach beim Schopf fassen! Die Personalentwickler der Rewe West haben nicht lang gefackelt und ein Projekt angestoßen, mit dem sie zusätzliche Auszubildende für den Servicebereich rekrutieren. Erst Anfang des Jahres hat eine deutsche Wirtschaftsschule in Barcelona angefragt, ob man sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Schon im Herbst sollen zwölf junge Spanier eine Ausbildung in Deutschland beginnen.

Friedhelm Scholz, Leiter der Personalentwicklung, und Tim König, der als Personalentwickler das Projekt betreut, kannten zwar die Statistik, die besagt, wie viele junge Menschen in Spanien derzeit arbeitslos sind. Aber wie verzweifelt die Lage tatsächlich für viele dort ist, konnten sie vorher nur erahnen. Jetzt, nachdem sie mit insgesamt vier Kollegen vor Ort in Barcelona waren, können sie die Hoffnungslosigkeit nachempfinden. Aber auch die Motivation, die die Bewerber antreibt. Manche Kandidaten waren die ganze Nacht im Bus unterwegs, um mit den potenziellen Arbeitgebern zu sprechen.

Friedhelm Scholz kann viele Beispiele schildern, wie das einer Frau, die erfolgreich ein BWL-Studium abgeschlossen hat, aber trotzdem in ihrer Heimat keine feste Anstellung findet. Sie will in Deutschland einen Neustart wagen, eine Ausbildung und anschließend mit ihrem gesammelten Wissen Karriere machen. Beide Seiten wurden sich einig: Gemeinsam mit elf Mitstreitern reist sie schon Anfang Juli nach Köln, um ein Praktikum zu absolvieren.

Die deutsche Schule in Barcelona (mit Namen Feda) hat zu Jahresbeginn über 800 (!) Bewerbungen gesichtet und eine Vorauswahl getroffen. Das Rewe-Team, bestehend aus Verkaufsleitern und Personalentwicklern, hat im März ein Wochenende in Barcelona verbracht und mit knapp 30 Interessenten gesprochen. Diese kommen aus ganz Spanien, sind 18 bis 31 Jahre alt und haben mindestens ein Abschlusszeugnis in der Tasche, das man mit einem Realschulabschluss vergleichen kann. Zwölf davon haben einen so guten Eindruck hinterlassen, dass die Rewe West mit ihnen das Pilotprojekt startet.

An den Deutsch-Kenntnissen mangelt es noch bei den meisten“, sagt Tim König, der selbst ganz passabel Spanisch spricht. Deshalb besuchen die Zwölf derzeit einen dreimonatigen Intensiv-Sprachkurs. Auch nach ihrer Ankunft in Deutschland besuchen sie weiter eine Sprachschule. Die Finanzierung der Sprachschule und einige weitere Ausgaben sollen über das Förderprogramm „MobiPro-EU“ laufen. Die Anträge sind gestellt, aber aktuell noch nicht bewilligt – die Reweaner hoffen, dass sie noch in den Genuss der Zuwendungen kommen. Das könnte schwierig werden, weil die Fördermittel für 2014 bereits erschöpft sind.

Beim Service drückt der Schuh

Friedhelm Scholz, Leiter der Personalentwicklung Rewe West, ist mit Kollegen nach Spanien gereist, um Bewerbergespräche zu führen. Im Sommer reisen nun zwölf junge Spanier nach Köln, um ein Praktikum in Rewe-Märkten zu absolvieren.

Herr Scholz, warum sind Sie im Ausland auf der Suche nach Azubis?
Die Rewe West erhält zwar noch genügend Bewerbungen von jungen Menschen, die in Deutschland leben, allerdings wollen diese die „normale“ Ausbildung im Lebensmittelhandel machen. Kaum einer davon will im Servicebereich arbeiten, da drückt uns der Schuh! Auf der anderen Seite ist die Jugendarbeitslosigkeit in manchen europäischen Ländern extrem hoch. Da bietet es sich doch an, zu schauen, ob wir dort engagierte Jugendliche für uns gewinnen können.

Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet in Barcelona Bewerber getroffen haben?
Das hat sich zufällig ergeben, weil wir dort gemeinsam mit dem Berufskolleg an der Lindenstraße in Köln ein anderes Projekt verfolgt haben. In diesem Zusammenhang hat uns die Feda, eine deutsche Wirtschaftsschule, angesprochen. Dieses Ausbildungszentrum bietet das System der dualen Berufsausbildung für dortige Betriebe an. Die Lehrer haben uns enorm unterstützt, indem sie eine Vorauswahl der Bewerber getroffen und bei den Gesprächen mit den Spaniern übersetzt haben.

Was erwarten Sie im günstigsten Fall von den spanischen Auszubildenden, die Sie ab Herbst unter Vertrag nehmen wollen?
Wir freuen uns auf zwölf neue Kolleginnen und Kollegen, die mit Herz und Seele an den Bedienungstheken arbeiten und dabei das Gesicht der Rewe vertreten. Klasse wäre esnatürlich, wenn sie längerfristig bei uns bleiben und uns nicht gleich nach der Ausbildung wieder verlassen.


Doch ganz gleich, wer den Unterricht bezahlt – Friedhelm Scholz ist sich bewusst, dass Beraten am Fleisch- oder Käsetresen in erster Linie über die Sprache geht. Doch er setzt auch auf die Ausstrahlung der jungen Leute: „Sie reden mit dem ganzen Körper, haben viel Temperament und bringen südländisches Flair an unsere Theken.“

Zurzeit schnüren die Personalentwickler aus Hürth ein Gesamtpaket für die Pioniere: Wo werden sie eingesetzt, wo wohnen sie, wer betreut sie? Die Praktika in den Märkten „laufen sicher problemlos“, ist sich Scholz sicher – man setzt auf Filialen in und um Köln und Düsseldorf. Dabei schaut man zum einen auf bewährte Ausbilder, aber ebenso auf Mitarbeiter, die Spanisch sprechen. Schwieriger dürfte es mit den übrigen Punkten werden. „Wir sind uns im Klaren, welche große Verantwortung wir für die jungen Menschen übernehmen“, sagt der Leiter der Personalentwicklung.

Scholz sucht Rewe-Mitarbeiter, die als Mentoren für die Pioniere tätig werden. Dabei baut er unter anderem auf das „ Generationen-Netzwerk“ der Rewe, in dem engagierte Ehemalige zusammengeschlossen sind. Die Mentoren helfen bei der Integration, etwa der Wohnungssuche, unterstützen bei Behördengängen und helfen, die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Schon jetzt haben sich zudem einige Nachwuchsführungskräfte bereit erklärt, die Neuen unter die Fittiche zu nehmen. „Wir haben sicher noch nicht jeden Gedanken zu Ende gebracht“, meint Scholz, aber man befinde sich auf einem guten Weg.

Natürlich machen sich die Personalentwickler Gedanken über die Frage, wie nachhaltig ihr Engagement ist . Klar hoffen sie darauf, dass die jungen Spanier bei der Rewe bleiben. Falls sie direkt nach der Ausbildung wieder in ihre Heimat zurückkehren, dann „ist das zwar für die jungen Menschen ein Weg, aber dann leider kein gemeinsamer mit uns“. Allerdings muss man sich vor Augen halten, dass es auch mit einer guten Ausbildung immer noch sehr schwierig ist, in Spanien eine unbefristete Arbeit zu bekommen. „Die Bewerber, mit denen wir gesprochen haben, haben so viele Negativ-Erlebnisse geschildert“, weiß Tim König zu berichten. „Sie konnten kaum glauben, dass sie in Deutschland während der Ausbildung bezahlt werden. Geschweige denn, dass wir bei der Rewe eine Übernahmegarantie bei gutem Abschluss geben.“

Auch Teamleiter Scholz ist überzeugt, dass sich die zwölf Einsteiger ausrechnen, „in Deutschland etwas aufzubauen und ihr Glück hier zu versuchen“. In Hürth jedenfalls ist man schon gespannt auf die Neuen: „Wir freuen uns darauf, dass zwölf junge Menschen aus Spanien kommen – das wird eine Win-Win-Situation für beide Seiten.“

Die rheinische Mentalität und Lebensart wird den spanischen Azubis den Start in Deutschland erleichtern, hoffen Friedhelm Scholz (oben) und Tim König.

Auf einen Blick: Rewe West

Mit einem Umsatz von 16,4 Mrd. Euro im Jahr 2013, mehr als 90.000 Mitarbeitern und weit über 3.000 Rewe-Märkten gehört die Rewe Markt GmbH zu den führenden Unternehmen im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel. Die Rewe Region West ist eine von sechs Regionen der Rewe Markt GmbH und ein bedeutender Nahversorger in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Insgesamt engagieren sich 17.000 Mitarbeiter in dieser Region für die Supermärkte, rund 1.000 junge Menschen absolvieren in den Märkten oder der Verwaltung derzeit ihre Ausbildung. Der Hauptsitz der Rewe West liegt in Hürth. Von den Lagerstandorten Köln-Langel und Koblenz aus werden täglich ungefähr 580 Rewe- und Nahkauf-Märkte sowie außerdem Sonderkunden beliefert.

Das Team der Personalentwicklung ist beim Branchenwettbewerb „Ausbilder des Jahres“ bereits zweimal ausgezeichnet worden. Im vergangenen Jahr ging der Kreativ-Cup nach Hürth, prämiert wurde die „1. FC Köln Azubi Elf“. Jugendliche, die zuvor schwer vermittelbar waren, bekamen eine neue Chance und besonders intensive Betreuung, um den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen.