Standort Deutschland Sechs CEOs ziehen an einem Strang – neue Allianz fordert Tempo von der Politik

Hintergrund

Fleischverarbeiter, Käsehersteller, Fast-Food-Riese: Was sie eint, ist die Sorge um den Standort. Sechs CEOs haben sich zusammengetan, um der Politik die Realität der deutschen Wertschöpfungskette zu erklären.

Donnerstag, 02. Juli 2026, 07:40 Uhr
Matthias Mahr
Einsatz für den Standort Deutschland: Die sechs CEOs der Allianz Ernährung & Agrar wollen in Berlin Einfluss nehmen. Bildquelle: Getty Images

Wenn Clemens Tönnies, Geschäftsführender Gesellschafter der Premium Food Group, und Mario Federico, Vorstandsvorsitzender von McDonald’s Deutschland, gemeinsam nach Berlin reisen, hat das Gewicht. Beide führen Unternehmen, die in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit sehr präsent sind – hier der größte Fleischverarbeiter der Republik, dort die bekannteste Fast-Food-Kette des Landes. Seit Januar 2026 sitzen die beiden am selben Tisch, unter demselben Banner: der CEO-Allianz Ernährung & Agrar.

Gegründet am 20. Januar 2026, eingetragen im Lobbyregister des Deutschen Bundestages unter Nummer R007928, haben sich sechs Unternehmen zusammengeschlossen, die gemeinsam rund 20 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften, mehr als 100.000 Menschen beschäftigen und an mehr als 1.400 Standorten in Deutschland präsent sind. Neben der Premium Food Group und McDonald’s Deutschland gehören Agrarfrost, Develey Senf & Feinkost, Hochland und Seda Germany zu den Gründungsmitgliedern der CEO-Allianz Ernährung & Agrar.

Wertschöpfungskette als Einheit

Die Gründer kennen sich seit Jahren, oft seit Jahrzehnten. Sie formalisierten ihre Zusammenarbeit, weil sie zunehmend überzeugt waren: Die Politik debattiert Ernährungs- und Agrarwirtschaft zu stark in Silos. Wenn steigende Energiekosten den Logistikpartner belasten, Düngerpreise den Erzeuger treffen und Verpackungsregulierung den Hersteller überfordert, spüre das am Ende die gesamte Kette – und der Verbraucher an der Kasse, sagt eine Sprecherin der CEO-Allianz auf Nachfrage der Lebensmittel Praxis. Die Branche brauche Lösungen, die nicht vor Sektorgrenzen haltmachten.

Dahinter steckt ein geopolitisches Argument: Die Krisen der letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell globale Versorgungsstrukturen ins Wanken geraten. Lokale Wertschöpfung sei kein Luxus, sondern Krisenresilienz. Mittelständische Franchisenehmer betreiben weit mehr als 90 Prozent der McDonald’s-Restaurants in Deutschland. Diese Verwurzelung in regionalen Wirtschaftskreisläufen ist nach Ansicht der Allianz ein struktureller Beitrag zur Versorgungssicherheit. Mario Federico ist im Lobbyregister als vertretungsberechtigte Person eingetragen. Die weiteren Gründer sind: Clemens Tönnies, Michael Durach (Develey), Andreas Helbig (Seda Germany), Andreas Hennige (Agrarfrost) und Sebastian Schaeffer (Hochland). Das erste formelle Treffen fand im Mai 2026 in Berlin statt.

Was treibt eine solch heterogene Gruppe an einen Tisch? Michael Durach, Geschäftsführender Gesellschafter von Develey Senf & Feinkost, fasst es zusammen: „Das Bürokratiemonster raubt der deutschen Wirtschaft den unternehmerischen Handlungsspielraum – gerade in dieser herausfordernden Zeit ist das besonders fatal.“ Durach fordert schnellere Genehmigungsverfahren, kurze Wege bei der Förderung moderner Produktionsstätten und verlässliche Prozesse bei der Beschäftigung internationaler Fachkräfte.

Die Allianz in Zahlen

Die CEO-Allianz Ernährung & Agrar hat Gewicht und bringt das jetzt im Berliner Regierungsviertel ein. Agrarfrost verarbeitet jährlich 450.000 Tonnen Kartoffeln. Hochland erzielte 2024 einen Umsatz von 2,36 Milliarden Euro. Die Premium Food Group kommt auf 8 Milliarden Euro und 22.000 Beschäftigte. McDonald’s ­betreibt rund 1.400 Restaurants mit mehr als 1,8 Millionen Gästen täglich und etwa 64.000 Mitarbeitern – über 90 Prozent der Restaurants werden von mittelständischen Partnern geführt. Develey ist in zehn Ländern an 17 Standorten präsent. Seda Germany erwirtschaftet 750 Millionen Euro Umsatz mit Verpackungen. Zusammen stehen die sechs Unternehmen der Allianz für 20 Milliarden Euro, über 100.000 Arbeitsplätze und mehr als 1.400 Standorte in Deutschland. 

Drei Problemfelder erkannt

Die Allianz benennt drei Problemfelder: Genehmigungsverfahren dauern zu lang – fehlende Digitalisierung und ­unklare Zuständigkeiten zwischen Ländern und Kommunen bremsen Investitionen vor dem ersten Spatenstich. ­Internationale Arbeitskräfte anzuwerben, sei bürokratisch und uneinheitlich geregelt; eine echte Willkommenskultur fehle. Und die 16 Bundesländer legen Lebensmittelsicherheitsstandards unterschiedlich aus – was in Bayern gelte, bewerte Nordrhein-Westfalen anders. Hinter den Forderungen stecken konkrete Zahlen: Die Mitgliedsunternehmen planen Investitionen im Milliardenrahmen.

Die ersten politischen Reaktionen seien positiv. Alle demokratischen Parteien hätten Gesprächsbereitschaft ­signalisiert. Zum Kanzleramt bestand zum Gründungszeitpunkt noch kein Kontakt – das soll sich nun schrittweise ändern. Ob weitere Unternehmen beitreten, lässt die Allianz offen. Die Nadel des Seismografen zeigt sich dabei alles andere als ruhig: Steigende Treibstoff- und Logistikkosten, Düngerpreise mit direktem Einfluss auf die Landwirtschaft sowie Energiekosten, die Verarbeitung und Gastronomie belasten, kommen in der gesamten Kette unmittelbar an.

Als Argumente für den Standort nennt die Allianz hochqualifizierte Fachkräfte und die duale Ausbildung, Rechtssicherheit durch stabile Institutionen sowie regionale Verbrauchernähe. Einen positiven Impuls sieht die Allianz in der Ankündigung des Finanzministers, 95 Prozent der Beschäftigten durch eine Verschiebung des Einkommensteuertarifs zu entlasten: Mehr Netto bedeute mehr Kaufkraft. Die Allianz erwartet zudem, dass die Politik die Stromsteuer auch für Gastronomie und Lebensmittelproduktion senkt.

Seismograf und Verstärker

Mario Federico, Vorstandsvorsitzender von McDonald’s Deutschland, formuliert das Selbstverständnis der Allianz mit Nachdruck: „Die CEO-Allianz Ernährung & Agrar ist entstanden, weil wir überzeugt sind: Ernährungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit gehören zusammen – und sie betreffen immer die gesamte Wertschöpfungskette. Genau dafür braucht es einen offenen, ehrlichen Dialog zwischen Wirtschaft und Politik.“ Die CEO-Allianz stehe zu ihrer Verantwortung für den Standort Deutschland, für Investitionen, Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit.

Mario Federico ergänzt: „Gleichzeitig benötigen wir Rahmenbedingungen, die Innovationen ermöglichen statt ausbremsen. Wenn die Politik Bürokratie abbaut, Verfahren beschleunigt und Planungssicherheit herstellt, stärkt das nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Resilienz unseres gesamten Wirtschafts- und Ernährungssystems.“ Die Allianz werde dafür Impulse geben – konstruktiv, praxisnah und lösungsorientiert.