Marktrundgang Vom Holzbaustein zum Supermarkt – so funktioniert der Edeka-Prototyp in Braunschweig

Hintergrund

Wie zukunftsweisendes Bauen aussehen kann, zeigt der Markt von Edeka Popko in Braunschweig. Er vereint eine neuartige Bauweise mit einem modernen Energiekonzept und nachhaltig inspirierten Sortimenten. 

Donnerstag, 25. September 2025, 13:35 Uhr
Heidrun Mittler
Artikelbild Vom Holzbaustein zum Supermarkt – so funktioniert der Edeka-Prototyp in Braunschweig
Holz dominiert den Markt, das ist schon beim ersten Blick aufs Gebäude sichtbar.
Bildquelle: Edeka Minden-Hannover

Der Markt ist ein Unikat: Andreas Popko betreibt in Braunschweig einen Nahversorger, dessen Gebäude ausschließlich aus Holzbausteinen besteht. Da drängt sich zwangsläufig die Frage auf, mit welchem Spielzeug der heute 52-Jährige als Kind am liebsten gespielt hat. „Gern mit Matchbox-Autos“, erwidert er, „ich war schon immer ein Autonarr.“ Bausteine hatten er und seine vier Geschwister natürlich auch in der Spielkiste, aber seine Liebe gehört den kleinen Autos.

Und wie kam es dann dazu, dass ausgerechnet er den viel beachteten Prototyp-Markt betreiben darf und kann? „Ehrlich gesagt war das Zufall“, lacht der Kaufmann. Er hat Lebensmittelhandel von der Pike auf erlernt, viele Jahre bei Edeka Görge gearbeitet. 2014 dann hat er sich mit seinem ersten Edeka-Markt im Braunschweiger Stadtteil Waggum selbstständig gemacht: „Im letzten Jahr war die Zeit reif für einen zweiten Markt“, deshalb hat er sich bei der Edeka Minden-Hannover um einen weiteren Standort beworben. Dass es dann ausgerechnet dieser Markt mit der speziellen Holzbauweise werden sollte, findet er im Nachhinein gut. Der Standort passt, schließlich sind in der unmittelbaren Umgebung gerade zwei Neubaugebiete besiedelt worden. In der „Neuen Lamme“, wie der Stadtteil heißt, leben schon 5.500 Einwohner, darunter viele junge Familien. Weitere kommen in nächster Zeit sicher noch dazu.

Holz ohne Chemie

Doch zurück zum Gebäude. Was ist das Besondere an dem Bau, der bei der Regionalgesellschaft Minden-Hannover als „Vorzeigeprojekt für nachhaltiges Bauen“ gilt? Es geht um die Baustoffe: Die Mauern bestehen ausschließlich aus Holzblöcken, die von einem Unternehmen in Tübingen gefertigt werden. Die sogenannten BRIQs (so heißen die einzelnen Blöcke) bestehen aus schmalen Kanthölzern. Da man sie durch drei Dübel aus Buchenholz miteinander verbindet, spricht der Hersteller von „TRIQBRIQs“. Die Kanthölzer liegen kreuzförmig angeordnet neben- und übereinander, das sorgt für gute Stabilität. Wie der Hersteller informiert, benötigt er für die Blöcke keinen Leim oder sonstige Chemie. Grundstoff für das Baumaterial ist Industrie-, Schad- oder Altholz. Der Rohbau ist sogar recycelbar: Die Blöcke (die es in drei Größen gibt) lassen sich auseinandernehmen und wieder neu verbauen. Als „innovativ und umweltfreundlich“ bezeichnet die Edeka Minden-Hannover diese Art zu bauen. Der Hersteller ergänzt um die Adjektive „energiesparend, klimafreundlich und kreislauffähig“. 

Edeka Popko

11.000 Holzbausteine aus deutscher Produktion sind im Gebäude verbaut. Der Clou: Sie bestehen aus Industrie-, Schad- oder Altholz. Sie sind nicht chemisch behandelt und werden nicht mit Leim, sondern mithilfe von Dübeln miteinander befestigt.

Wasser ist schlecht fürs Holz

Und wie bewertet Andreas Popko das Gebäude? Als Mieter ist er mit dem Gebäude und seiner nachhaltigen Bauweise bislang zufrieden. Er zeigt bei einem Rundgang durch den Markt, dass er die Wände des Gebäudes so weit wie möglich sichtbar gelassen hat. Das Holz ist mit seiner speziellen Maserung an vielen Wänden sichtbar. Eine Ausnahme machen nur die Abteilungen, wo Wasser eine große Rolle spielt. So sind die Wände der Frischebedientheken verkleidet, ebenso die Sanitärräume, damit kein Wasser ins Holz dringt und die Fasern aufquellen. Wo immer möglich, haben die Ladenbauer der Edeka auch bei der Beschilderung und Dekoration auf Holz gesetzt.  

Viele Kunden, die in den Markt kommen, loben das Wohlfühlklima, welches das naturbelassene Holz erzeugt. Gleich am Eingang des Marktes können sie einen Aufbau der Blöcke begutachten. Wer denkt, er könne einen solchen in die Hand nehmen, wird schnell eines Besseren belehrt: Die großen Klötze sind zu schwer dafür. Infotafeln informieren über die Bauweise und ihre Vorteile. 

So weit, so gut. Aber gibt es im Alltag auch Probleme mit der Bauweise? Der Kaufmann verneint, zeigt allerdings auf einen Spalt zwischen zwei Blöcken, den er kürzlich entdeckt hat. Hier arbeitet das Holz, er wird den Spalt beobachten. Ansonsten wird die Maserung an manchen rauen Stellen im Holz dunkler, doch das wertet er als „naturgegeben“ und stört sich nicht weiter daran. Auch einen potenziellen Schädlingsbefall hat er nicht beobachtet. Übrigens: Der Hersteller der Blöcke weist darauf hin, dass die Blöcke „technisch so getrocknet werden, dass kein Nährboden für Schädlinge“ vorhanden ist. 

Lange Nutzungsdauer

Ben Balon, der als Bauingenieur bei der Edeka Miha Immobilien-Service den Neubau betreut hat, bestätigt die positive Einschätzung des Kaufmanns (siehe „Drei Fragen an“). Er geht davon aus, dass auch die Lebensdauer des Gebäudes ebenso lang ist wie bei einer konventionellen Bauweise. Dabei kalkuliert er mit einer Nutzungsdauer von 40 bis 50 Jahren. Seine Kritik an den Holzblöcken setzt an einem anderen Punkt an: den Kosten. Dabei ist es verständlich, dass ein Prototyp kostenintensiver ist, als wenn die Bausteine später einmal in großen Stückzahlen gefertigt werden. 

Einzelhändler Popko, der mit seinem Sohn Kevin und Marktleiter Tobias Wacht den Markt gemeinsam führt, weist bei der Besichtigung auf weitere Besonderheiten hin. Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage installiert, der erzeugte Strom aus Sonnenenergie wird komplett in den Marktbetrieb eingespeist.

Mit der Energie haushalten

Der Standort kann komplett auf fossile Brennstoffe verzichten. Die neueste Generation energieeffizienter Kühlmöbel sorgt dafür, dass der Betreiber alle Einsparmöglichkeiten nutzen kann. Die Raumtemperatur unterliegt einer digitalen Überwachung. Fast schon überflüssig zu sagen, dass alle Kühlmöbel mit Glastüren verschlossen sind. Weniger alltäglich hingegen ist, dass die Kühlmöbel mit dem Kältemittel Kohlendioxid arbeiten. Das Kältemittel und der besonders große Anteil Holz haben Auswirkungen auf die Rauchmelder. Statt der üblichen Signalgeber sind an der Holzdecke quer durch den Raum zwei parallele Leitungen verbaut. Sie saugen kontinuierlich Raumluft an und erkennen, wenn der Kohlendioxidgehalt in der Luft ansteigt. Dann schlägt das System Alarm. Herkömmliche Rauchmelder wären zu teuer gewesen, da man eine Vielzahl davon benötigt hätte, erläutert Popko.

Von außen nicht erkennbar: Das Dach des Gebäudes besteht aus mehreren Schichten Holz. Ein spezielles statisches Konzept sorgt außerdem dafür, dass die Fundamente des Gebäudes besonders schlank sein können. Das sparte bei der Errichtung des Gebäudes Ressourcen: „Hier sind 50 Prozent weniger Beton als üblich verbaut“, erklärt der Händler.

Schlipsträger auf Erkundungstour

Seitdem der Markt geöffnet hat, verzeichnet der Edekaner einen regen Tourismus: Ungezählte Kollegen und Konkurrenten, Architekten, Professoren, Studenten, Ladenbauer und Berater haben sich den Neubau schon angeschaut. Manche sagen Hallo, andere nicht. Doch Popko und sein Team erkennen diese Art der Besucher fast immer: „Schlipsträger ohne Einkaufswagen fallen bei uns eben auf“, kommentiert er trocken. 

Richtig in Fahrt kommt der Betreiber, wenn er die Besonderheiten in seinem Sortiment zeigt. Der Markt ist zwar vergleichsweise klein – eben ein typischer Nahversorger –, hält aber Überraschungen bereit. So folgt Popko der Regionalgesellschaft Minden-Hannover „auf Zukunftswegen“. So heißt das Programm der Minden-Hannoveraner, mit dem man die Produkte und das Unternehmen immer nachhaltiger machen will. Märkte, die diese Auszeichnung erhalten wollen, erfüllen zehn Basisanforderungen, von weiteren 37 Punkten müssen sie mindestens 75 Prozent umsetzen. Selbst auf der kleinen Fläche von 1.150 Quadratmetern hat Popko die meisten Kriterien realisiert. „Sogar die Forderung nach 50 Artikeln Naturkosmetik“ habe er bewältigt, „auch wenn das nicht einfach war“. Dem Nachhaltigkeitsgedanken folgend findet der Kunde zum Beispiel Frischhaltedosen an den Theken, Papiertüten in der Obstabteilung und ein großes Angebot an umweltschonenden Eigenmarkenprodukten mit dem WWF-Logo. Hinzu kommen zahlreiche regionale Produkte, aus einem Umkreis von maximal 30 Kilometer Entfernung.

„Schlipsträger ohne Einkaufswagen fallen auf.“
Andreas Popko, Edekaner

Nur zwei Beispiele: Sahne-Schichtkäse von der Molkerei Grafschaft Hoya in Asendorf oder Bruderhahn-Eier vom Cassenshof. Regionale Artikel kennzeichnet das Team in Braunschweig mit Hinweisen am Regal – und grünen Deckplättchen auf den ESL-Etiketten.

Frische, Frische, Frische!

Popkos Steckenpferd sind die Frische-Abteilungen: Der Edekaner legt großen Wert auf Obst und Gemüse sowie Blumen. Diese Warengruppe macht beachtliche 14,5 Prozent vom Gesamtumsatz aus (genaue Zahlen nennt er nicht). „Wenn die Frische steht, kommt der Rest von allein“, weiß der erfahrene Kaufmann. Vor Ort schneidet eine Mitarbeiterin Obst und Gemüse in der Schnippelküche. Zudem ist er stolz auf seine Bedienungstheken für Fleisch, Wurst und Käse, mit gut ausgebildetem Personal.

Hier im Markt „Neue Lamme“ ist der Kaufmann mit einem Problem konfrontiert, das nicht mit dem Ladenbau oder der Bauweise zu tun hat. Überspitzt gesagt, kaufen alle Einwohner am späten Nachmittag ein. Kein Wunder, viele berufstätige Kunden fahren frühmorgens zur Arbeit und kaufen erst ein, wenn sie zurückkommen.

„Wenn die Frische steht, kommt der Rest von allein.“
Andreas Popko, Edekaner

 Da passt es gut, dass Andreas Popko in Eigenregie die Bäckerei in der Vorkassenzone betreibt, mit einem angeschlossenen Café. So kann er die Menschen, die ihren Tagesablauf selbst gestalten können, zum opulenten „Genießer-Frühstück“ zum fairen Preis locken. Wer zudem in der Zeit von 7 bis 10 Uhr in den Markt kommt, erhält Rabatte, jeden Tag einen anderen: Montags ist der Wein um 10 Prozent reduziert, samstags kosten die Backwaren in der Früh ein Zehntel weniger.

Viel Rummel nach Eröffnung

Andreas Popko ist liebend gern Kaufmann, aber überhaupt nicht gern Entertainer. Der Hype, der in den Medien um den Vorzeigemarkt gemacht wurde, war groß. Bei der Eröffnung des Marktes waren alle möglichen Zeitungen und Magazine vor Ort. Sogar die „Yummi-Reporter“ (drei Kinder, die im Kindermagazin der Edeka auftreten) haben sich den Markt angeschaut. Der Wirbel speziell um Social Media geht Popko schon mal auf die Nerven. Bewertungen auf Google oder der Auftritt auf Social Media sind für ihn nur zweitrangig: „Da ist mein Sohn Kevin eher im Thema“, bekennt Popko.

Lieber widmet er sich den Sortimenten. Im Windfang hat er gerade ein Regal mit Autopflege aufgebaut. Schließlich liegt Wolfsburg mit dem VW-Werk um die Ecke, Autos sind wichtig. Und seine Leidenschaft obendrein. 

Edeka Popko, Neudammstr. 111, 38116 Braunschweig – Neue Lamme

1.150 m2

Verkaufsfläche

15.000

Artikel

76

Parkplätze (2 davon mit E-Schnellladesäulen)

40

Mitarbeiter (darunter 2 Auszubildende)

5

Kassen (davon 2 SCO-Kassen)

5.468 Euro

Flächenproduktivität

7–21 Uhr

Öffnungszeiten (von Montag bis Samstag)

20 Euro

Durchschnittsbon

Drei fragen an Ben Balon, Bauabteilung Edeka
dummyportrait
Herr Balon, wie zufrieden sind Sie nach den ersten vier Monaten mit der speziellen Holzbauweise?
Das Gebäude funktioniert genauso wie bei einer traditionellen Bauweise, es gibt keinerlei Einschränkungen. Zwar haben sich ein paar Risse zwischen den Holzblöcken gebildet, aber das passiert auch manchmal bei der konventionellen Massivbauweise.
 
Sind in der Bauphase ungewöhnliche Probleme aufgetreten?
Die größte Herausforderung war die Unsicherheit bei den Behörden: Sind alle Sicherheitsanforderungen erfüllt? Wir mussten viele Nachweise
erbringen, bis wir endlich die Bauabnahme bekommen haben.
 
Planen Sie weitere Objekte mit dem innovativen TRIQBRIQSystem?
Derzeit nicht. Die Bauweise ist so viel teurer, dass sie wirtschaftlich nicht darstellbar ist. Wir arbeiten vielmehr an einer Holzbauweise, die monetär mit der Massivbauweise konkurrenzfähig ist.

Bilder zum Artikel

Bild öffnen Holz dominiert den Markt, das ist schon beim ersten Blick aufs Gebäude sichtbar.
Bild öffnen An den meisten Innenwänden ist die besondere Bauweise zu erkennen.
Bild öffnen Die Kühlmöbel sind aus Gründen der Energieersparnis verglast.
Bild öffnen Der Leitspruch des Kaufmanns: Freundlichkeit, Frische, Qualität.
Bild öffnen Zwei SCO-Kassen für den schnellen Checkout.
Bild öffnen Der Kaufmann betreibt eine Bäckerei in der Vorkasse und (hier im Bild) eine Backstation direkt im Markt.

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