Estland Von Waldbeeren-Roggenbrot bis Moorkiefermarmelade – das Land setzt auf Gesundheit

Hintergrund

Estnische Lebensmittelforscher beschäftigen sich vor allem mit gesundheitsfördernden Eigenschaften. Molkereien sind besonders innovativ.

Donnerstag, 04. September 2025, 07:40 Uhr
Christina Steinhausen
Für Deutsche ungewohnt, für Esten ein Hit: die schwarze Knoblauchsauce mit Preiselbeeren. Bildquelle: A. Le Coq

Wissenschaft und Technologie treiben die estnische Lebensmittelindustrie an: Im Fokus der forschungsgetriebenen Investitionen steht oft die Gesundheit, besonders in der Getränke- und der Molkereiindustrie. Beide sind zudem stark exportorientiert.

Aktuell arbeiten von den rund 1,36 Millionen Esten etwa 15.000 Menschen in der estnischen Lebensmittelindustrie. 10 Prozent aller Exporte entfallen auf die Branche, berichtet Tarmo Mutso. Er leitet das estnische Büro der Deutsch-Baltischen Handelskammer in Estland, Lettland, Litauen. Neben den klassischen Getränken wie dem süßen Likör Vana Tallinn (Hersteller AS Liviko), dem Roggenbrotgetränk Kali (diverse Hersteller) und Estonian Vodka g. A., die  wegen ihrer langen Haltbarkeit schon etliche Jahre exportiert werden, lohne es sich, ein Auge auf die Molkereiindustrie zu haben, die in enger Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten die Entwicklung von innovativen Produkten mit gesundheitsfördernden Eigenschaften vorantreibe, sagt Sirje Potisepp, die Leiterin des estnischen Lebensmittelverbandes.

Innovationsschmiede

Mit dem Ziel, den Tisch der Verbraucher zu bereichern und die Produktentwicklung anzutreiben, fand 1994 zum ersten Mal die Wahl der besten Lebensmittel Estlands durch den Estnischen Lebensmittelverband statt. Der jährliche Wettbewerb hat schon etliche Innovationen hervorgebracht, etwa das Sauermilchgetränk Hellus von Nordic Milk OÜ mit dem Probiotikum Lactobacillus fermentum ME-3, das von estnischen Wissenschaftlern entdeckt wurde. Unter der Dachmarke Tere hat die Molkerei zum probiotischen Bakterium ME-3 gleich ein ganzes Hellus-Produktprogramm auf den Markt gebracht. Tere lancierte zudem laktosefreie Milch, die erste Clean-Label-Joghurt-Linie in Estland sowie die erste Vitamin-D-angereicherte Milch in Tetra-Top-Verpackungen. Als weitere spannende estnische Entwicklungen nennt Tarmo Mutso den Vollmilchjoghurt mit Waldbeeren-Roggenbrot der Marke Alma von Valio, den Bio-Babybrei Rohbuchweizenmehl mit Rindfleisch der Marke Pönn von Salvest, ein Haferbrot mit Cranberrys von Lõuna Pagarid, die Moorkiefermarmelade in dunkler Schokolade von Minna Marmelaad, das Blaubeer-Wildthymian-Sprudelgetränk von Öun Drinks, den Moltebeere-Gin von Tohi Distillery oder auch die schwarze Knoblauchsauce mit Preiselbeeren des Herstellers Vinkymon, quasi die estnische Variante von mediterraner Gesundheitskost.

Die Top Ten des estnischen Lebensmittelhandels

Deutschland wird wichtiger

Estnische Lebensmittel sind weltweit auf mehr als 100 Exportmärkten erhältlich. Relevant sind vor allem die fünf größten Exportmärkte Finnland, Lettland, Litauen, Schweden und Dänemark. Weil dort auch viele Esten leben, finden sie in den dortigen Supermärkten ihre heimischen Klassiker. Estland bemüht sich, sein immer noch hohes Außenhandelsdefizit (aktuell 3 Mrd. US-Dollar) weiter zu senken. Das Land importiert Waren im Wert von 23,4 Milliarden US-Dollar (11 Prozent davon aus Deutschland) und exportiert Waren im Wert von 20,1 Milliarden US-Dollar (6,4 Prozent davon nach Deutschland).

Die Wirtschaft ist technologie- und innovationsstark (Skype wurde hier erfunden) und von einer offenen Handelspolitik geprägt. Der Index der industriellen Produktion hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Der Lebensmittelverband (66 Unternehmen und zwei Berufsverbände sind Mitglied) deckt 85 Prozent der estnischen Lebensmittelproduktion ab. Die digitale Infrastruktur zählt zu den besten der Welt (Internetabdeckung 95 Prozent). Die 2008 gegründete E-Commerce-Allianz zählt 530 Mitglieder. In Estland sind mehr als 1.000 Unternehmen im Lebensmittelsektor tätig: 80 Prozent Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern, sie tragen etwa 5 Prozent zum Umsatz der Branche bei, 70 Prozent entfallen auf Unternehmen mit über 100 Beschäftigten, erklärt Mutso.