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Flüchtlinge Fokus arabische Küche

Heidrun Mittler | 11. März 2016

Der Handel ist in punkto Sortiment gut aufgestellt, damit Flüchtlinge bei ihm einkaufen. In erster Linie profitieren Discounter von den neuen Kunden. An vielen Supermärkten aber läuft das Geschäft vorbei.

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„Seit letztem Jahr ist ein Flüchtlingsheim hier bei uns in der Nähe“, berichtet Daniel Renkiewicz, der im Marktkauf auf Schalke für die Bedienungstheken zuständig ist. Erstaunlicherweise werden nun vermehrt Schweineköpfe und -lungen nachgefragt – „Sachen, die man sonst gar nicht mehr verkauft“. Das Team der Fleischtheke gehet gern auf die Verbraucherwünsche ein, denn, so Renkiewicz: „Jeder neue Kunde ist ein guter Kunde.“ Mit dieser Aussage bringt er auf den Punkt, wie es im Handel läuft: Man freut sich über den Zusatzumsatz.

Welche Ethnien zählen zu den Neukunden?
Muslime zählen wahrscheinlich nicht zu den neuen Kunden auf Schalke, denn Schwein steht wahrlich nicht auf deren Speiseplan. Aber: Handel ist nun einmal abhängig vom Standort. In Städten mit vielen Flüchtlingen aus Syrien, Iran, Irak oder Afghanistan haben Produkte aus der arabischen Küche Konjunktur. So berichtet Andreas Brinker von der Gartenbauzentrale Papenburg bundesweit über steigende Nachfrage nach frischer Minze und Koriander – wobei gerade Koriander sehr empfindlich ist und dem Handel nicht immer Freude bereitet. Zudem sind Kichererbsen und Produkte mit dieser Zutat im Aufwind, wie die Uplegger Food Company bestätigt, die unter anderem Houmous von Sabra Mezze vertreibt.

„Wir gehen derzeit nicht davon aus, dass sich die Sortimente in den Rewe-Märkten ändern werden“, schätzt Thomas Bonrath, Pressesprecher bei der Kölner Rewe Group, die Lage ein. Die Flüchtlinge hätten aktuell keinen Einfluss auf die Sortimente, weder in filialisierten Märkten noch bei den Selbstständigen.

Von ihrem Taschengeld erwerben die Flüchtlinge in erster Linie drei Dinge, so die Beobachtung der Rewe Group: Telefonkarten, Tabakerzeugnisse und Süßigkeiten. Sobald sie das Aufnahmelager verlassen und in eine Kommune umziehen, erhalten die Flüchtlinge in der Regel Unterstützung, die etwa auf dem Niveau der Sozialhilfe liegt.

„Gerade auf den größeren Flächen gehören Produkte aus der arabischen Küche wie Couscous, Bulgur oder die Gewürzmischung Ras el-Hanout ohnehin zum Sortiment“, beschreibt Pressesprecher Bonrath die Situation in den Rewe-Märkten.

Discounter forcieren ihr mobilfunk-angebot
Aldi Süd stellt „keine signifikanten Veränderungen im Absatz einzelner Warengruppen“ fest, bietet aber als Reaktion auf das stark nachgefragte Mobilfunk-Paket die Kundeninformationen unter anderem in Arabisch, Englisch, Türkisch und Französisch an.

Kaufland verzeichnet in seinen Filialen zwar viele Flüchtlinge als Kunden, die hier ihr Taschengeld ausgeben, insbesondere für Telefonkarten und Drogerieartikel. Aber Sortimentsveränderungen seien nicht gefragt, schließlich biete man bereits ein sehr breit gefächertes Angebot an Spezialsortimenten. Und überdies, heißt es bei Kaufland: „Unsere Kunden stellen seit jeher einen Querschnitt der Gesellschaft dar, in dem viele verschiedene Nationalitäten vertreten sind.“

Lidl verweist darauf, dass man sich bei der Sortimentsgestaltung stets an den Wünschen von Millionen Kunden orientiere und laufend das Produktangebot optimiere. Man biete „Produkte für das tägliche Leben, die für möglichst viele Menschen in Deutschland erschwinglich sind“.

Allerdings stellt sich die Frage, wo die Asylbewerber ihren Bedarf an Couscous, Bulgur und Rosenwasser decken. Ein Teil dieses Geschäfts läuft offensichtlich am deutschen Handel vorbei, wie das nebenstehende Kurzinterview mit Moritz Franken zeigt.

Alle gehen zum türkischen Supermarkt"

Wo und was kaufen Flüchtlinge ein?
Die Einschätzung eines Helfers. Moritz Frankenengagiert sich seit über einem Jahr ehrenamtlich für Flüchtlinge. Als Mitbegründer der Initiative „Willkommen im Rauental“ betreut er intensiv rund 30 Personen, die im Koblenzer Stadtteil in einem Wohnheim untergebracht sind. Franken hilft beiden kleinen und großen Problemen des Alltags: Unter stützt bei der Wohnungssuche, begleitet aufs Sozialamt oder zum Arzt.

Herr Franken, die Flüchtlinge müssen sich im Wohnheim selbst verpflegen. Wovon leben die Menschen?
Sie bekommen Geld vom Sozialamt oder der Arbeitsagentur, der Satz liegt etwa 50 Euro unter der Sozialhilfe. In den Erstaufnahmelagern werden sie ja komplett versorgt, im Wohnheim aber müssen sie sich selbst um Essen und Trinken kümmern.

Wo kaufen die Migranten Ihrer Beobachtung nach ein?
Bei uns wohnen in erster Linie Syrer und Iraner. Anfangs gehen eigentlich alle zum türkischen Supermarkt, allein schon wegen des Fladenbrots. Mit der Zeit erfahren sie dann, dass es viele Dinge im Discounter günstiger gibt. Grundnahrungsmittel wie Milch, Zucker, frisches Obst und Olivenöl kaufen sie ab dann bei Aldi oder Lidl. Der türkische Supermarkt bleibt aber die erste Wahl für Gewürze wie Pul Biber, Masalas, Tahine oder Falafel- Mischungen.

Versorgen die Flüchtlinge sich auch über die Ausgabestellen der Tafel?
Hier im Rauental nicht, die Ausgabestellen sind komplett überlastet.