Wie eine gläserne Krone sitzt das Gewächshaus auf der spektakulären Holzkonstruktion des Rewe-Green-Farming-Marktes in Berlin. Unter den in der Sonne glitzernden Zacken wächst Pflücksalat, den Rewe-Kaufmann Felix Thomas fünf Meter darunter verkauft. Seit Monaten pilgern internationale Gäste in den Markt, der fünf Jahre auf sich warten ließ. So lange ist es her, dass die Kölner Rewe Group das Farm-Konzept in einem Piloten in Wiesbaden der Öffentlichkeit vorstellte.
Wer vor dem Portal des Berliner Marktes steht, ist – genau wie beim ersten Standort – unweigerlich an einen Tempel oder eine Kathedrale erinnert. Insgesamt 72 Stützen mit Kapitellen aus gestapelten Hölzern tragen die sieben Meter hohe Decke. Die Kombination aus großzügiger Deckenhöhe, Holzoptik und Tageslichtarchitektur sorgt im Markt für eine besondere Wohlfühlatmosphäre. Mehrere Fenster in der hölzernen Decke lassen den Blick in den Himmel zu, hin und wieder fahren Pflanztische mit Salat über sie hinweg. Zusätzlich fällt viel Tageslicht über die große Glasfassade sowie über Lichtbänder an allen Seiten in den Markt.
Das Gebäude wirke daher „leichter und lebendiger“, beschreibt Klaus Wiens. Ob dadurch in heißen Sommern nicht der Kühlbedarf nach oben schnellt? Nein, meint der Leiter Filialbau der Rewe: Breite Dachüberstände verschatten die Fensterbänder. Nur wo das Grundstück einen geringeren Dachüberstand erlaubt, hat Rewe bis zur ersten Riegellage elektrochrome Gläser eingesetzt. Sensoren steuern die Transparenz. „So lässt sich die Sonne kontrolliert aussperren, ohne den Blickbezug zur Umgebung vollständig zu verlieren“, erklärt Wiens.
Gleich im Marktentree fällt ein weiterer Blickfang auf: eine Sonderplatzierung zum lokalsten Produkt im Sortiment, einer Salatmischung vom eigenen Marktdach. Partner ECF Farmsystems baut auf der Dachfarm mehrere Salatsorten hydroponisch – also in einer Nährlösung – an, darunter Batavia, Lollo Rosso sowie roter und grüner Romanasalat. 23 Tage dauert es von der Anzucht bis zu Ernte und Verpackung, informieren große Bildschirme über der Platzierung. In Wiesbaden testeten Rewe und ECF noch ein Aquaponik-Konzept: den Anbau von Basilikum in Verbindung mit einer Barschzucht. In Berlin verzichtet Rewe bewusst darauf: Frischen Fisch nehmen Kunden in der Hauptstadt kaum an, und regionale Vorlieben schwanken stark, erklärt Wiens. Reine Hydroponik sei dagegen einfacher zu planen.
Rewe Green Farming, Malteserstraße 136, 12249 Berlin-Lankwitz
| Eröffnet | 21. Mai 2026 |
| Verkaufsfläche | 2.150 qm |
| Dachfarm | 2.760 qm |
| Artikel | 20.000 |
| Regionale Lieferanten | 20 |
| Mitarbeiter (Köpfe) | 55 |
| Öffnungszeiten | Mo. bis Sa., 6 bis 22 Uhr |
| Parkplätze | 98 |
| Kaufkraft am Ort | 93* |
| Durchschnittsbon | 24 Euro |
| Investition | 15 Mio. Euro |
| Elektro-Ladesäulen | 4 |
*Kaufkraftindex 100 (Bundesdurchschnitt) = 31.193 Euro; der Index gibt an, wie hoch die finanziellen Mittel pro Einwohner pro Jahr sind, um Güter und Dienstleistungen zu erwerben. Quelle: NIQ
Kaufkraft Deutschland 2026
Ländlicher Standort mit Vorteilen
Dass das Konzept bei Kunden ankommt, bestätigt Kaufmann Felix Thomas. Mit der Eröffnung des Marktes im Mai 2026 verwirklichte er sich selbst einen Traum: den Start in die Selbstständigkeit. Zuletzt leitete er einen Rewe-Markt drei Kilometer entfernt. „Nach fünf Jahren als Marktmanager wollte ich stärker selbst über Sortimente und Personal entscheiden“, sagt er.
Als Kaufmann sind ihm die Vernetzung im Kiez und persönliche Kundenbindungen wichtig. „Ich wollte keinen Markt im Berliner Zentrum mit extremer Kundenfrequenz, die es kaum möglich macht, eine echte Bindung zu den Kunden aufzubauen“, erklärt er, warum er die „ländlichere“ Lage in Lankwitz bevorzugt. Der Salat vom Dach ist wichtiger Bestandteil seines Lokalitätskonzepts.
Dass ausgerechnet dieser eher ländliche Standort eine Dachfarm bekam, ist kein Zufall (welche Kriterien dafür entscheidend sind, erklärt Klaus Wiens im Kasten). Mit 2.150 Quadratmetern liegt Thomas’ Markt jedenfalls deutlich über dem Berliner Durchschnitt von 1.600 bis 1.800 Quadratmetern.
Diese größere Fläche muss Thomas nun erfolgreich bespielen. Auch wenn die Kölner Zentrale das Konzept des Rewe Green Farming entwickelt hat, konnte der Händler einige Punkte selbst mitbestimmen. Eine Hot Bar mit heißen Buletten, Hähnchenschenkeln und Gerichten zum Selbstabfüllen ergänzt die Salatbar in der großzügigen Obst- und Gemüseabteilung. Im Linkslauf führt der Weg vorbei an den Servicetheken und der gekühlten Frische in Selbstbedienung. Für ein breites Sortiment an vegetarischen und veganen Produkten hat Thomas die Kühlfläche erweitern lassen. „Veggie ist kein Trend mehr, die Produkte sind ein Muss“, erklärt er.
Gleich neben dem sechs Meter langen Kühlregal mit Fleisch- und Käsealternativen schließt die Abteilung für bewusste Ernährung an, die Bio- und Veggie-Trockensortimente sowie regionale Spezialitäten bündelt. 20 regionale Streckenlieferanten, meist aus Brandenburg, beliefern seinen Markt mit etwa 800 bis 1.000 Artikeln, darunter Bier aus Lankwitz. Zwischen 8 und 10 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet Thomas mit Bio-Artikeln.
Am Standort stand zuvor ein Rewe mit großem Getränkemarkt. Eine vergleichbare Breite und Tiefe im Getränkeangebot kann Thomas nicht bieten. „Wir werden das Angebot mit der Zeit immer weiter an die Wünsche unserer Kunden anpassen“, verspricht er.
Weiterentwicklung zu Wiesbaden
Im Gespräch mit der LP ergänzt Klaus Wiens weitere Details zur Weiterentwicklung des Green-Farming-Konzepts. „Wir haben das Tragwerk optimiert und somit auf zwei Balkenlagen verzichtet“, erklärt Wiens zur Architektur. Bis zur Deckenplatte zählt die Konstruktion 13 statt 15 Lagen. Was wenig spektakulär klingt, summiert sich jedoch: Weniger Holzteile und Schraubverbindungen verkürzen die Arbeitszeit auf der Baustelle. Dank der modularen Bauweise des Ganzholzmarktes kann Rewe die Hölzer bei Bedarf sogar demontieren und wiederverwenden. Auch im Betrieb schließt sich der Kreislauf: Abwärme aus dem Markt, eine Wärmepumpe und Regenwasser aus einer Zisterne ermöglichen optimale Wachstumsbedingungen für den Stadtsalat auf dem Dach.
Ein wesentlicher technischer Unterschied zu Wiesbaden: Die Beheizung der Farm. Tobias Frey, bei der Rewe Group für Technik und Energie verantwortlich, erklärt: „In Wiesbaden kommt noch ein erdgasbefeuertes Blockheizkraftwerk zum Einsatz. In Berlin haben wir uns bewusst gegen fossile Energieträger entschieden und setzen eine Großwärmepumpe ein, die Beheizung und Kühlung der Dachfarm übernimmt, ergänzt durch natürliche Lüftung.“ Die Dachfarm nutzt nicht die gesamte Dachfläche. 200 Solarmodule decken zwischen 15 und 20 Prozent des Strombedarfs des Marktes.
Damit nicht nur die Planung und der Bau, sondern auch der spätere Betrieb reibungslos laufen, haben die Kölner den Markt erstmals komplett nach der BIM-Methode – kurz für Building Information Modeling – digital vorgeplant und -gebaut. Der digitale Zwilling des Marktes soll künftig auch bei Wartung und Reparatur helfen: Handwerker sollen mit seiner Hilfe sehen, bei welchem Gerät ein Problem auftritt und was sie für die Reparatur oder Wartung mitbringen müssen.
Für die Kunden von Thomas bleiben die meisten technischen Details verborgen. In Zukunft sollen sie von der Dachterrasse aus einen kleinen Einblick bekommen. Vielleicht schmeckt ihnen der Lankwitzer Salat dann noch besser.
Ist das Architekturkonzept des Berliner Rewe Green Farming der Maßstab für die nächsten 15 Jahre?
Ich vergleiche das mit der Automobilentwicklung: Mit Wiesbaden haben wir den Prototyp vorgestellt, Berlin ist die Vorserie. Bei der Einführung der Green-Building-Baubeschreibung 2012 brauchten wir vier Jahre und rund 30 gebaute Märkte, bis 2016 eine Version stand, die ich bis heute für konstruktiv und kostentechnisch kaum optimierbar halte. Nach nur einem gebauten Markt der neuen Generation sind wir bei diesem Optimierungsgrad bereits bei 80 Prozent.
Der größte Faktor dabei?
Der eigentliche Wandel betrifft den gesamten Planungs- und Bauprozess: modularer, digitaler, stärker als Produkt statt als Projekt gedacht, mit Building Information Modeling als zentralem Werkzeug.
Welche Standorte eignen sich für eine Dachfarm?
Voraussetzungen sind ein wirtschaftlicher Top-Standort mit hoher Kaufkraft und eine Mindestverkaufsfläche von 1.800 Quadratmetern, um Platz für Treppenhäuser und Nebenräume der Farm zu haben. Zudem die Nähe zu einem Frischelager, damit die Ware nicht weit transportiert werden muss.
