Italien Foodtech trifft Familienrezept – wie italienische Hersteller Tradition neu interpretieren

Hintergrund

Italien gilt als Inbegriff kulinarischer Tradition – und positioniert sich gleichzeitig immer stärker als Foodtech-Standort. Wie das zusammenpasst.

Mittwoch, 17. Juni 2026, 07:40 Uhr
Theresa Kalmer
Kulinarisches Kulturgut: Seit Ende 2025 zählt die italienische Küche zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe. Bildquelle: Getty Images

Wer Mitte Mai durch die Hallen der Tuttofood in Mailand lief, begegnete jenem Italien, für das kaum eine andere Küche weltweit so stark steht: Familienunternehmen mit mehr als hundertjähriger Geschichte, traditionsreiche Rezepturen, regionale Herkunft und selbstbewusstes „Made in Italy“. Auf vielen Markenlogos wirken Jahreszahlen wie Gütesiegel: „Seit 1856“, „seit vier Generationen“, „Tradizione ­Italiana“.

Umso bemerkenswerter wirkt, wie offensiv viele italienische Hersteller ihre Küche derzeit modernisieren – ausgerechnet in einem Land, das seine Esskultur inzwischen sogar kulturpolitisch schützt. Ende 2025 nahm die Unesco die italienische Küche offiziell in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf. Doch zwischen Parmaschinken, Pasta und Olivenöl werden Italiens Klassiker zunehmend an neue Konsumgewohnheiten angepasst. Der Hersteller Saclà verkauft Oliven inzwischen in handlichen Snackverpackungen für unterwegs. Tomaten landen nicht mehr nur in Dosen oder Gläsern, sondern zunehmend auch in papierbasierten Beuteln. Proteinpasta aus Linsen soll italienische Küche fitness- und alltagstauglicher machen. Daneben stehen Gewürzsprays oder Büffelmozzarella mit Kefir-Kulturen – ein Produkt zwischen italienischer Handwerkstradition und Tiktok-Trend.

Wie viel Innovation verträgt also ein Land, dessen größte kulinarische Stärke bislang seine Beständigkeit war?

Modernisierung statt Disruption

Für Riccardo Caravita, globaler Markenverantwortlicher für den Bereich Lebensmittel und Getränke beim Messeveranstalter Fiere di Parma, ist der ­Innovationskurs der italienischen Lebensmittelbranche kein Widerspruch zur Tradition. „In Italien ist Tradition keine Einschränkung – sie ist die Grundlage, die Innovation überhaupt erst möglich macht“, sagt Caravita im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis. Die Stärke des italienischen Lebensmittelsystems liege darin, sich weiterzuentwickeln, ohne die eigene Identität zu verlieren.

Viele Hersteller sprechen deshalb weniger über Disruption als über die Weiterentwicklung bestehender Produkte – etwa durch neue Verpackungen, Rezepturen oder Nutzungssituationen. Innovation zeigt sich dabei entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von Prozessen und Rückverfolgbarkeit bis hin zur Vermarktung als Gesundheits- und Lifestyleprodukt.

Herkunft bleibt Verkaufsargument

Wie stark selbst emotional aufgeladene Kategorien inzwischen weiterentwickelt werden, zeigt ein Gespräch der LP mit Leonardo Mantova am Stand des Familienunternehmens Fratelli Mantova. Das Unternehmen verkauft italienisches Olivenöl als Spray – in einem Land, in dem Olivenöl traditionell fast schon sakrosankt behandelt wird. „Olivenöl ist in Italien eigentlich eine unberührte Kategorie, weil sie so traditionell ist“, sagt Mantova. Gerade deshalb sei das Sprayformat zunächst erklärungsbedürftig gewesen. Inzwischen verkaufe das Unternehmen seine Produkte in rund 75 Ländern und produziere jährlich etwa 9 Millionen Einheiten. Das Spray soll die klassische Flasche nicht ersetzen, sondern ergänzen – etwa beim Portionieren oder Verfeinern von Speisen. Die feinere Dosierung soll zudem Lebensmittelverschwendung reduzieren. „Wir haben einfach das traditionelle Produkt in eine innovative Verpackung gebracht“, so Mantova.

Ähnlich argumentiert auch Birgit Lisec, Exportmanagerin beim Tomatenverarbeiter Rodolfi. Das Unternehmen entwickelt seine Tomatenprodukte kontinuierlich weiter – etwa durch kleinere Portionsgrößen oder neue Rezepturen. „Tradition bleibt immer“, sagt Lisec. Rodolfi arbeitet seit mehr als 130 Jahren mit Tomaten, passt seine Produkte aber laufend an internationale Märkte an. „Jeder Markt hat seine eigene Entwicklung.“ Gleichzeitig werde Herkunft für Verbraucher immer wichtiger. Gerade das „Made in Italy“ bleibe deshalb eines der wichtigsten Verkaufsargumente.

Dieser Ansatz dürfte auch im deutschen Handel auf Resonanz stoßen. Italienische Produkte wie Pasta, Tomatensauce oder Olivenöl gehören seit Jahren zu den wichtigsten internationalen Sortimentstreibern. Gleichzeitig wachsen auch hierzulande Kategorien rund um Convenience, Protein oder gesündere Rezepturen – also genau jene Bereiche, in denen viele italienische Hersteller ihre Klassiker derzeit modernisieren.

Klassiker auf Weltreise

Auch die Art, wie italienische Produkte konsumiert werden, verändert sich. Selbst Produkte mit geschützter Herkunftsbezeichnung würden heute zunehmend in internationalen und hy­briden Küchen eingesetzt, sagt Caravita. So passe das Umami-Profil von Parmigiano Reggiano hervorragend zur japanischen Küche, während Aceto Balsamico di Modena immer häufiger in der Mixology verwendet werde. „Tradition reist, passt sich an und gewinnt in unterschiedlichen gastronomischen Kulturen neue Relevanz“, erklärt Caravita.

Die wirtschaftliche Bedeutung dieses Modernisierungskurses ist enorm: Die gesamte italienische Agrifood-Wertschöpfungskette steht inzwischen für mehr als 15 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts. Auch die Exporte wachsen weiter und erreichten 2025 rund 73 Milliarden Euro.

Getrieben wird diese Entwicklung zunehmend auch von einem wachsenden italienischen Agrifoodtech-Ökosystem. Laut dem Report „The State of Foodtech in Italy 2025“ gibt es mittlerweile 501 Agrifoodtech-Start-ups in Italien. Die Investitionen stiegen 2025 auf 121,6 Millionen Euro – ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Während die Investitionen in italienische Agrifoodtech-Start-ups damit deutlich zunahmen, gingen sie europaweit insgesamt um 3 Prozent zurück. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Beschäftigten in den italienischen Start-ups um 47 Prozent auf 4.410 Mitarbeiter. Besonders stark vertreten sind Technologien rund um künstliche Intelligenz, Biotechnologie und digitale Plattformen.

Foodtech als Schutzschild

Für José Luis Cabañero, CEO des Foodtech-Investors Eatable Adventures, liegt genau in der Verbindung aus Tradition und Technologie Italiens derzeitige Stärke. Italien vereine kulinarische Identität, eine Kultur der Exzellenz und starke industrielle Kapazitäten, sagt Cabañero gegenüber der LP. Das schaffe ideale Voraussetzungen für neue Technologien entlang der Lebensmittelproduktion. Gleichzeitig steht die Branche unter Druck: Klimawandel, sinkende landwirtschaftliche Produktivität, Dekarbonisierung und der Wunsch nach Clean Label stellen Hersteller vor neue Herausforderungen, erklärt Cabañero. Technologien könnten helfen, Prozesse effizienter und nachhaltiger zu machen, ohne die Qualität und Authentizität italienischer Produkte aufzugeben.

Foodtech wird in Italien deshalb weniger als Gegenmodell zur Tradition verstanden als vielmehr als Werkzeug zu ihrem Schutz. Technologien wie Rückverfolgbarkeitssysteme, moderne Verarbeitungsverfahren oder neue Verpackungslösungen sollen helfen, Authentizität zu sichern und Phänomene wie „Italian Sounding“ auf internationalen Märkten einzudämmen.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke des italienischen Modells. Während andere Märkte häufig auf radikale Neuerfindung setzen, modernisiert Italien vor allem bestehende Produkte – emotional anschlussfähig, aber alltagstauglicher, nachhaltiger und globaler gedacht. Oder wie Caravita es formuliert: „Es geht nicht darum, Tradition zu ersetzen, sondern sie so neu zu interpretieren, dass sie auch für kommende Generationen relevant bleibt.“