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Coronakrise Im Ausnahmezustand

Christina Steinhausen | 20. März 2020
Coronakrise: Im Ausnahmezustand
Bildquelle: Getty Images

Das öffentliche Leben erlahmt, die Krise hat Konjunktur. Höhere Gewalt führt ins Homeoffice, Corona in die Quarantäne

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Die Wirtschaft war einer der ersten Corona-Patienten, zuerst „nur“ in China, dann hat das Virus binnen Wochen ganze Lieferketten und Handelsströme nahezu lahmgelegt. Wir Bundesbürger erleben zum ersten Mal in großem Maßstab die negativen Seiten der globalisierten Vernetzung. Als vor Wochen die Autobauer und der Maschinenbau-Sektor Alarm gaben, hielten sich Aufregung und Mitleid noch in engen Grenzen, als Apotheker- und Handelsverbände sich äußerten, weil etwa Medikamentenbestandteile nicht mehr die Produktionsstätten erreichen, weil Fabriken stillstehen, weil Container in Häfen festliegen, weil Sperrzonen existieren, da kam die große Panik, Hamsterkäufe, Hysterie.

Italien, bestens vernetzt mit Chinas Textilwirtschaft, war zuerst betroffen. Weil man Panik verhindern wollte und zu lange mit zu sanften Methoden versucht hat, der Sache Herr zu werden – und während dessen tausende Infizierte nach Süditalien gereist sind – steht nun der komplette Stiefel-Staat unter Quarantäne, der Vatikan hat den Petersplatz abgeriegelt.

Nüchtern betrachtet, ist uns Italien immer nur ein paar Wochen voraus. Selbst die Kanzlerin wird zitiert, sie gehe davon aus, dass 60 bis 70 Prozent der Deutschen Corona bekommen. Für 80 Prozent aller Infizierten ist der Verlauf kaum merklich bis ertragbar, gefährdet sind alte Menschen, solche, die mit anderen Krankheiten vorbelastet sind, Schwache. Ihnen droht der Tod.

28.000 Intensiv-Betten, größtenteils mit Beatmungsgerät und allem Drumherum, gibt es in Deutschland. Das ist jetzt der limitierende Faktor. Die Politik hat sich nun selbst verschrieben, dass die Kurve der Infizierten möglichst langsam ansteigen soll, damit die Krankenhäuser (Betten, Technik, Personal) und das ganze Gesundheitssystem möglichst lange Zeit haben, sich vorzubereiten, und damit man den Verlauf auf dem Höhepunkt der Krise noch managen kann. Den Höhepunkt erwartet Deutschland erst in einigen Wochen. Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass uns Corona noch bis zum Sommer erhalten bleibt – mindestens.
Corona führt zur Quarantäne, höhere Gewalt zum Homeoffice. Erste Kindergärten und Schulen sind zu, Messen und Veranstaltungen werden verschoben oder fallen aus. Die Schweiz hat vor Wochen Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern verboten, in Deutschland regt das der Bundesgesundheitsminister auch an, kann aber nur beschränkt agieren, Länder-Sache. Für das Genehmigen, Untersagen oder die Auflagen für Veranstaltungen sind sogar die Kommunen zuständig.

Um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen, dürfen nun nach Einholen einer Genehmigung in Baden-Württemberg Lastkraftwagen auch an Sonn- und Feiertagen fahren. Im Ländle eröffnet die Landesregierung vorsorglich und vorübergehend zudem die Möglichkeit für Ausnahmegenehmigungen von Arbeitszeitregelungen. So könnten Betriebe die aktuellen Herausforderungen reibungslos mit ihrem vorhandenen Personal bewältigen, etwa das Auffüllen von Regalen oder das Kommissionieren von Waren. Beantragt werden kann auch, dass die tägliche Höchstarbeitszeit überschritten oder auch an Sonn- und Feiertagen gearbeitet werden darf. Diese Regelungen gelten befristet bis zum 30. April.

Gestandene Kaufleute mit jahrzehntelanger Erfahrung haben so etwas wie in den vergangenen zwei Wochen noch nicht erlebt: Keine Nudel mehr im Regal, Desinfektionsmittel nicht mehr lieferbar, Toilettenpapier ausverkauft. Die neuesten Zahlen von Nielsen (siehe Tabelle auf dieser Seite) zeigen den Wahnsinn der Hamsterkäufe. Schon ohne Corona sind ja bekanntlich 70 Prozent unserer Entscheidungen emotionalgesteuert und fallen unterbewusst, derzeit so scheint es, sind oftmals nicht nur Handels-, sondern auch Hirnströme lahmgelegt.

Die Finanzmärkte sind schon längst auf Talfahrt, fast alle globalen Aktienindizes kennen fast nur eine Richtung: nach unten. Tritt das von den Ökonomen der OECD befürchtete Worst-Case-Szenario ein, könnten der Weltwirtschaft eine Billion Euro Schaden entstehen. Eine Rezession wäre wahrscheinlich. Gegen Entlassungen und Firmenpleiten helfen Hamsterkäufe nicht. Die Politik lockert Regeln, erleichtert Kredite und Kurzarbeit.
Mundschutz kann helfen, Hände waschen, Husten- und Nieshygiene auch.