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Brexit Sie tun es wirklich

Boris Planer | 17. Februar 2017

Man konnte sich das als Europäer nicht recht vorstellen, doch die Briten wollen es wissen: Der harte Brexit kommt. Den Kopf in den Sand zu stecken, wäre falsch. Die Gelegenheit ist günstig, neue Märkte zu erschließen.

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Auf außenstehende Beobachter kann das, was sich aktuell in der britischen Politik abspielt, eigentlich nur befremdlich wirken. Falls es Sie tröstet: Auch wir im deutschen Büro einer globalen britischen Handelsanalysegruppe reiben uns weiterhin die Augen, obwohl wir vermutlich etwas näher am Geschehen sind. Die Verwunderung bleibt jedoch auch uns erhalten, trotz zahlreicher Gespräche mit Einheimischen, in denen wir ehrlich versucht haben, die Perspektive der Leavers zu verstehen.

Der Autor

Boris Planer ist Chef-Ökonom bei Planet Retail in Frankfurt. Er berichtet im Wechsel mit seinen Kollegen an dieser Stelle über Entwicklungen im internationalen Handel.

Mehr als sieben Monate nach dem Referendum stellt sich die Lage vereinfacht wie folgt dar: Großbritannien hat traditionell zwei große strategische Wirtschaftspartner, Europa und die USA. Die eine Partnerschaft, und zwar die wesentlich bedeutsamere – also die mit der EU – wird gerade mit einer riesigen Ladung TNT in die Luft gesprengt (Theresa May hat den harten Brexit angekündigt). Die andere, die mit den USA, ist wesentlich kleiner und zudem unsicher, da die Trump-Regierung tatsächlich einen harten protektionistischen Kurs zu fahren scheint („America first“ ist hier das Motto).

Die Regierung May verkauft ihrer Wählerschaft derweil ein etwaiges Handelsabkommen mit den USA als Ersatz für die EU-Mitgliedschaft und suggeriert der Öffentlichkeit, sie könne sich aussuchen, was für einen Deal sie mit Europa bekommt. Das ist abenteuerlich. Auf europäische Lebensmittelhersteller, die einen entscheidenden Anteil ihres Geschäfts mit Großbritannien abwickeln, wartet ein schwieriges Jahr 2017. Schon jetzt hören wir aus Lieferantenkreisen, dass die führenden britischen Händler trotz der enormen Pfundschwäche kaum bereit sind, ihren europäischen Lieferanten preislich entgegenzukommen. Kein Wunder, denn die führenden Supermarktbetreiber haben die deutschen Discounter im Nacken. Das kostet Marge. Besonders Lieferanten von rohstoffnahen Produkten, bei denen es schwierig ist, sich zu differenzieren – Obst, Gemüse, Fleisch und Milchprodukte etwa – haben relativ wenig in der Hand, wenn es ans Verhandeln geht.

Nach einem Brexit – also wohl ab dem Frühjahr 2019 – kommen vermutlich Einführzölle, erhebliche Bürokratie und allmählich divergierende Produktstandards hinzu. Möglicherweise zeichnen sich hier zahlreiche in die Instabilität kippende Geschäftsbeziehungen ab. Das schwache Pfund ist eindeutig nur der Anfang der Brexit-Story. Der Brexit ist kein Ereignis, sondern ein jahrelanger Prozess.

Unsere Botschaft deshalb an die Lebensmittelindustrie, und besonders an Lieferanten, für die Großbritannien ein wichtiger Markt ist: Der Februar 2017 ist ein guter Zeitpunkt, sich nach neuen Absatzmärkten umzuschauen.

Da es mit den USA zur Zeit ja auch nicht so einfach ist (TTIP ist im Prinzip vom Tisch), bieten sich neben den üblichen westeuropäischen Märkten auch Mittel- und Osteuropa, Asien, Lateinamerika und Afrika an. In unseren Kundengesprächen wird in etwa immer wieder deutlich, wie wenig bisher von der ungeheuren Dynamik, mit der Asien seinen Aufstieg fortsetzt, hierzulande wirklich verinnerlicht worden ist.

Selbst in den ärmeren asiatischen und afrikanischen Ländern gibt es Dutzende von urbanen Märkten mit zweistelligen Millionenzahlen an Einwohnern. Man muss da gar nicht nur an Länder denken. Und man muss auch nicht auf die westlichen Handelsketten warten. Go discover.