Erneuerbare Energien Energiepreise? Egal! Wie sich Handel und Industrie unabhängiger machen

Hintergrund

Die Bundesregierung sortiert die Energiewende neu – und deckelt zum Beispiel die Solareinspeisung. Investitionen in erneuerbare Energien versprechen aber noch immer eines: mehr Unabhängigkeit. Geht die Rechnung auf?

Dienstag, 22. September 2026, 07:40 Uhr
Bettina Röttig
Bildquelle: Getty Images

Roland Schüren ist hauptberuflich Bäcker. Und zugleich Tüftler, Netzbetreiber, Flottenmanager und Wärmeplaner. Wer den Backstubenladen von „Ihr Bäcker Schüren“ in Hilden besucht, kann das erahnen. Ladepark mit eigener Photovoltaikanlage und Schürens ladende E-Fahrzeug-Flotte überraschen in ihrer Dimension.

Es ist der sichtbare Teil von Schürens Energiekonzept. Die übrigen Elemente – neu entwickelte Biomasseheizkessel für die 14 Backöfen, die Kälte aus 99 Metern Tiefe und Wärmerückgewinnung – sehen Kunden nur indirekt: an den Preisschildern. Das Bio-Weizenbrötchen kostet hier 51 Cent. Trotz höherer Rohstoffkosten kann er mit vielen konventionellen Bäckern mithalten. In einer Branche, die in den vergangenen Jahren vor allem durch Insolvenzen in die Schlagzeilen geriet, ist jeder Kostenvorteil ein enormer Gewinn.

Aufgrund seines nachhaltigen Energiekonzepts liegt der Anteil der Energiekosten an den Gesamtkosten „bei unter zwei Prozent. Und zwar inklusive des Stroms für die Elektroautos“, so Schüren. Und: „Dass wir kein oder fast kein Gas mehr brauchen, ist der größte Punkt der Resilienz.“ Mit seiner Strategie will er beides erreichen: einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz und eine hohe Unabhängigkeit von Energiepreisen und Politik. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks sieht den Betrieb als Leuchtturm in Sachen erneuerbare Energien.

„Energie ist in der Ernährungswirtschaft längst nicht mehr nur ein Kosten- und Nachhaltigkeitsthema, sondern zunehmend auch eine Frage der Resilienz“, sagt Benjamin Chini, Experte beim EHI Retail Institute. Treiber seien zum einen geopolitische Unsicherheiten bei der Energieversorgung und zum anderen zunehmende Extremwetterereignisse, die Produktion, Lagerung und Logistik von Lebensmitteln beeinflussten. Nur ändert Berlin gerade – mal wieder – die Spielregeln. Teils als Entlastungen angekündigt, könnten die Vorhaben Investitionen und die nachhaltige Transformation von Industrie und Handel bremsen, warnen Kritiker.

Wie groß der Hebel der Branche ist, zeigt eine Zahl der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE): Allein auf Lebensmittelproduzenten entfallen rund 10 Prozent des industriellen Energieverbrauchs in Deutschland. Doch: „Wir haben heute europaweit das höchste Kostenszenario“, sagt Ulrich Biene von Veltins. Daher hat auch der Brauer in Photovoltaik (PV) und Abwärmenutzung investiert. Weitere PV-Anlagen sollen folgen. Was Veltins beschäftigt: die Frage, was die jüngsten Signale aus Berlin für die Wirtschaftlichkeit der Projekte bedeuten.

Es sind gleich mehrere Gesetzesvorhaben, die für Unsicherheiten sorgen. Dazu zählen die EEG-Novelle 2027 (Erneuerbare-Energien-Gesetz) und das Netzanschlusspaket, die die Bundesregierung am 29. Juli 2026 im Kabinett beschlossen hat, sowie die Novelle des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG). Alle durchlaufen noch das parlamentarische Verfahren, sind also noch kein geltendes Recht. Ziele laut Bundeswirtschaftsministerium: Bürokratieabbau und der Ausbau der Erneuerbaren soll sich stärker am tatsächlichen Netzbedarf ausrichten. Kritiker befürchten, dass Pflichten und Anreize für nachhaltigere Systeme wegfallen.

Vorreiter der Energiewende

Was wirklich kommt, ist für viele derzeit unklar. „Wir sind keine Energieexperten.“ Dieser Satz fällt so oder ähnlich immer wieder in Gesprächen mit Managern aus Handel und Industrie. Aktuell sind bei dem Thema daher vor allem Verbände das Sprachrohr der Branche.

Gerade der Lebensmittelhandel sei „Vorreiter der Energiewende“, sagt Matthias Krülls, Leiter Energiepolitik beim Handelsverband Deutschland (HDE). Belege liefert die EHI-Studie „Energiemanagement im Einzelhandel 2025“, für die 23 Supermarktketten aus dem deutschsprachigen Raum Daten bereitstellten. Demnach hoben Lebensmittelhändler den Anteil des Strombedarfs aus Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien zwischen 2023 und 2025 von 3,6 auf 6 Prozent. „Das klingt erst mal klein, die Steigerung ist aber beeindruckend, mit einem enormen Kostendämpfungsfaktor“, sagt Krülls. Allein die Rewe Group betreibt rund 250 PV-Anlagen auf eigenen Rewe- und Penny-Objekten, wie Tobias Frey, Leiter Bauwesen Energiemanagement, sagt. Im neuen Rewe-Green-Farming deckt selbst erzeugter Strom bis zu 20 Prozent des Stromverbrauchs ab (s. Marktrundgang Rewe Green Farming in Berlin). 22 Prozent ihres Wärmeenergiebedarfs decken Food-Händler laut EHI bereits mit Abwärme aus der eigenen Anlagentechnik, weitere 10 Prozent mit Wärmepumpen, Gas kommt auf 48 Prozent. Und beim Laden ist der Handel längst Infrastrukturbetreiber: Nach HDE-Angaben stehen 15 Prozent aller Ladesäulen und 30 Prozent aller Schnellladesäulen auf Handelsparkplätzen.

Auch die Industrie geht voran und profitiert von nachhaltigen Energiekonzepten. Der Konsumgüterhersteller Henkel speist am Standort Düsseldorf seit Anfang des Jahres als eines der ersten Unternehmen Deutschlands Abwärme in das Fernwärmenetz der Stadtwerke ein und beheizt damit Haushalte im Düsseldorfer Süden. Laut Standortleiter Daniel Kleine bedeutet dies gut 6.500 Tonnen CO2 weniger pro Jahr für die Stadt.

Senf- und Feinkostproduzent Develey verzichtet komplett auf fossile Energieträger und sieht dies als größten Resilienzgewinn. Das Unternehmen nutzt Abwärme, Photovoltaik und Windstrom und verstromt Stoffe aus dem eigenen Abwasser. Die Investitionen amortisierten sich oft nach sieben bis zehn Jahren, Photovoltaikanlagen seien teils längst abgeschrieben, berichtet Geschäftsführer Michael Durach. „Alles, was drei Jahre dauert, ist für mich noch kein Return on Investment, sondern Common Sense.“ Heute kommt Develey an einzelnen Standorten auf bis zu 98 Prozent Stromautarkie.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Michael Durach von Develey. 

Die rheinhessische Wein- und Sektkellerei Jakob Gerhardt senkte mit Trawa, einem Spezialisten für ganzheitliche Energielösungen, ihre Energiekosten um 23 Prozent: Photovoltaik, Batteriespeicher, Börsenstromhandel und Energie-management mit künstlicher Intelligenz greifen so ineinander, dass der Betrieb seinen Strom selbst erzeugt, sein Vier-Sterne-Hotel mit Grünstrom versorgt und Strom weiterverkauft. „Verlässliche und flexible Rahmenbedingungen sind entscheidend, um die Resilienz weiter zu erhöhen“, so Vertriebsleiter Jens Sonneck.

Bei Schüren ist die Biomassefeuerung der Backöfen die einzige Wärmequelle im ganzen Gebäude. Alles andere, Warmwasser, Heizung, Abtauen der Kälteanlage, wird aus der Abwärme generiert. Ein Herzstück seines Konzepts: Schüren nutzt die Erdkühle aus 99 Metern Tiefe, um das Kältemittel der wassergekühlten Kältemaschinen rückzukühlen. Zusätzlich hat er in eine Freiflächenheizung etwa 20 Zentimeter unter den Parkplätzen investiert. „Die heizt aber nicht, sondern kühlt auch zurück“, erklärt er. Insgesamt braucht die Kälteanlage laut Schüren ungefähr 30 Prozent der Energie, die eine konventionelle Kälteanlage benötigt. Sein Rat an andere Produzenten: Den Herstellungsprozess danach absuchen, an welchen Stellen Aggregatzustände wechseln – also zum Beispiel dort, wo flüssige oder pastöse Stoffe, wie Brotteig, durch Backen fest oder Teiglinge nach der Gare durch Einfrieren tiefgekühlt werden müssen. „Je größer das Temperaturdelta, desto eher lohnt es sich, kreativ zu werden: Was lässt sich damit machen?“

Bei Photovoltaik hat er aus einem scheinbaren Nachteil einen Vorteil gemacht. Die Bäckerei beendet ihre Produktion in der Regel um die Mittagszeit. „Die Sonne scheint aber weiter. Das könnte eigentlich ein Nachteil sein. Wir haben das durch die Elektromobilität zum Vorteil gemacht: Mittags geht die elektrische Grundlast der Backstube runter.“ Zur gleichen Zeit kommen die Fahrer zurück in den Betrieb und schließen die Lieferfahrzeuge an. Seine elektrifizierte Flotte beliefert 20 eigene Filialen zwischen Düsseldorf, Wuppertal und Hilden sowie Partner wie Rewe Stockhausen. „In kaum einer Branche bekommen die Lieferfahrzeuge so viel selbst erzeugten PV-Strom in die Akkus wie in der Bäckerei. Alles, was selbst produziert wird, geht direkt in die Batterien“, so Schüren.

Engpässe im Netz

Handel und Hersteller beklagen vor allem eines: Probleme bei den Netzanschlüssen. Ein Grund dafür: Mehr als 800 Verteilnetzbetreiber arbeiteten in Deutschland mit unterschiedlichen Prozessen und Anforderungen, sagt Krülls. Das erschwere die Planung und bremse Projekte aus. Nach dem Whitepaper „Elektromobilität im Handel 2026“ warten beispielsweise nur 19 Prozent der Händler höchstens fünf Monate auf ihre Ladesäulen, 52 Prozent sechs bis zehn Monate.

Bisher gilt beim Netzanschluss weitgehend das „Windhundprinzip“: Wer zuerst einen Antrag stellt, hat Priorität, unabhängig davon, wie ausgereift das Projekt ist. Zudem war für Antragsteller oft unklar, ob und wann überhaupt Netzkapazitäten verfügbar sind. Das geplante Netzanschlusspaket soll das ändern: Geplant sind monatlich aktualisierte Netzkarten mit freien Kapazitäten, ein vollständig digitales Antragsverfahren und die Möglichkeit, vorab eine unverbindliche Auskunft einzuholen. Kritiker bemängeln allerdings, dass der Entwurf keine verbindlichen Bearbeitungsfristen für die Netzbetreiber vorsieht. „Bearbeitungsfristen müssen festgeschrieben sein. Damit wäre eine bessere Planung möglich“, fordert Johannes Wehrmann von Edeka Wehrmann. Er wartet seit nun rund drei Monaten auf eine Rückmeldung zum nächsten Projekt. Der Händler betreibt auf vier seiner sieben Filialen Photovoltaik.

Auch Develey-Chef Michael Durach befürwortet grundsätzlich, den Ausbau der Erneuerbaren stärker mit dem Netzausbau zu synchronisieren: „Wenn wir eine bessere Planbarkeit bekommen, ist das gut. Aber wir müssen auf die Geschwindigkeit achten, sonst wird aus der Synchronisierung eine Verlangsamung.“ Wie lange Genehmigungsverfahren dauern können, zeigt ein Beispiel aus Mecklenburg: Für eine Photovoltaikanlage musste sein Unternehmen zunächst zwei Jahre lang Zauneidechsen umsiedeln – hinterher kamen die Tiere zurück und nisteten unter der Anlage.

Der Lebensmittelhandel ist besonders auf bessere Prozesse angewiesen. Das Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz (GEIG) verpflichtet den Handel zum Ausbau der Ladeinfrastruktur. Nach Einschätzung von Krülls könnte die Regelung im Lebensmitteleinzelhandel mehr als 10.000 zusätzliche Netzanschlussanträge auslösen, bei derzeit rund 8.000 pro Jahr über alle Wirtschaftsbereiche hinweg (s. Interview am Ende des Beitrags). Eine echte Grauzone bleibt dabei der sogenannte Netzanschlussvorbehalt: Er befreit Betriebe von der Ladesäulenpflicht, wenn das örtliche Stromnetz die Last nicht trägt. Nur ist unklar, wie das in der Praxis funktioniert. „Wie regelmäßig muss ich beim Netzbetreiber nachfragen, ob die Kapazitäten verfügbar sind? Wie sieht die Nachweispflicht konkret aus? Irgendwann steht eine staatliche Stelle vor der Tür und fragt: Warum stehen hier keine Ladesäulen?“, verdeutlicht Krülls.

Das Netzanschlusspaket geht für Krülls in die richtige Richtung, „aber an einigen Stellen noch nicht weit genug“. Positiv seien Rückmeldefristen und die digitale Netzkarte. Auch den Gedanken, Anlagen dort anzureizen, wo das Netz den Strom aufnehmen kann, hält er für richtig – „denn aktuell zahlen wir zu viel für den sogenannten Redis-patch, die Abregelung des Stromerzeugers“. Nur folge der Handel dieser Logik nicht: „Der Handel lässt sich so aber nicht steuern, wir wählen unsere Standorte danach aus, wo die Kunden sind.“ Sein Fazit: „Ohne Netzanschluss ist alles nichts.“

Weniger Pflichten, weniger Effizienz?

Für Lebensmittelproduzenten ist der EnEfG-Entwurf, den das Bundeskabinett am 24. Juni 2026 beschlossen hat, die einschneidendste Änderung: Die Pflicht zur Einführung eines zertifizierten  Energie- und Umweltmanagementsystems soll künftig erst ab 23,6 Gigawattstunden (GWh) Jahresverbrauch gelten. Zuvor lag die Schwelle mit 7,5 GWh deutlich darunter. Nach Schätzungen des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft (BNW) fallen damit rund 7.800 Unternehmen mit zusammen etwa 100 Terawattstunden aus der Pflicht. „In der Industrie ließen sich rund 40 Prozent des Energiebedarfs wirtschaftlich einsparen, was jährlich etwa 29 Milliarden Euro vermeidbaren Energiekosten entspricht. Was bei Molkereien, Brauereien, Mühlen, Schlacht- und Backbetrieben, die aus der Pflicht fallen, als Entlastung verbucht wird, ist deshalb vor allem entgangene Kostensenkung“, so Katharina Reuter vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft. Auch die Abwärmepflicht reduziert der Entwurf: Bisher mussten Betriebe vertretbare Abwärme erfassen und nutzen, künftig reicht eine Kosten-Nutzen-Analyse. Jährlich entfielen in der deutschen Lebensmittelindustrie über 11 Millionen Tonnen CO2-Emissionen auf Wärme- und Kälteanwendungen, so Reuter. Sie betrachtet die Aufweichung daher als „nicht vertretbar“. Auch Axel Kölle, Leiter des Zentrums für Nachhaltige Unternehmensführung an der Universität Witten/Herdecke, erwartet zwar weniger Bürokratie, befürchtet aber, dass Betriebe den Anstoß verlieren, ihre Potenziale zu erfassen.

Ein zweites Instrument hätte gegensteuern können: „Wenn eine stärkere jährliche Erhöhung des CO2-Preises käme, fände ich die Lockerungen gar nicht so schlimm. Dann kommt jeder Unternehmer auf die Ideen, auf die ich schon 2010 gekommen bin, weil es einfach günstiger ist“, sagt Schüren. Durach sieht dies ähnlich. Die Bundesregierung hat jedoch das Gegenteil beschlossen: Der CO2-Preis solle 2027 – wie schon 2026 – im Korridor von 55 bis 65 Euro je Tonne bleiben, verkündete das Bundeswirtschaftsministerium. Das heißt: Weder die gelockerten EnEfG-Pflichten noch ein steigendes CO2-Preissignal bringen zusätzlichen Druck.

Solarkappung droht

Was zudem für Unsicherheit sorgt, sind Pläne, die Einspeisevergütung für Photovoltaik zu kappen. Der EEG-Entwurf will die Wirkleistungseinspeisung neuer Dachanlagen am Netzverknüpfungspunkt auf 50 Prozent der Nennleistung begrenzen, wobei noch nicht klar ist, ob die Grenze schon unter 100 oder erst unter 25 Kilowatt greift. Wer seinen Solarstrom überwiegend selbst nutzt, spürt die Kappung kaum. Henkel spricht von „begrenzten Auswirkungen, da unsere Photovoltaikanlagen überwiegend der Eigenversorgung dienen“. Neu: Die Grenze gilt auch für Speicher und bidirektionales Laden am selben Anschluss – selbst wenn abends knapper Strom teuer ist, dürfen sie nicht frei einspeisen.

Im Handel sei nicht mehr die Stromerzeugung die Herausforderung, sondern die Mobilitätswende, meint Krülls. PV-Anlagen auf Handelsdächern seien schon heute bewusst so dimensioniert, dass sie die mittäglichen Lastspitzen des Marktes abdeckten und der Strom möglichst vor Ort verbraucht werde. Das bestätigen Rewe-Manager Frey und Edeka Wehrmann. Sie speisen nichts ein.

Wie dies optimal funktioniert, zeigt Ihr Bäcker Schüren. Mittags, wenn die Backstube herunterfährt, stöpseln die Fahrer ihre Lieferwagen an. Ins Netz fließt nichts zurück, der Betrieb braucht jedes Watt selbst. Und Schüren optimiert weiter: Wenn die Biomassekessel irgendwann ersetzt werden müssen, will er elektrifizieren – dann sei der Speicher besonders wichtig. Die Energiestrategie bringt ihm keinen Ökobonus ein, sondern wirtschaftlichen Spielraum, die Basis für Resilienz und Nachhaltigkeitsinvestitionen.

„Ohne Netzanschluss ist alles nichts“ Interview mit Matthias Krülls, Leiter Energiepolitik beim HDE
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Wie bewerten Sie die Signale aus Berlin zum Thema Energie für den Handel?

Durchwachsen. Die Politik hat im Koalitionsvertrag versprochen, den Strompreis für alle um fünf Cent je Kilowattstunde zu senken. Davon ist bislang kaum etwas geblieben. Es geht nicht darum, jede Preisspitze wegzusubventionieren, sondern darum, die staatlich beeinflussten Preisbestandteile wie Steuern, Umlagen und Netzentgelte auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen. Der Handel hat in den vergangenen Jahren massiv in Elektrifizierung und Klimaschutz investiert. Wer diese Investitionen in die Energiewende erwartet, muss auch für wettbewerbsfähige Strompreise sorgen.

Wo drückt der Schuh stark?

Abseits der hohen Strompreise vor allem beim Thema Netzanschluss. Ob beim Aufbau von Ladeinfrastruktur, bei der Elektrifizierung der Logistik oder bei neuen Standorten auf der grünen Wiese: Überall brauchen wir einen leistungsfähigen Netzanschluss, auf den wir im Schnitt über ein Jahr warten. Die mehr als 800 Verteilnetzbetreiber arbeiten mit unterschiedlichen Prozessen und Anforderungen. Das erschwert die Planung von Investitionen und bremst Projekte aus. Besonders der gesetzlich vorgeschriebene Ausbau der Ladeinfrastruktur leidet darunter, weil die nötige Skalierung massiv behindert wird.

Was bedeuten die Pflichten für den Aufbau von Ladeleistung?

Pro Stellplatz müssen wir im Bestand 1,1 Kilowatt und im Neubau 2,2 Kilowatt Ladeleistung aufbauen. Viele Supermärkte haben einen Anschluss mit bis zu 135 Kilowatt Kapazität, die durch Heizung, Kühlung, Backwaren belegt ist. Bei 100 Parkplätzen muss der Handel im Bestand Kapazitäten von 110 Kilowatt aufbauen. Allein im Lebensmitteleinzelhandel reden wir bei 40.000 Filialen geschätzt über mehr als 10.000 Anträge. Aktuell sind es über alle Wirtschaftsbereiche hinweg im Jahr rund 8.000 Anträge für über 135 Kilowatt. Der Handel braucht Netzanschlüsse, um die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen. Bereits heute stehen 15 Prozent aller Ladesäulen und 30 Prozent aller Schnellladesäulen auf Handelsparkplätzen. Wir sind damit der größte Flächenbereitsteller für Ladeinfrastruktur. Doch jede dieser Maßnahmen, ob Ladesäule, Photovoltaikanlage auf dem Dach oder Elektrifizierung der Logistik, setzt einen leistungsfähigen Netzanschluss voraus.

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