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Türkischer Handel Eine andere Welt

Dieter Druck | 06. März 2020

Lebensmitteleinkauf mit Basar-Feeling, eine Fülle nicht alltäglicher Produkte und ein türkischer Händler mit Multikulti-Ambitionen sowie Online-Ideen.

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Im Marktleiter-Büro steht die Tür auf. Es geht zu wie im Taubenschlag. Menschen mit und ohne Kittel kommen und gehen. Es wird laut kommuniziert und telefoniert in verschiedenen Sprachen. Paletten und Displays werden vor der Tür geparkt, und schwups verschwinden sie wieder. Ich stehe im Marketim-Markt in Düsseldorf und erfahre für mich ein wirkliches Einkaufserlebnis, das nicht ladenbaulich inszeniert ist, sondern von den Menschen hier, Kunden wie Mitarbeiter, und einer anderen, vielfältigen Produktwelt ausgeht.

Nicht einfach vollgestopft
Der Marketim-Markt ist nicht zu messen an den konzeptionell durchgestylten Neueröffnungen von Rewe, Edeka, Lidl, Aldi und den anderen Händlern. Aber er hebt sich gleichzeitig deutlich ab von den kleinen türkischen Lebensmittelgeschäften, die beispielsweise im Dortmunder Norden oder anderen Städten des Ruhrgebiets anzutreffen sind. Es hat alles seinen Platz, ist strukturiert und nicht einfach vollgestellt.
Der 800 Quadratmeter große Markt Am Turnich in Düsseldorf besteht seit 1997. Zehn Jahre später hat ihn Hilmi Ugur, der eine kaufmännische Ausbildung bei Kaiser`s absolviert hat, übernommen und fortlaufend modernisiert. Er und Co-Geschäftsführer Zafer Budak haben die Zeichen der Zeit erkannt und leiten weitere Entwicklungsschritte ein. Es wird an vielen Schrauben gedreht.

Nicht türkisch, sondern ethnisch
Ganz wichtig ist den beiden die Positionierung als Ethno-Vollsortimenter und nicht als rein türkischer Markt. „Wenn unsere Kunden etwas Besonderes suchen, dann sind wir für sie der erste beziehungsweise einzige Anlaufpunkt“, berichtet Ugur nicht ohne Stolz. Daher habe man einen großen Einzugsbereich und einen hohen Stammkundenanteil.

Etwa 40 Prozent der Kunden hier haben türkische Wurzeln, der Rest ist Multikulti. Das setzt sich auf der Mitarbeiterseite fort. 30 Köpfe zählt das Team aus Türken, Mazedoniern, Iranern, Syrern und anderen Nationalitäten. Acht Sprachen kommen hier laut Ugur zusammen.

Selbstredend, dass sich der Multikulti-Ansatz im Sortiment wiederfindet. 14.500 Artikel umfasst das Angebot, bezogen von mehr als 110 großen und kleinen Lieferanten.

Entsprechend der Kundenstruktur gibt es breite Sortimente mit multinationaler Ausprägung. Beispielsweise kommen Schafskäse aus Bulgarien, der Türkei und Griechenland oder sind deutscher und dänischer Herkunft. Damit werden zudem verschiedene Preislevel abgedeckt. Oder es gibt Datteln aus Saudi-Arabien, Tunesien und dem Iran.

Deutscher Kühl-Block
Mit dem Blick auf deutsche Kunden soll im kommenden Monat zudem eine Blockplatzierung mit Molkereiprodukten sowie SB-Fleisch und Wurstwaren in der Pluskühlung eingerichtet werden. Generell werden mehr Produkte deutschen Ursprungs eingelistet, wobei Regionalität als zusätzlicher Aspekt eine Rolle spielt; besonders bei Obst und Gemüse. Auch der TK-Bereich wird deutlich ausgebaut. „TK-Ware ist essenziell für uns und bringt acht Prozent des Umsatzes“, erklärt Budak.

Auffällig ist, dass das Trockensortiment mehr Platz einnimmt als bei deutschen Vollsortimentern. Unzählige Varianten verschiedenster Hülsenfrüchte, ein riesiger Block mit 120 Gewürzen, ganz wichtig und mit drei Prozent Umsatzanteil am Gesamtmarkt, 15 Sorten Bulgur oder mehr als 20 verpackte Baklava-Varianten brauchen ihren Platz. Ins Auge sticht zudem die Gebindevielfalt. Alles spiegelt die Vielfalt der Kundschaft und die damit zusammenhängenden Haushaltsgrößen wider. Typisch deutsche Marken wie zum Beispiel Knorr und Dr. Oetker werden in ansehnlichen Blöcken platziert. Die Produkte sind halal, also „erlaubt“, und stammen von den türkischen Tochterunternehmen der internationalen Konzerne. Ülker, Egetürk oder der Süßwarenhersteller Lokum sind die türkischen Markenklassiker.

Für Preisorientierte
Als Kundenmagnet wirken die etwa zehn knapp kalkulierten, wöchentlich wechselnden Aktionsartikel. Sie sind mittig im Gang am Beginn des Kundenlaufs platziert. Das untermauert gleichzeitig ein passendes Preisimage. Werbung wird dafür nicht gemacht. Mundpropaganda, kombiniert mit Facebook und Instagram, garantiere einen sehr schnellen Informationsfluss, ist Ugur überzeugt.

Volles Wochenendprogramm
Das Herzstück und stärkster Kundenmagnet ist die Fleischtheke, natürlich halal-zertifiziert, die sich über 25 Meter erstreckt. Das Lamm ist meist irischen oder englischen Ursprungs. Geflügel wird täglich und von mehreren Lieferanten geliefert. An einem Abschnitt der Theke werden vor den Augen der Kunden Köfte (Hackfleischbällchen) geformt, marinierte Spieße (Sis) gesteckt oder Rinderherz und -leber geschnetzelt. Zum Wochenende hin wird volles Programm gefahren.

Kundenmagnet und Umsatzbringer ist auch die Feinkost in Bedienung. Zwischen mehr als 20 Olivensorten können die Kunden wählen. Ebenso so viele Schalen stehen auf der Theke und laden zum Verkosten ein. Und am Tresen mit den Brot- und Backwaren stehen 18 Baklava-Sorten zur Auswahl, alle handwerklich gefertigt, frisch – ein echter Hingucker. Genauso anziehend sind die Schmalzgebäcke und die Simit genannten Sesamringe.

Und es gibt noch viele Schrauben mehr, an denen Ugur und Budak in absehbarer Zeit drehen wollen. Auf der Agenda steht unter anderem die Verlängerung der Öffnungszeiten um eine Stunde von 7 Uhr bis 20 Uhr in der Woche und bis 19 Uhr an den Samstagen.

Zukunftsplanung läuft
Ein weiterer Punkt ist das Einbringen von mehr Convenience in einzelne Warengruppen, siehe Fleischtheke, zudem soll alles nachhaltiger werden. Darüber hinaus soll ein eigenständiges To-go-Angebot entwickelt werden. Auch der Online-Shop ist bereits angedacht, als Click-und-Pick-up-Format, um den direkten Bezug zum Markt herzustellen. Und last but not least der erste Schritt zur Filialisierung, etwas was bislang in der türkischen Handelsszene noch sehr selten ist. In Köln wollen die beiden Kaufleute einen zweiten Markt mit vergleichbarer Größe eröffnen.