Krisenmanagement Wenn der Luftalarm heult – wie Supermärkte in Israel auf Krieg und Terror reagieren

International

In Israel gehören Raketenangriffe zum traurigen Alltag. Der Terrorangriff im Oktober 2023 hat die Konsumenten und Herausfor­de­rungen für die Lebensmittelversorgung verändert. Ein Einblick.

Freitag, 27. Juni 2025, 07:40 Uhr
Bettina Röttig
Amit Ze’ev eröffnete inmitten des Krieges den ersten Spar-Markt in Israel. Bildquelle: Reinhard Rosendahl

Es ist ein kalter Februartag in München. Im Ballsaal des Westin Grand Hotels ist es wohlig warm. Die Teilnehmer des MMM-Kon­gres­ses haben reichlich zu essen, zu lachen, aber auch zu klagen. Denn die Geschäfte könnten immer besser laufen. Darum erörtern die versammelten Manager aus der Lebensmittelbranche Impulse und Strategien für mehr Wachstum. Einer der Referenten bringt neue Fragen mit und nimmt den Teilneh­mern das Gefühl von Sicherheit, als würde ihnen eine wärmende Decke weggezogen. „Was machen Sie mit Ihrem Supermarkt im Fall eines Luftalarms und -angriffs? Schließen Sie ihn, um mögliche Plünde­rungen zu vermeiden? Oder lassen Sie ihn geöffnet, damit Menschen bei Ihnen Zuflucht finden können?“

Innerhalb weniger Momente befördert Amit Ze’ev die Manager in seinen Alltag in Israel und zeigt auf, was es bedeutet, sein Unternehmen, Kunden und Mitarbeiter in Kriegszeiten abzusichern. Ze’ev ist Chef von Spar Israel und eröffnete im März 2024 die erste Filiale in Kfar Saba rund 15 Kilome­ter nordöstlich von Tel Aviv. Zwischen Planung und Eröffnung fiel der Terrorangriff auf Israel am 7. Ok­tober 2023 und der Beginn des aktuellen Krieges. Das Konzept des Supermarktes stellte euro­pä­ische Produkte sowie Spaß in den Mittelpunkt – inklusive Bowling-Bahn. Nach einem guten Start folgten sehr bald sinkende Umsätze und die Erkenntnis: Das Konzept trägt nicht in Kriegszeiten.

„Wir aus dem Nahen Osten strebten bisher nach europäischen Standards“, sagt Ze’ev. Wenn jedoch im eigenen Land Krieg herrsche und in Europa gegen Israel protestiert werde, drücke sich der Patriotismus der Menschen in einer veränderten Nachfrage aus: Sie bevorzugten lokale Produkte, erklärt er die neue Realität. Zu dieser gehöre auch, mit traumatisierten Mitarbeitern und Dienstleistern umzugehen. „Einige meiner Mitarbeiter und Lieferanten bangen um Familienmitglieder, die in der Armee kämpfen, als Geiseln entführt oder ermordet wurden, andere haben ihr Haus verloren. Sie können nicht erwarten, dass diese Menschen normal kommunizieren, jederzeit schnell antworten.“

Ze’ev gibt mehr Denkanstöße als fertige Lösungen. Eine Botschaft, die er weitergeben möchte: „Arbeit und Menschen halten geistig gesund.“ Daher sei die eigene Verantwortung als Unternehmenschef eine ganz neue. Seine Verantwortung den Kunden gegenüber: Lebensmittel bezahlbar halten. Die Preise für Tomaten schnellten in die Höhe, nachdem der wichtigste Lieferant, die Türkei, einen Lieferboykott beschloss, gibt er ein Beispiel. Sein Punkt: „Ihre Kunden sehen an Ihren (Preis-)Entscheidungen, wofür Sie als Händler stehen und ob Sie für sie da sind.“

Pläne für eine wachsende Bevölkerung

Meist erzählt Ze’ev mit leichtem Ton, macht Scherze und beeindruckt auch mit dem, was in seinem Vortrag fehlt: Klagen. Für Charme Rykower von der deutsch-israelischen Handelskammer zeugt dies von der besonderen Resilienz der Israelis, die trotz Krisenzeiten die Zukunft anpacken. „Die Menschen hier sind ziemlich entspannt und krisenresistent. Wir bemühen uns, den Alltag aufrechtzu­erhal­ten. Selbst wenn etwas zerstört wird, wird es sofort wieder aufgebaut und entweder neu bevölkert oder das Restaurant wird vom Inhaber schnellstmöglich wieder eröffnet. Es geht darum, den Willen zu zeigen, dass es weitergeht.“ Während des Gesprächs mit der Lebensmittel Praxis eilt sie aus einem der Bunker in Tel Aviv zurück in ihre Wohnung. Seit dem Vortag, dem 13. Juni, erschüttert die jüngste iranische Angriffswelle das Land. Die Angriffe seien heftiger als alles, was sie in den vergangenen rund 18 Jahren vor Ort erlebt habe, berichtet sie. Es herrsche dennoch keine Panik auf den Straßen. Hamsterkäufe zählt sie nach dem 7. Oktober und dem ersten Angriff Irans 2024 aktuell erst zum dritten Mal.

„Alles in allem verlässt sich die Bevölkerung auf die Versorgung“, bestätigt Wladimir Struminski, Israel-Korrespondent für German Trade and Invest (GTAI), der LP. Bisher habe es auch keine Verknap­pung von Lebensmitteln gegeben. Die Regierung hat in den vergangenen Monaten dennoch neue Konzepte für die Lebensmittelversorgung in Extremsituationen vorgestellt. Das Ministerium für Wirtschaft veröffentlichte eine Liste mit gut 500 sogenannten eisernen Supermärkten. Diese könnten nach Angabe der Behörde auch unter Beschuss betrieben werden und hätten ausreichend Bestände, um die Versorgung mit den notwendigsten Produk­ten für bis zu sieben Tage sicherzustellen. Zudem seien Zehntausende Lebensmittelpakete für Bürger, die ihr Zuhause nicht verlassen können, für sofortige Verteilung im Bedarfsfall verfügbar, so Struminski.

Isarels Realität in Zahlen

Rykower wertet die Liste der „eisernen Supermärkte“ als Schau: „Die Israelis wählen ihre Supermärkte nicht danach aus. Sie gehen einfach zu denen, die am nächsten gelegen sind.“ Pikud Ha’Oref, das Heimatfrontkommando, bestimme mit klaren Anweisungen das öffentliche Leben in Krisensituationen. Auch Supermärkte und kritische Infrastruktur müssten sich daran halten, und entweder seien alle Supermärkte offen oder keiner, eine Abstufung gebe es bisher nicht, erläutert sie.

Teil des neuen „Nationalen Plans für die Ernährungssicherheit“ ist es, die seit Jahren stag­nie­renden Erntemengen an heimischem Obst und Gemüse bis 2035 um ein Drittel zu erhöhen. Die Bevölkerung, aktuell rund 10 Millionen Menschen, wächst um 2 Prozent pro Jahr. Schon deshalb müsse die Produktion erhöht werden, so Struminski. Seit dem Oktober 2023 fehlen jedoch Arbeitskräfte. „Die Landwirtschaft war stark von palästinensischen und asiatischen Arbeitern dominiert“, erklärt Rykower. Nun sollen mehr thailändische Arbeiter angeworben werden, kündigt die Regierung an. Israels Landwirtschaft kämpfe jedoch zudem mit Boden- und Wasserknappheit, sagt Struminski. Ohne Investitionen in Technologien wie die vertikale Produktion wird dies seiner Einschätzung zufolge nicht zu stemmen sein. Auch Struminski beweist im Gespräch immer wieder seinen Humor, „der ist hier wichtiger als Lebensmittel“, meint er.