Portugal Wie Continente in Leiria den Supermarkt der Zukunft erprobt

Hintergrund

In Portugal betreibt Continente den größten autonomen Supermarkt seiner Art – und zeigt, wie datengetriebener Handel funktionieren kann.

Mittwoch, 03. Juni 2026, 07:40 Uhr
Stefanie Claudia Müller und Theresa Kalmer
Dutzende Kameras an der Decke erfassen Bewegungen und Produktentnahmen im Markt in Echtzeit. Bildquelle: Sensei, Continente

Die 23-jährige Spanierin Ana Bernat steht in einem Supermarkt im portugiesischen Leiria. Es ist ihr erster Besuch in einem Markt der Kette Continente, die zum portugiesischen Handelskonzern Sonae gehört. Sie greift zu Wasser und Saft, läuft durch die Gänge. Der rund 1.200 Quadratmeter große Continente-Bom-Dia-Supermarkt mit mehr als 11.000 Artikeln, darunter Frisch- und Backwaren, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – und genau das ist Teil des Konzepts.

Was sie nicht sieht: Über ihr erfassen Dutzende Kameras jeden Schritt. Sie registrieren und verarbeiten Bewegungen und Produktentnahmen in Echtzeit. Erst an der Kasse wird ihr klar, dass dieser Markt anders funktioniert. Bernats Einkauf ist längst hinterlegt, ohne dass sie einen einzigen Artikel gescannt hat. Sie zahlt per Smartphone und geht. „Das ist schon unheimlich“, sagt sie, „aber auch faszinierend.“

Testfeld für den Handel

Der Standort in Leiria, nördlich von ­Lissabon, dient als Testfeld für neue ­Technologien und Datenanalysen im Lebensmittelhandel. „Aus aller Welt schauen sich Retail-Experten diesen Laden jetzt an. Und wir sammeln hier seit einem Jahr sehr wichtige Daten für den Konzern und probieren Dinge aus, ähnlich wie in einem Labor“, sagt Marlos Silva, Innovations- und Forschungschef von Continente. Entsprechend groß war das öffentliche Interesse zur Eröffnung Anfang 2025, an der auch Vertreter der Regierung teilnahmen. Für Continente ist dieser Markt somit nicht nur ein weiterer Standort, sondern ein strategisches Projekt mit Signalwirkung – auch über Portugal hinaus.

Hinter dem Konzept steht eine enge Zusammenarbeit mit dem portugiesischen Technologieunternehmen Sensei, das die technische Infrastruktur entwickelt hat. „Jeder wusste, dass das ein besonderer Moment für unser Land war“, sagt Silva. Die Technologie sieht er dabei nicht nur im Kontext des Handels: „Wir untersuchen noch, was wir alles damit machen können.“

So funktioniert das System

Konkret kommt im Markt in Leiria ein System zum Einsatz, das auf einem Zusammenspiel zahlreicher Kameras und Sensoren basiert. Sie erfassen die Be­wegungen und Produktentnahmen im Markt. Der Warenkorb entsteht automatisch im Hintergrund. Laut dem Technologiepartner Sensei wird er laufend aktualisiert und kann bereits während des Einkaufs überprüft werden, also nicht erst nach dem Verlassen des Marktes. Ziel sei es, dass Kunden die Technologie im Idealfall gar nicht wahrnehmen, sondern einfach wie gewohnt einkaufen. Sie müssen dabei weder eine App herunterladen noch Produkte selbst scannen. Ein weiterer Effekt: Warteschlangen an der Kasse entfallen weitgehend.

Das alles zeigt sich auch im Detail bei Kunden wie Ana Bernat: Wenn sie Produkte aus dem Regal nimmt, wird die Entnahme automatisch erfasst. Bei Artikeln mit einheitlicher Spezifikation, beispielsweise Saft- oder Wasser­flaschen, lässt sich so eindeutig bestimmen, welche Produkte sich in ihrem Einkaufswagen befinden. Dagegen müssen Kunden variable Waren wie Obst, Fleisch oder Fisch zusätzlich wiegen.

Mehr Daten statt weniger Personal

Doch die Technik verändert nicht nur den Einkauf, sondern auch die Arbeit im Markt. Continente stellt dabei nicht den Personalabbau in den Vordergrund. „Das ist auch nicht das Ziel“, betont Silva. Die 23 Beschäftigten in Leiria übernehmen stattdessen andere Aufgaben, beispielsweise im Kundenservice oder bei der Kontrolle von Warenverfügbarkeiten. Anhand der Echtzeitdaten füllen die Mitarbeiter ständig Ware nach. Statt Kosten zu senken, gehe es um eine strategische Positionierung: „Es geht da­rum, uns als Tech-Markt zu positionieren und dabei viel weiter zu denken.“

Datenschutz ohne Gesichter

Die umfassende Datenerfassung wirft allerdings auch Fragen zum Datenschutz auf. Nach eigener Aussage speichert die Handelskette keine personenbezogenen Daten. „Wir sehen nicht wirklich die Personen. Es laufen für uns nur Striche auf Beinen mit einer ID-Nummer durch den Markt, die wir beim Eintritt in den Laden vergeben. Wenn sie wiederkommen, haben sie eine andere Identität“, sagt Silva.

In Ländern mit strengeren Datenschutzanforderungen, wie beispielsweise in Deutschland, dürfte ein solches Konzept erklärungsbedürftig sein. Neben strengerem Datenschutz bestehen hier auch hohe Erwartungen an Wirtschaftlichkeit und Prozesssicherheit.

Investition mit offenem Ausgang

Der Blick nach Portugal zeigt umso deutlicher, welchen Aufwand solche Modelle erfordern. Die Investitionen sind entsprechend hoch: Continente hat rund 6 Millionen Euro in den Standort investiert. Da das Konzept nicht auf Personaleinsparungen abzielt, wird sich der Markt – wenn überhaupt – erst langfristig rechnen.

Gleichzeitig eröffnet die Technologie neue Möglichkeiten für unterschiedliche Formate. In kleineren Märkten könnten autonome Systeme zusätzliche Verkaufsstellen oder längere Öffnungszeiten ermöglichen, so Sensei. In größeren Supermärkten entsteht der wirtschaftliche Nutzen dagegen vor allem aus der Kombination von besserem Einkaufserlebnis, höherer Effizienz und größerer Transparenz im Betrieb.

Laut dem Technologieanbieter Sensei liegt der eigentliche Hebel aber in den Daten. Sie schaffen Transparenz über Waren, Abläufe und Kundenströme – entscheidend ist jedoch, wie diese Informationen im Arbeitsalltag genutzt werden. Der Aufwand liege weniger in der Technik als in ihrer Integration in bestehende Prozesse und Abläufe des Marktes. Ob weitere Standorte nach diesem Vorbild entstehen, lässt Continente offen.

Den Hintergrund für solche Investitionen bildet auch der zunehmende Wettbewerbsdruck. Continente gehört zu den führenden Händlern im portugiesischen Lebensmittelmarkt und sieht sich starker Konkurrenz durch nationale Anbieter sowie internationale Ketten wie Lidl, Aldi oder den spanischen Wettbewerber Mercadona gegenüber. Mit technologischen Konzepten will das Unternehmen seine Position behaupten und sich vom Wettbewerb abheben.

Der Kunde entscheidet

Am Ende zählt aber auch die Sicht der Kunden. Wer weiterhin klassisch einkaufen möchte, kann auch Kassen mit Personal nutzen. „Da gibt es aber immer weniger zu tun“, sagt Marlos Silva. Laut dem Technologiepartner werden inzwischen mehr als 70 Prozent der Bezahlvorgänge über autonome Systeme abgewickelt. Für Kunden wie Bernat liegt darin auch ein praktischer Vorteil: „Wenn noch mal eine Pandemie ausbricht, dann hat dieser Laden hier einen klaren Vorteil.“

Der Markt in Leiria zeigt damit, wie sich der stationäre Handel verändern könnte – nicht als Ersatz des klassischen Supermarktes, sondern als datengetriebene Weiterentwicklung. Ob sich dieser Ansatz durchsetzt, hängt jedoch nicht von der Technik ab, sondern davon, ob es gelingt, Daten, Prozesse und Wirtschaftlichkeit sinnvoll miteinander zu verbinden.

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Was macht den Markt in Leiria besonders?

Er zeigt, dass autonome Systeme auch in komplexen Supermärkten mit Frischebereichen und hoher Artikelzahl funktionieren. Entscheidend ist aber etwas anderes: Der Laden arbeitet auf einer durchgehenden Daten-, Analyse- und Intelligenzebene – und liefert damit ganz neue Einblicke in den Betrieb.

Was hat sich strategisch seit den ersten autonomen Stores verändert?

Der Blick hat sich verschoben. Anfangs ging es vor allem darum, den Bezahlvorgang in Supermärkten zu vereinfachen. Heute steht eine umfassende Daten- und Intelligenzinfrastruktur im Mittelpunkt. Der Wert endet nicht mehr an der Kasse, sondern geht darüber hi­naus – etwa in der Transparenz über Warenverfügbarkeit, Produktinteraktionen und Abläufe im Markt.

Welche Rolle spielt Continente?

Eine entscheidende Rolle. Solche Projekte funktionieren nur, wenn ein Händler bereit ist, seine Abläufe wirklich weiterzuentwickeln und nicht nur Technologie zu testen.

Ab wann rechnet sich ein solches Konzept?

Es gibt keinen festen Schwellenwert. Die Wirtschaftlichkeit hängt von Faktoren wie Frequenz, Kostenstruktur und Öffnungszeiten ab. Der entscheidende Wandel ist aber: Rentabilität wird nicht mehr nur an Automatisierung gemessen, sondern auch an der Intelligenz, die ein Laden generiert.

Welche Rolle spielt Deutschland für Sie?

Deutschland ist ein besonders anspruchsvoller Markt. Hier zählen vor allem Robustheit, Effi­zienz und ein klarer wirtschaftlicher Nutzen.

Was fehlt aktuell in Deutschland?

Nicht die Technologie, sondern oft die strategische Entscheidung, diesen Wandel konsequent umzusetzen.

Für welche Formate ist das besonders interessant?

Vor allem für kleinere Nahversorger, urbane Konzepte und Märkte mit hohem Effizienzdruck. Hier kann die Kombination aus Automatisierung und Daten einen direkten Mehrwert schaffen.