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Corona-Krise Wir müssen über Helden sprechen

Reiner Mihr | 19. März 2020
Corona-Krise: Wir müssen über Helden sprechen
Bildquelle: Getty Images

Schon mal von Happypo gehört? Ja wirklich: Glücklicher Popo. Das ist ein Startup in Berlin, die eine Po-Dusche verkaufen. Die nutzt nur Wasser. Klopapier und der Run in Supermarkt oder Drogerie nach dem begehrten Material sind überflüssig. Ein „Krisengewinner“ - das Unternehmen hat zuletzt seinen Umsatz vervielfacht.

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Davon gibt es einige: Hersteller von Schutzmasken, Beatmungsgeräten oder Desinfektionsmitteln, Pharmaproduzenten und – überrascht das? – die Logistik- sowie die Nahrungs- und Genussmittelbranche. Logistiker sind natürlich gefordert, die Aufhebung des Sonntagsfahrverbots hilft. Produkte müssen schließlich in die Läden kommen. Die gestiegene Nachfrage in vielen Sortimenten sichert Produktion und Auslastung. Klare Gewinner auch: Lieferdienste. Hier können Neukunden zum Teil schon gar nicht mehr angenommen werden, Lieferzeiten dauern schon mal über eine Woche.

Und in den Super- und Verbrauchermärkten, Discountern und SB-Warenhäusern? Leergekaufte Regale, besondere Öffnungszeiten für Risikogruppen, …

Lebensmittelgeschäfte sind systemrelevant, unverzichtbar und erfahren jetzt eine Wertschätzung, wie sie noch vor Kurzem undenkbar war.

Das gilt besonders für die Menschen, die den Betrieb dort am Laufen halten. Während sich die meisten Deutschen ins Homeoffice verkriechen können bzw. müssen, steht jede Verkäuferin, jeder Kassierer, jede Käsefachfrau, jeder Metzger, jeder Kaufmann, jede Kauffrau täglich „an der Front“ (Entschuldigung für diesen martialischen Ausdruck). Aber diese Menschen stellen sich einem Risiko, das die meisten vermeiden können. Sie sind deshalb „Helden“ und um es – leicht abgewandelt - mit David Bowie zu sagen: „Heroes – for more than one day“.

„Die Einzelhändler freuen sich über Mehrumsätze bis zum Abwinken“, beobachtet Verena Veith, selbstständige Thekentrainerin. Sie sieht an vielen Theken den guten Zusammenhalt der Mannschaft. Darüber hinaus entwickeln immer mehr Kaufleute Wertschätzung: „Sie nehmen wahr, dass es uns vor Corona gut gegangen ist – und das in allen Belangen.“ Speziell, wenn diese Wertschätzung auch den Mitarbeitern entgegengebracht wird, ist das eine positive Auswirkung der Krise.

Und tatsächlich würden viele Kunden mit aufmunternden Worten die Leistung der Mitarbeiter*innen. Aber auch das Management der Handelsunternehmen tut das. „Wir meistern die Herausforderungen in unseren Märkten und Lägern dank des unermüdlichen Einsatzes aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, betont etwa Rewe-Chef Lionel Souque und bedankt sich angesichts der besonderen Belastungen in der momentanen Ausnahmesituation für die anhaltende Bereitschaft, „Verantwortung zu übernehmen und solidarisch zu handeln“.

Für Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn, sind die Mitarbeiter in den Supermärkten die wahren Helden. „Während viele von uns im Home Office ‚Social Distance‘ praktizieren, riskieren sie jeden Tag ein Stück weit ihre Gesundheit“, schreibt er in der neuen Ausgabe der Lebensmittel Praxis, die am 3. April erscheint. Denn Social Distance sei im Laden schwer umsetzbar. „Der Dienst, der an der Gesellschaft von den Mitarbeitern in den Filialen erbracht wird, verdient unsere höchste Anerkennung und Wertschätzung“, so Rüschen weiter.
Umso mehr gilt es, die Mitarbeiter*innen im Markt zu schützen. Abstand halten, Oberflächen desinfizieren, evtl. bargeldlos zahlen, Handschuhe tragen, kranke Kollegen sofort nach Hause schicken und natürlich die Hygiene, die man auch bei der Grippe (und eigentlich immer) anwenden sollte, pflegen.

Edeka-Händler Hieber rät seinen Kunden zum Beispiel:

  • Bitte bezahlen Sie möglichst bargeldlos.
  • Bitte halten Sie im Markt, an der Theke und an der Kasse einen Abstand von mindestens 1,5 m ein.
  • Mehrwegboxen werden zurzeit nicht angenommen.
  • Vorsicht beim Husten und Niesen.
  • Bitte desinfizieren Sie beim Betreten und Verlassen des Marktes Ihre Hände.
  • Wir bitten, die Verweildauer und damit die potentielle Ansteckungszeit im Markt möglichst kurz zu halten.

Es fällt ein wenig schwer, einen Ort des Genusses wie in Hiebers Märkten, bei Zurheide, Richrath oder anderen, als reine Versorgungsstation zu sehen. Ist es aber auch nicht. Denn auch wenn die Menschen ihre Zeit nun zuhause verbringen – die Versorgung ist gesichert. Angst vor leeren Regalen ist – Stand heute – eher unbegründet. Und gerade dann wird sich der ein oder andere auch etwas gönnen.

Das international agierende Unternehmen Henkell Freixenet teilte beispielsweise mit, dass die Lieferungen aus heutiger Sicht bestmöglich organisiert seien. Engpässe werden zurzeit nicht erwartet. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und auch ordentlich bevorratet“, so ein Sprecher. Während leere Weinregale in Deutschland noch unwahrscheinlich scheinen, melden französische Medien, dass in Frankreich Rotwein geradezu gehamstert werde. Henkell Freixenet empfiehlt den Händlern deshalb, eng am Ball zu bleiben: „Wenn man zuhause bleiben muss, möchte man die Zeit bestmöglich gestalten.“ Und dazu gehöre auch Genuss und somit Wein, Sekt und Spirituosen.

„Die aktuelle Krise ändert das Kaufverhalten der Menschen, so dass sich der Fokus nun verstärkt auf die Grundlebensmittel, wie auch qualifizierte Milchprodukte, richtet“, sagt dazu Andreas Schneider, Geschäftsführer Schwarzwaldmilch. Und weiter: „Auf diese Sonderzuwächse, die als Reflex der Krise zu sehen sind, würden wir lieber verzichten wollen, um zum Ausgangszustand zurückzukehren mit einer ohnehin sehr positiven Entwicklung für unser Markensortiment“.

Hilft nichts: Hamsterkäufe sind an der Tagesordnung. Klopapier, Tiefgekühltes, Lagerfähiges, Trockenprodukte werden gekauft wie nie. Dabei gibt es keine Engpässe. Eigentlich. Denn nicht Corona, sondern die Hamsterer sorgen für sie.
Beispiel Kartoffeln. Der Absatz ist gerade enorm hoch. Die Kartoffelbetriebe arbeiten bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Hamstern ist aber falsch. Denn für die sachgemäße Lagerung im Privathaushalt ist der Frühling nicht die richtige Jahreszeit und somit der Kauf großer Kartoffelmengen weder von Vorteil, noch nötig. Der Kartoffelhandel in Deutschland hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit der Landwirtschaft eine Infrastruktur geschaffen, um deutsche Kartoffeln über das gesamte Jahr hinweg anbieten zu können. Dazu gehören u.a. Investitionen in moderne Lageranlagen mit Kühlung, die eine gleichbleibend hohe Qualität der Kartoffeln sicherstellen. So ist gewährleistet, dass der Lebensmitteleinzelhandel durchgehend mit Kartoffeln versorgt ist.

Ein Käse-Großhändler aus dem München berichtet von aktuell steigender Nachfrage, schaut aber unsicher auf die nächsten Tage. Großbäcker Mestemacher backt derzeit rund um die Uhr: „Wegen des Coronavirus liegt die Nachfrage nach Dosenbrot um 30 Prozent über dem Normalniveau“, sagte Ulrike Detmers, Vorsitzende der Geschäftsführung Mestemacher Management GmbH. Die pasteurisierten Mestemacher-Brote in der Dose sind bis zu einem halben Jahr haltbar.
Von den Hamsterkäufen profitieren im Drogerie-Segment aktuell nicht nur Hersteller von Desinfektionsmitteln und Toilettenpapier. Auch mit Kondomen bevorraten sich die Deutschen.

So hat sich die Nachfrage nach den Verhüterli von Ritex im aktuellen Monat gegenüber dem Vorjahreszeitraum fast verdoppelt. "Wir sehen hier sicherlich Vorratskäufe, um auch bei denkbaren Versorgungsengpässen nicht auf intime Zweisamkeit verzichten zu müssen", sagt Ritex-Geschäftsführer Robert Richter. Ritex produziere ausschließlich in Deutschland und sei nur in begrenztem Rahmen von den internationalen Lieferketten abhängig, so sei die Belieferungen mit Ritex Kondomen auf absehbare Zeit gesichert.

Und eine tolle Aktion, die man so nicht erwartet: Spirituosenhersteller Pernod Ricard hat angekündigt, Alkohol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln zu spenden und stellt in einigen Ländern Desinfektionsmittel in den eigenen Produktionsstätten her.