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Altersvorsorge Kein Geld verschenken!

Heidrun Mittler | 09. Oktober 2020
Altersvorsorge: Kein Geld verschenken!
Bildquelle: Getty Images

Clever: junge Menschen, die vom ersten Tag an Förderung für die betriebliche Altersvorsorge kassieren. Arbeitgeber und Staat fördern ihre Mitarbeiter, damit diese später mehr Geld im Portemonnaie haben.

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Wow, der allererste Arbeitstag ist so aufregend! Saskia, Azubine im ersten Lehrjahr, findet die Einführungsveranstaltung total spannend. Ihre Ausbilderin ist supercool, und Saskia darf zum Start gleich in die Süßwarenabteilung!

Nur der Typ von der Personalabteilung war dröge, er hat etwas von betrieblicher Altersvorsorge erzählt. Wie soll sie denn von ihrem Ausbildungsgehalt noch etwas sparen? Erst einmal braucht sie dringend die ultrascharfe Handyhülle zum Umhängen. Außerdem: Sie ist 18. Wer denkt dann schon an die Rente?

Schade, schade, mit dieser Entscheidung hat Saskia viel Geld in den Sand gesetzt. Hätte sie doch nur den Antrag zur betrieblichen Altersvorsorge unterschrieben! So aber entgeht der jungen Frau Geld vom Arbeitgeber – ohne, dass sie selbst einen Cent dazugeben müsste. Über den Daumen gepeilt handelt es sich während der Ausbildung um 150 Euro Unterstützung pro Jahr. Sobald Saskia ausgelernt hat, erhöht sich die Summe sogar auf 300 Euro. Aber: Viele Auszubildende rufen die Unterstützung, die zum Beispiel im Tarifvertrag Handel festgeschrieben ist, nicht ab.

Andre Detjens, Kommunikationsmanager bei der Hamburger Pensionsverwaltung, geht davon aus, dass bis zu 50 Prozent aller neuen Auszubildenden im Handel dieses Geld verschenken. Dabei wäre es so wichtig, früh vorzusorgen. Schließlich wird die gesetzliche Rente kaum ausreichen, einen angemessenen Lebensstandard zu halten.

Wer früh anfängt, bleibt dabei
Personen, die schon während der Ausbildung mit einer betrieblichen Altersvorsorge begonnen haben, bleiben meist auch später im Berufsleben dabei. Das Auseinandersetzen mit dem Thema, das Selbstkümmern, das Sparen werden normal – es entwickelt sich eine Art Automatismus.

Detjens arbeitet unter anderem für die „Hamburger Pensionskasse von 1905 VVaG”, mit der viele Unternehmen aus der Branche zusammenarbeiten. Aus dem Handel sind als Partner zum Beispiel Edeka, Rewe, Globus, Aldi, Netto, Bela, Real, Metro oder Migros zu nennen. Auf Seite der Produzenten kommen Coca-Cola, Ferrero, Arla, Ritter Sport, Reinert, Hochland und noch viele weitere dazu.

Natürlich geht es auch, aber nicht nur um die Förderung bei der betrieblichen Altersvorsorge. Sobald Saskia (wahrscheinlich erst, wenn sie ausgelernt hat und fest im Handel arbeitet) monatlich Geld erübrigen kann, kann sie aktiv sparen, also in ihre berufliche Altersvorsorge einzahlen. Die Summe bekommt sie erst gar nicht ausgezahlt, sie wird stattdessen vom Bruttogehalt abgezogen. Die Fachleute sprechen von der „Entgeltumwandlung“, die sowohl Saskia als auch ihrem Arbeitgeber Steuervorteile bringt.

Familie? Neue Perspektive!
Alle Arbeitgeber kämpfen grundsätzlich mit den gleichen Schwierigkeiten, wie Detjens weiß: „Altersvorsorge interessiert die Menschen häufig erst später, zum Beispiel, wenn sie selbst Eltern werden. Aber dann haben sie viele Jahre verloren.“ Eine Einschätzung, die Nastaran Amirhaji von Aldi Süd teilt: „Bei jungen Menschen ist das Thema vermutlich noch nicht so präsent.“

Auch Gerd Eiletz, Personalleiter bei den Hieber’s Frische-Centern, berichtet, dass Altersvorsorge „kein Selbstläufer“ ist. Das Thema ist sperrig, nicht einfach zu verstehen. Aber: „Es kommt drauf an, wie man es kommuniziert.“ Er betont, dass der Abschluss „immer eine freiwillige Entscheidung des Mitarbeiters sein muss“, man wolle niemanden überreden.

Aktionstage bei Hieber
Das Familienunternehmen Hieber setzt auf fundierte Aufklärung. Dazu hat man zwei Kooperationspartner – in diesem Fall die Sparkasse und eine Versicherung – zu einem firmeninternen Aktionstag eingeladen. An dem Tag konnten die Partner ihre Vorsorgemöglichkeit vorstellen. In den Wochen danach gab es die Möglichkeit für alle Hieber-Mitarbeiter, sich während der Arbeitszeit von den Experten im Einzelgespräch individuell beraten zu lassen. Nach einer solchen Aktion steigt die Zahl der Abschlüsse deutlich an. Auch bei Hiebers zeigte sich: Es sind nicht die ganz jungen, sondern die Mitarbeiter mit eigener Familie, die sich Gedanken um die Rente machen.

Ziel: Mitarbeiter binden
Warum das Unternehmen den Aufwand betreibt? Personalleiter Eiletz: „Wir kümmern uns um unsere Mitarbeiter.“ Egal ob Jobrad, Tanzkurs, Gesundheitsprogramme, Zuschuss zum Fitnessstudio oder Altersvorsorge: Alle diese Punkte, helfen, den Mitarbeiter ans Unternehmen zu binden. Die Globus-Gruppe bietet ihren Mitarbeitern noch weitere Möglichkeiten, Kapital anzusparen.

Hohe Quoten bei Filialisten
Gut aufgestellt in Sachen Vorsorge sind einige Filialunternehmen. So zahlt Lidl allen rund 83.000 Mitarbeitern nach sechs Monaten Betriebszugehörigkeit eine jährliche Altersvorsorge von bis zu 300 Euro. „Die Zahlung erfolgt automatisch und muss nicht vorab durch die Kollegen beantragt werden.“ Aldi Süd betont, dass „nahezu alle Azubis die tarifliche Altersvorsorge nutzen“, die man als Arbeitgeber zusätzlich anbietet und finanziert. Kaufland betont, dass das Angebot zur tariflichen Altersvorsorge „über die bestehenden Regelungen in den Tarifverträgen hinaus” gehe. Überdies melde man freiwillig alle Mitarbeiter und Auszubildenden zur tariflichen Altersvorsorge an.

Bei vielen selbstständigen Kaufleuten hingegen gehört die Vorsorge zum Berufsstart nicht zu den Lieblingsthemen, sondern wird vielfach mit wenig Personalaufwand abgearbeitet. „Da gäbe es noch viel zu tun“, weiß ein Personalentwickler, der für eine ganze Region verantwortlich ist. Er weiß: Es reicht eben nicht, einen Flyer auszuhändigen und die Mitarbeiter damit allein zu lassen.

Die Kooperationspartner
Der Gesetzgeber schreibt zwar vor, dass der Arbeitgeber eine betriebliche Altersvorsorge bieten muss. Aber welcher Art und mit welchem Kooperationspartner, das bleibt dem Arbeitgeber überlassen. In der Praxis dominieren im Handel zwei Modelle: Versicherungen und Pensionskassen.

Die „Hamburger Pensionskasse von 1905 VVaG“ ist das „Dach“ für betriebliche Vorsorgen, die bei vielen Unternehmen einen eigenen Namen hat: etwa die Rewe Group-Pensionskasse. Insgesamt sind rund 3.000 Mitgliedsunternehmen und mehr als 760.000 Beschäftigte versichert.

Kommunikationsmanager Andre Detjens betont die Finanzstärke der Hamburger Pensionskasse. Eine „sehr vorsichtige Kalkulation“ der Tarife sowie „eine effiziente Verwaltung“ kommen demnach den Mitgliedsunternehmen zugute. „Die Arbeitnehmer profitieren von einer überdurchschnittlichen Verzinsung, den in der Branche niedrigsten Verwaltungskosten und der guten Absicherung ihrer Pensionskassenrente“, fasst Detjens zusammen.

Aber waren Pensionskassen (aus anderen Branchen) nicht gerade negativ in den Schlagzeilen, weil sie ihre Renten kürzen müssen? Dazu Detjens: „Es ist richtig, dass einzelne Pensionskassen unter anderem aufgrund des anhaltenden Niedrigzinsumfelds mit Problemen zu kämpfen haben.“ Die Hamburger Pensionskasse ist nach eigener Aussage hiervon nicht betroffen. Sie „steht sehr solide da und die Versorgungsleistungen sind nachhaltig finanziert“, sagt Detjens.

Also Saskia, worauf wartest du noch? Mach dich schlau, lass dich beraten, kümmere dich! Und die angesagte Handyhülle passt trotzdem noch ins Budget.

Auf einen Blick

Wichtige Fakten zur betrieblichen Altersvorsorge, einfach erklärt:
Die betriebliche Altersvorsorge ist eine Säule der Altersvorsorge, neben der gesetzlichen Rente und der privaten Altersvorsorge. Die Bundesregierung will die betriebliche Altersvorsorge stärken.

Wie funktioniert sie?
Der Staat fördert massiv: Arbeitnehmer können Beiträge vom Bruttogehalt (sogenannte Entgeltumwandlung) bis zu einer Höchstgrenze steuer- und sozialabgabenfrei in die betriebliche Altersvorsorge über einen externen Dienstleister einzahlen. Dadurch reduziert sich das zu versteuernde Einkommen und zusätzlich sparen Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer Sozialversicherungsbeiträge.

Der Arbeitgeber gibt einen Zuschuss: Die bei der Einzahlung aus dem Bruttogehalt eingesparten Sozialabgaben des Arbeit- gebers fließen ebenfalls mit ein. Abhängig von der vertraglichen Grundlage gilt dies für neue Verträge ab 2019, für bestehende Verträge ab 2022.

Wer hat Anspruch?
Einen Rechtsanspruch auf betriebliche Altersvorsorge durch Entgeltumwandlung haben alle Arbeitnehmer, auch Auszubildende und Mitarbeiter in Teilzeit. Geringfügig Beschäftigte (Minijobber) haben diesen Anspruch nur, wenn sie Beiträge in die Rentenversicherung zahlen.

Welche Modelle gibt es?
Es gibt verschiedene Formen der betrieblichen Altersvorsorge. Der Arbeitgeber entscheidet, welches Modell er anbietet. Es gibt die Abwicklung über externe Dienstleister, wie eine Direktversicherung, Pensionskassen oder -fonds. Intern über den Arbeitgeber können Unterstützungskassen oder Direktzusagen angeboten werden.

Wo bekomme ich Informationen?
Informieren Sie sich bei Ihrem Arbeitgeber, was er anbietet!
Für einen schnellen Überblick im Internet:
www.ihre-vorsorge.de.
Detaillierte Informationen zu Pensionskassen: www.hhpk.de.
Speziell für Berufseinsteiger:
www.rentenblicker.de.