Wenn Alexandra Leeper, Chefin des Iceland Ocean Cluster, aus dem Fenster ihres Büros in Reykjavík schaut, dann kann sie beobachten, wie die Fischerboote ihren Fang anlanden. Seeleute bringen Kisten mit Kabeljau, Schellfisch, Seelachs, Heilbutt, Steinbeißer und Rotbarsch von Bord, verarbeiten sie in angrenzenden Hallen für den Verkauf oder Versand. Die Bedingungen für die Fischerei sind hier, vor der Küste der subarktischen Insel, ideal. Die Fanggründe gehören zu den saubersten Gewässern der Welt. Kein Wunder, dass Fischerei hier ein Hauptwirtschaftszweig ist und sich das von Leeper geleitete Innovationsnetzwerk gerade hier angesiedelt hat.
Doch auch unter diesen nahezu perfekten Fangbedingungen befindet sich die Branche in Island wirtschaftlich unter Druck. „Die Margen in der Fischerei sind unglaublich gering“, erklärt Leeper. „Die isländische Fischerei hat daher gelernt, dass die Zukunft nicht allein im Fangvolumen liegt, sondern darin, aus jedem einzelnen Fisch möglichst viel Wert zu schöpfen.“ Der Iceland Ocean Cluster habe hierzu durch die systematische Erschließung von Fischnebenprodukten einen wichtigen Beitrag leisten können.
Der Kern der Idee sei, dass selbst in modernen Fischfabriken bisher alles nicht für den Verzehr Bestimmte geringwertig genutzt, zum Beispiel zu Fischmehl verarbeitet werde. „In den Fischen steckt aber so viel mehr, was verwertbar ist – und auch hochwertiger genutzt werden kann. Vor allem die Haut sowie Enzyme aus dem Verdauungstrakt haben sich als wertvolle Chancen erwiesen“, berichtet Leeper. Isländische Unternehmen nutzen Fischhaut für Textilien, Fischleder, Kollagenpeptide, Nahrungsergänzung, Hautpflege, Kosmetik sowie pharmazeutische und biomedizinische Anwendungen. Es gehe darum, den Fisch nicht nur als Filet, sondern in Gänze als Rohstoffbasis zu betrachten.
24 Millionen Tonnen Verlust
Global durchgesetzt hat sich diese Idee indes noch nicht – und das, obwohl laut einer Studie der Welternährungsorganisation FAO aus dem Jahr 2022 fast 90 Prozent der kommerziell bewerteten Fischbestände entweder überfischt sind (37,7 Prozent) oder an ihrer Belastungsgrenze genutzt werden (50,5 Prozent). Auch wenn der wichtigste Schlüssel zum Schutz der globalen Fischbestände schlicht die Reduktion der Fangmenge wäre, so ist die Quote nicht das alleinige Problem der globalen Fischerei: Laut einer Studie des World Economic Forums (WEF) und der Forschungsinitiative Marfisheco aus dem April 2024 gehen weltweit jedes Jahr rund 24 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte verloren, nachdem sie aus dem Wasser gezogen wurden.
Um diese Zahl einzuordnen, ist es sinnvoll, sich die unterschiedlichen Produktionswege genauer anzuschauen: Die gesamte Produktionsmenge für Fisch und Meeresfrüchte liegt laut FAO derzeit bei rund 222 Millionen Tonnen pro Jahr. Davon stammt ein Gutteil, 131 Millionen Tonnen, aus der Aquakultur, also aus Zuchtanlagen am Land und im Wasser. In dieser Zahl ist aber auch die Algenzucht mit rund 39 Millionen Tonnen enthalten, was die Relation gegenüber dem Wildfang zugunsten der Aquakultur verschiebt. Die FAO geht also von etwa 92 Millionen Tonnen gezüchteter Meerestiere aus, auf den Wildfang entfallen rund 91 Millionen Tonnen. Der größte Teil des Wildfangs, 80 Millionen Tonnen, stammt aus dem Meer, elf Millionen Tonnen aus Binnengewässern.
Von den 24 Millionen Tonnen verschwendetem oder verlorenem Fisch entfallen 35 Prozent laut WEF und Marfisheco auf Rückwürfe, also auf Fisch, den die Fischer nach dem Fang als nutzlos betrachten und wieder über Bord werfen. Das sind gut acht Millionen Tonnen Fisch – und damit knapp 9 Prozent des gesamten Wildfangs. Plakative Beispiele hierfür sind Delfine zwischen Thunfischen oder in Netzen verendete Meeresschildkröten. Aber manchmal landen auch essbare Fische wieder im Meer, weil die Fangquote für diese Art bereits erfüllt und der Fisch damit nicht legal vermarktbar ist.
Umweltschützer wie die Sea Shepherd Conservation Society schlagen Alarm, weil viele der Fische beim Rückwurf bereits verletzt sind und im Wasser verenden. Die Europäische Union hat mit dem sogenannten Anlandungsgebot hier einen Riegel vorgeschoben: Vor allem bei quotierten Speisefischarten sollen Fischer Rückwürfe möglichst ausschließen.
Potenzial für Deutschland
Ein weit größerer Anteil des Rohstoffverlusts, 65 Prozent oder 15 Millionen Tonnen, entsteht laut WEF aber im weiteren Verlauf der Prozess- und Lieferkette. Die FAO hat den größten Anteil dieser 15 Millionen Tonnen, gut 39 Prozent oder sechs Millionen Tonnen, bereits bei der ersten Verarbeitung der gefangenen Fische ausgemacht – und hier kommt die nächste Stufe in der Lieferkette ins Spiel: Stefan Meyer, Geschäftsführer beim Bundesverband der Fischindustrie und des Fischgroßhandels, betont, dass mehr als 90 Prozent der im deutschen Markt eingesetzten Rohware aus zertifiziert nachhaltiger Fischerei oder Aquakultur stamme, Rückwürfe oder ähnliche Praktiken quasi ausgeschlossen seien.
Trotzdem bestehe jeder Fisch durchschnittlich zu einem Viertel aus Kopf und Innereien – und bei der Verwertung dieser nicht essbaren Teile gebe es auch für die deutsche Industrie noch ungenutztes wirtschaftliches Potenzial. „Man kann noch mehr rausholen“, sagt Meyer, der als Meeres- und Fischereibiologe seit mehr als 15 Jahren in der Thematik arbeitet. Mit diesem Potenzial beschäftige sich sein Bundesverband nun proaktiv und habe daher die Initiative „100% Fish“ aus dem Iceland Ocean Cluster zu einer gemeinsamen Fachtagung am 30. Oktober 2026 nach Berlin eingeladen. Ziel sei es, die Nebenströme der Fischverarbeitung besser zu verwerten und wirtschaftlich stärker zu nutzen.
Schlüssel zu dieser „differenzierten Inwertsetzung“, wie Meyer es nennt, sei die Verarbeitung direkt auf hoher See. „Wir haben es ja nicht wie in Island mit küstennaher Tagesfischerei zu tun, die ihren Fang anlanden und alles an Land verarbeiten können.“ Wichtig für die verarbeitende Industrie in Deutschland sei daher, dass die Besatzungen die nicht zum Verzehr bestimmten Teile wie Köpfe, Innereien und Haut schon auf den Schiffen getrennt voneinander lagern. Insbesondere betagte Fangflotten, etwa aus Schwellenländern, könnten dies aber kaum leisten. Gründe seien einerseits der bislang fehlende wirtschaftliche Anreiz, andererseits auch personelle und infrastrukturelle Gegebenheiten. „Man muss zum Beispiel für jede Komponente ein eigenes Lagersystem vorhalten. Dafür ist auf vielen älteren Schiffen gar kein Platz vorgesehen.“
Der Deutsche Fischereiverband erklärt hierzu auf Anfrage, dass zumindest bei den deutschen Flotten die Verarbeitung von Nebenprodukten bereits geübte Praxis sei. „Unsere Fangschiffe sind so ausgestattet, dass eine erste Verarbeitung bereits an Bord erfolgt. Neben der schwerpunktmäßigen Produktion von Filet für den menschlichen Verzehr werden auch Rogen, Köpfe und Schwänze als hochwertige Rohstoffe genutzt. Aus verbleibenden Fischbestandteilen wird Fischöl oder Fischmehl gewonnen“, erklärt Verbandspressesprecher Claus Ubl.

Vom Fisch zur Medizintechnik
Fischöl und -mehl werden allerdings meist für die Tierfutterproduktion genutzt, stehen dem Menschen also nur noch mittelbar als Nahrung zur Verfügung, zudem ist die Gewinnspanne für die Fischerei hier nur gering. „100% Fish“ will dazu beitragen, hier die Margen zu erhöhen. Die in Island entstandene Initiative ist laut Alexandra Leeper bisher noch kein Zertifikat, sondern ein von der Wirtschaft begleiteter Lernprozess. „Wir arbeiten mit Unternehmen daran, aus bislang verschwendeten oder nur geringwertig genutzten Reststoffen neue Wertschöpfungsketten, neue Verbindungen und neue Kooperationen entstehen zu lassen“, erklärt sie.
Dass aus Fischnebenströmen längst milliardenschwere Geschäftsmodelle entstehen können, zeigt das Beispiel Kerecis aus dem Iceland Ocean Cluster: „Kerecis ist unser Unicorn“, sagt Leeper. Die Firma habe Hauttransplantate und Wundauflagen aus Fischhaut für Unfall- und Brandopfer entwickelt – und sei im Jahr 2023 für 1,3 Milliarden US-Dollar verkauft worden. Neben Medtech-Unternehmen wie Kerecis entstanden im Umfeld des Iceland Ocean Cluster auch Firmen wie Codland oder Feel Iceland, die aus Fischhaut marine Kollagenprodukte für Nahrungsergänzung, Kosmetik und Gesundheitsanwendungen entwickeln.
Auch wenn der Iceland Ocean Cluster das Konzept zu „100% Fish“ strukturiert, professionalisiert und internationalisiert hat, so stammt es laut Leeper initial aus den USA. „Die Initiative heißt ursprünglich ‚100% Great Lakes Fish Pledge‘. Die Unternehmen und Produzenten dieser Region haben sich das Ziel gesetzt, mehr Wert und weniger Abfall aus Seafood zu schaffen.“ Der Iceland Ocean Cluster habe daraus inzwischen ein internationales Modell entwickelt. „Wir arbeiten im Pazifik, in Afrika, Europa, den nordischen Ländern und den USA.“
Modell für Schwellenländer
Der Ansatz soll dabei ausdrücklich nicht nur für industrielle Fischerei funktionieren. Leeper möchte mit „100% Fish“ auch einen echten Impact in Schwellenländern schaffen, wo auch handwerkliche Fischer von ihrem Konzept profitieren sollen. „Hier unterstützen wir die kleinen Fischer bei der Bildung von Genossenschaften und stellen mobile Verarbeitungseinheiten bereit, damit der gemeinschaftlich angelandete Fisch vollständig verwertet und zum Beispiel direkt am Hafen das Kollagen extrahiert werden kann“, sagt Leeper. „Die Herausforderungen sind häufig Kühlung, Logistik und Zusammenarbeit.“
Wenn „100% Fish“ nun Kontakt mit der deutschen Fischindustrie aufnimmt, will Leeper ausdrücklich nicht als Missionarin, sondern als Ideengeberin wahrgenommen werden. „Vielleicht ist etwas, das in Island funktioniert, für Deutschland gar nicht relevant. Deshalb muss es immer an den lokalen Kontext angepasst werden. Wir konzentrieren uns darauf, Menschen zusammenzubringen, Wertschöpfungsketten zu verbinden und gute Ideen Realität werden zu lassen.“