ECT-Tag Über alle Kanäle

Welchen Nutzen vernetzte Systeme Herstellern und Handel bieten, zeigte eindrucksvoll der ECR-Tag 2022. Am PoS erschließt die digitale Ansprache neue Kundengruppen.

Freitag, 21. Oktober 2022 - Management
Susanne Klopsch
Artikelbild Über alle Kanäle
Bildquelle: GS1 Germany

Endlich mal wieder „in echt“ miteinander reden. Rund 700 Teilnehmer nutzen dies beim jüngsten ECR-Tag in Düsseldorf ausgiebig. Die Messe hatte ein pickepackevolles Programm auf die Beine gestellt. Kein Wunder, denn die digitale Ansprache der Kunden am PoS, die digitalen Lösungen in der Logistik, am Regal, beim E-Commerce oder im Marketing sind vielfältig und geben ganz neue Möglichkeiten für Handel und Hersteller. Einige Beispiele:

Kundenansprache mit Messenger
Geschäftsführer Roland Siebert von Slace stellte den digitalen Kundendialog im stationären Handel mittels Messenger vor. Die Idee: „Machen Sie Ihre anonymen Kunden bekannt und adressierbar“, wie es auf der Website des Berliner Unternehmens heißt. 6,1 Millionen Menschen nutzen derzeit den Messenger-Dienst Whatsapp täglich. Um sie über diesen Kanal zum Beispiel auf Coupons anzusprechen, eignet sich etwa ein QR-Code am Regal, auf den mittels Wobbler hingewiesen wird. Der Kunde wählt den favorisierten Messenger aus und bekommt den Coupon zugeschickt, den er in der Filiale einlösen kann. Ein erhebliches Plus an Reichweite gibt es durch die Weiterleitung des Coupons etwa an einen Freund – Daten, die der Händler für sich nutzen kann.

Kameras gegen Out-of-Stocks
Wie der französische Lebensmitteleinzelhändler Monoprix mithilfe von Captana die nächste Stufe der Digitalisierung schaffte, berichtete Damien Pichot, COO und Head of Logistics and Supply Chain. Bereits 2018 hatten die Franzosen in den 100 umsatzstärksten Filialen das Vusion-System installiert, ein cloudbasiertes, infrastrukturunabhängiges (infraless), intelligentes Label-Management, sowie Ad Shelf, die Plattform für digitale Kundenansprache in den Filialen. 2021 folgte der Roll-out der Captana „CV + Sensor Cloud“-Plattform. Ziel: die von Kunden in Umfragen beklagten Out-of-Stocks in den Griff zu bekommen. „Es gibt viele 1er-Facings in unseren Filialen“, sagte Pichot dazu.

Lücken in den Regalen erfassten die Mitarbeiter bislang nach Ladenschluss mit Handscannern am (elektronischen) Etikett – laut Pichot ein Arbeitsaufwand in den 100 größeren Geschäften von etwa 40.000 Arbeitsstunden. Mit der neuen Captana-Lösung machen die jeweils etwa 120 Kameras pro Filiale alle 30 Minuten ein Foto des ihnen zugewiesenen Regals. Dieses wird in der Cloud in ein für die Planogramme lesbares Format umgewandelt, Lücken werden so rasch identifiziert. Die Information geht umgehend an die Tablets der Mitarbeiter auf der Fläche. „Die Kameras überwachen etwa 10.000 SCU pro Laden“, sagt Pichot. Erfasst werden Regale im Trocken- und Frische-Sortiment, bei Tiefkühlkost und im Bereich Care. Menschen werden dabei nicht fotografiert, wie der Monoprix-Manager betont. Im Ergebnis spricht Pichot von einem Umsatzplus von 1,9 Prozent über alle Filialen. Zudem habe sich die Warenverfügbarkeit auf 96 Prozent erhöht.

Neue Wege im E-Commerce
Nachhaltig online handeln? Dieser Fragestellung ging Philip Lange nach, Projektleiter E-Commerce bei Alnatura. In Frankfurt und Berlin läuft derzeit der Test in elf Märkten. Das Besondere: Die eigenen Mitarbeiter kommissionieren die Lieferung und stellen diese auch per firmeneigenen E-Auto zu. Das Sortiment kommt aus dem betreffenden Markt, inklusive Ost und Gemüse sowie Brot und Käse. Technischer Partner ist das Schweizer E-Commerce-Start-up Farmy. Und warum wurde eine Lösung eingekauft und nicht selbst aufgesetzt? Lange: „Analog dem ECR-Gedanken ‚Effiziente Zusammenarbeit von Hersteller, Lieferant, Mittler und Händler zur Optimierung der Wertschöpfungskette‘ ist die Entscheidung gefallen, den Lieferdienst mit Farmy als Online-Pionier gemeinsam zu entwickeln.“ Für Farmy ist Alnatura der erste Großkunde aus dem Ausland, der den technischen Werkzeugkasten der Schweizer nutzt.

Lange: „Wir haben von Anfang an großen Wert darauf gelegt, die Mitarbeiter in diesen Prozess, diesen Aufbau zu integrieren. Ohne sie ginge es nicht.“ Nicht jeder Mitarbeiter könne oder wolle etwa zustellen. Zur Skalierbarkeit wollte Lange noch nichts sagen. Er ist sich aber sicher, dass nicht jeder Standort für diese Art des E-Commerce geeignet sei.

Kosmos für Tierhalter
„Unsere App wird der zentrale Punkt unseres Ökosystems“, sagte Fressnapf-Chef Torsten Toeller. Hier soll der Tierhalter alles fürs Tier finden: Futter, Spielzeug, aber auch sofortige Hilfestellung durch Tierärzte (Dr. Fressnapf), Hilfe bei der Suche nach Dogwalkern oder dem Hundesitter. Die kostenlose App ist seit 2021 verfügbar und wurde bislang etwa zwei Millionen Mal heruntergeladen. Der Onlineshop ist komplett integriert, es gibt die klassischen Angebote wir Schnäppchen-Coupons oder Marktsuche, aber auch ganz neues wie das Vorteils- und Loyality-Programm „Fressnapf Friends“.

Im Rahmen dieser Strategie werden die stationären Läden nach und nach modernisiert, das Sortiment erweitert (rund 1.200 Produkte mehr) und sukzessive mit digitalen Features ausgerüstet. Dazu gehört etwa der Zugriff auf den Bestellservice oder der Lieferservice mit Wolt. Auch der Handzettel passt laut Toeller derzeit in diesen Kosmos: Er werde sicher irgendwann wegfallen, „aber jetzt noch nicht“. Nur digital geht heute dann doch noch nicht am PoS.

Einfach gut gemacht

Zum 20. Mal wurden die ECR-Awards vergeben.
Preisträger in der Kategorie Operational Excellence: Beiersdorf, dm, Markant und Rossmann entwickelten eine KI-gesteuerte Plattform, um Lieferquoten, Logistik- und Produktionsprozesse zu optimieren. Das Resultat: eine 33-Wochen-Prognose je Handelslager hinsichtlich der zu erwartenden Wochenlieferung pro Artikel. In der Praxis zeigt sich, dass die Prognosen nachweislich helfen, die Produktionsplanung genauer zu steuern, Lieferausfälle zu vermeiden und auf Schwankungen zu reagieren.

Kategorie Sustainability Excellence: Im Forum Rezyklat engagieren sich mehr als 60 Unternehmen, um die Kreislaufwirtschaft für Verpackungen zu fördern und nachhaltig weiterzuentwickeln. Die Jury würdigt diese Arbeit für neue, nachhaltige Wege als Leuchtturmprojekt.
Kategorie Innovation Excellence: Cloud4Log gewann mit dem kooperativen Lösungsansatz einer neutralen Datendrehscheibe für digitale Warenbegleitpapiere, die den Wettbewerb nicht behindert.