Lange Zeit strebten die Handelsunternehmen von den Innenstädten hin auf die grüne Wiese, die Zukunft für Tante-Emma-Läden schien düster auszusehen. Doch plötzlich ist das Thema Nahversorgung wieder ein großes Gesprächsthema. Sind kleine Läden in Zeiten des demografischen Wandels das Konzept für die Zukunft? Ginge es nach den Verbrauchern, ließe sich die Frage wohl bejahen. Laut einer Emnid-Befragung in Gemeinden mit bis zu 20.000 Einwohnern wünschen sich 56 Prozent einen kleinen Laden. In Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern sind sogar 60 Prozent der Befragten dafür.
Die Zahlen des EHI Retail Institute in Köln sprechen dagegen eine andere Sprache. Zwischen den Jahren 2000 und 2008 hat sich die Anzahl der Lebensmittelgeschäfte mit weniger als 400 qm Verkaufsfläche fast halbiert auf 23.048 Kleinflächen. War die Flächenproduktivität 2001 mit 4.547 Euro pro qm bei den kleinen Geschäften noch die höchste von allen Betriebsformen, lag sie vier Jahre später nicht nur deutlich darunter (3.886 Euro), sondern die Kleinflächen hatten auch ihre Spitzenposition unter den Betriebsformen verloren und rutschten ins Mittelfeld ab hinter SB-Warenhäuser und Discounter. 2009 lag die Flächenproduktivität nur noch bei 3.610 Euro pro qm.
Dass Unklarheit herrscht über die Zukunftsfähigkeit des Nahversorger-Konzepts, liegt möglicherweise auch an der Definition. Ist ein Nahversorger nur der Dorfladen um die Ecke, der wie die Klieburg-Scheune in Wassenach auf private Initiative oder wie das „Lädchen für alles“ von Bürgern gemeinsam mit Tegut (siehe S. 14) entsteht? Oder wird ein Nahversorger über die Fläche definiert? Bei Rewe, Kaiser’s, Konsum Dresden und Konsum Leipzig sind die meisten Nahversorger unter 1.000 qm, der größte hat 1.450 qm. Die Edeka, obgleich vor allem durch die Übernahme von Spar mit unterschiedlichen Kleinformaten auch in ländlichen Gebieten sehr präsent, legt einen anderen Maßstab an. „Unsere Märkte mit einer Verkaufsfläche ab 1.500 qm sind qualifizierte Nahversorger“, sagt Sprecher Gernot Kasel. Edeka-Chef Markus Mosa hatte schon im April verkündigt, dass die Genossenschaft vor allem mit Märkten ab dieser Größenordnung expandieren will. „Wir glauben nicht an die Renaissance der Tante-Emma-Läden“, bestätigte eine Edeka-Führungskraft im Gespräch mit der LP den Trend der Gelb-Blauen zu größeren Märkten. Kleinere Flächen kommen Gernot Kasel zufolge nur infrage, wenn es geeignete Standorte in Hochfrequenzlagen gibt.
Die Jungbluthgasse in Köln-Junkersdorf ist das Gegenteil einer solchen, sie liegt mitten in einem Wohngebiet. Dort erwehrt sich Marco Daub, Inhaber eines 580 qm großen Edeka-Aktiv-Markts, der immer stärker werdenden Konkurrenz. Im direkten Umfeld gibt es Rewe, Globus, Lidl, Aldi und ein E-Center. Kaufland hat wegen des dichten Wettbewerbs wieder geschlossen. „Wir haben uns spezialisiert, nur so können wir überleben“, sagt er. Die Frische macht 60 bis 70 Prozent des Sortiments aus. Marcos Mutter Inge Daub, Leiterin der Käsetheke und der Feinkostabteilung, bereitet mehrere Käsespezialitäten selbst zu und bezieht zum Beispiel ausgefallene Käsesorten aus einer kleinen Käserei in Frankreich. Außerdem hat der Markt seit September montags bis freitags bis 20 Uhr und samstags bis 18 Uhr geöffnet. „Wir hatten Umsatz verloren. Durch die längeren Öffnungszeiten haben wir den wieder reingeholt“, sagt Marco Daub. Auch der ebenfalls im September eingeführte täglich wechselnde warme Mittagsimbiss und die frischen Frikadellen an der Fleischtheke, von denen jeden Tag 120 Stück verkauft werden, kommen bei den Konsumenten gut an. 90 Prozent sind Stammkunden, immer weniger jedoch erledigen ihren kompletten Einkauf bei Daubs, die den stetig vergrößerten Markt seit 60 Jahren am selben Standort betreiben. Gern genutzt wird der Lieferservice, den es dreimal wöchentlich gibt – gegen eine Servicegebühr von 3 Euro pro Anfahrt. All diese Aktionen helfen, die Kunden zu halten. Neue kommen jedoch selten hinzu, was auch, so vermutet Inge Daub, an der versteckten Lage des Geschäfts liegen könnte. Doch Marco Daub gibt sich kämpferisch: „Ein Nahversorger hat immer seine Daseinsberechtigung.“ Um in die großen Läden zu fahren, brauchen die Leute ein Auto. „Zu uns können sie auch zu Fuß oder mit dem Rad kommen“, sagt der Händler, glaubt aber auch: „Die Kunden sind nicht bereit, bei Produkten des täglichen Bedarfs für Nähe mehr zu zahlen.“
Das sieht Hans-Philipp Okle, Geschäftsführer der Okle Großhandelszentrale, anders. Er ist der Meinung, dass kleine Nachbarschaftsläden wie die „Um’s Eck“- oder Landmarkt-Märkte ein hohes Potenzial haben, weil „der Mensch Sicherheit statt klitzekleiner Staunepreise, Herkunft statt Anonymität, Persönlichkeit statt Beliebigkeit, gezielten Einkauf statt Massensuche, Verlässlichkeit statt Windeiern liebt“ (siehe Interview, S. 17). Auch der Vorstandsvorsitzende von Konsum Dresden, Roger Ulke, hält die Nahversorgung wegen steigender Mobilitätskosten und der demografischen Entwicklung für zukunftsfähig. „Für Vollsortimenter ist das eine große Chance – aber auch eine Herausforderung, denn die meist beschränkteren Räumlichkeiten erfordern eine Selektion der angebotenen Artikel. Und wer hierbei nur auf Schnelldreher setzt, der endet als Discounter“, sagt Ulke. Bei der Rewe, wo der Nahversorger in der Stadt und auf dem Land ein „unverzichtbarer Bestandteil“ bei den Vertriebsformaten ist, den es auszubauen gilt, ist man sich ebenfalls der Herausforderungen bewusst. Denn auch Kleinflächen müssen sich rechnen. Das ist in der Stadt für „Emmas Enkel“ in Düsseldorf (siehe Check Up, S. 24) oder den Testmarkt „Rewe to go“ in Köln leichter als auf dem Land, wo die Bevölkerungsdichte und damit die potenzielle Kundenanzahl sinkt.
In vielen Orten und sogar in einigen Stadtteilen von Koblenz oder Köln lohnt sich kein Laden mehr, sodass Heiko als mobiler Nahversorger einspringt. Damit die Dörfer nicht sterben, gründen Bürger eigene Läden, deren Funktion mehr ein sozialer Mittelpunkt im Ort als ein reiner Versorger ist, oder sie engagieren sich zum Beispiel beim „Lädchen für alles“ von Tegut. „Es geht uns darum, wieder eine kleine überschaubare und persönliche Einheit zu schaffen, die weniger durch ein System als vielmehr durch das Zusammenwirken von Menschen getragen wird, und daher immer anders auftreten wird, so wie es gerade vor Ort notwendig ist“, erklärt Vorstandschef Thomas Gutberlet das Konzept.
