Penny „Da kann man ja gar nichts mehr essen!“

Andrea Kurtz | 05. Juni 2018
Penny: „Da kann man ja gar nichts mehr essen!“

Bildquelle: Insa Hagemann für Lebensmittel Praxis

Eine richtig tolle Aktion, fanden die Kunden des Penny in Hannover- Langenhagen. 1.606 Produkte – rund 60 Prozent der Artikel – fehlten plötzlich in den Regalen. Das Unternehmen wollte so auf die Gefahr des Insektensterbens aufmerksam machen.

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Jeden einzelnen Artikel des Penny im Einkaufszentrum CCL im eigentlich wenig kaufkräftigen Hannoveraner Vorort Langenhagen hat Rewe- Umweltmanager Dr. Florian Schäfer mit seinen Partnern vom NABU in die Hand genommen und auf Fruchtaromen, Öle, Inhaltsstoffe wie Milch, Kakao oder Kaffee geprüft und dann mit dem Marktteam aus den Regalen geräumt. Für ein paar Stunden herrschte dann das, was ein absolutes NoGo für einen Supermarkt ist: gähnende Leere.

60 Prozent Artikel weg
Von den knapp 2.600 Artikeln, die sonst im Sortiment sind, fehlten knapp über 1.600. Und das bei laufendem Geschäftsbetrieb: Die Kunden, die sich gleich am Montag der Pfingstwoche eindecken wollten, standen vor leeren Tiefkühltruhen und Mopro-Regalen. Süßwaren gab es nur wenige, Schokolade gar keine, Kaffee auch nicht. Auch Fertiggerich-te nicht. Große Lücken gab es selbst im Kosmetikregal – wegen der Zusatzstoffe. „Da kann man ja gar nichts mehr essen“, so eine junge Mutter. Eines der wenigen Produkte bei Wurst und Fleisch: Serrano-Schinken. Obst und Gemüse dagegen – weil meist windbestäubt – kamen gut weg.„Betrinken könnten wir uns noch“, sagte Bereichsvorstand Handel Rewe, Stefan Magel, humorvoll. „Ich war schockiert, wie viele Produkte ohne die Bestäubungsleistung der Insekten wegfallen würden. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um das Insektensterben zu stoppen.“

Nachhaltige Aktionen bei Rewe

Die Aktion steht im Kontext der Nachhaltigkeitsstrategie der Rewe Group, deren Schwerpunkt unter anderem seit rund zehn Jahren der Schutz der Biodiversität ist. Seit 2010 beispielsweise engagieren sich in einem Gemeinschaftsprojekt der Gruppe mittlerweile über 300 Landwirte in mehr als 20 Anbauregionen für den Schutz der Artenvielfalt im Apfelanbau in Deutschland und in Österreich.


Das sei in der Tat ein eindrucksvolles Bild, ergänzten der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies und Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des NABU: „Alles, was jetzt hier fehlt, gäbe es in der bekannten Form ohne Bienen und andere bestäubende Insekten nicht mehr. Und der Kunde brauche solche haptischen Demonstrationen; diese seien viel mehr wert als alle politischen Reden und Absichtserklärungen. „Ich begrüße, dass der Lebensmittelhandel die Verantwortung für das übernimmt, was vor der Kette kommt“, sagt Lies. Ein Umdenken sei bereits im Gange; die Bundesregierung sei sich ebenfalls bewusst, dass sie das wachsende Umwelt- und Ernährungsbewusstsein der Bevölkerung weiter unterstützen müsse. Auch als Nahrungsgrundlage für Fledermäuse und viele Vogelarten sind Insekten unersetzlich.

Bienen und Nutztiere
Die EU habe sich auch endlich positioniert und inzwischen drei für Wildbienen und andere Bestäuber gefährliche Gifte aus dem Verkehr gezogen. Die Bundesregierung legt ein Aktionsprogramm auf, das vor allem mehr Lebensraumschutz vorsieht. Bienen sind nach Rindern und Schweinen das drittwichtigste Nutz-tier des Menschen. Weltweit sind über 85 Prozent der Wild- und Kulturpflanzen auf die Bestäubung durch Bienen und einer Vielzahl weiterer Insektenarten angewiesen. Schätzungen zufolge liegt der wirtschaftliche Nutzen von Wildbienen, Schmetterlingen und Co. im Hinblick auf die Bestäubungsleistung von Kulturpflanzen global bei jährlich bis zu 500 Milliarden Euro. Umso dramatischer ist es, dass Anzahl und Vielfalt der Insekten drastisch sinken.

Beispiel Wildbienen: Von den etwa 550 in Deutschland vorkommenden Arten sind bereits über die Hälfte mindestens gefährdet, viele bereits ausgestorben. Bei anderen Insektengruppen ist diese Entwicklung ähnlich brisant. Die Ursachen für den dramatischen Insektenrückgang liegen maßgeblich in der industriellen Landwirtschaft: Durch den massiven Einsatz von Pestiziden und dem Feh-len von Strukturen wie Feldgehölzen oder Ackerrandstreifen werden Insekten direkt getötet oder finden keine Nahrungsquellen mehr. Auch die zunehmende Lebensraumzerstörung oder der Klimawandel tragen ihren Teil dazu bei.

Guter Partner: Der Nabu
Die Aktion im Penny-Markt wurde gezielt im Vorfeld des ersten Weltbienentags der Vereinten Nationen am 20. Mai geplant. „Es ist paradox, dass vor allem die Landwirtschaft in hohem Maße von Insekten abhängig ist, beispielsweise für die Bestäubung der Kulturpflanzen oder für die biologische Schädlingsbekämpfung – und zugleich als einer der Haupttreiber ihres Verlustes gilt“, mahnt Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbund Deutschland (NABU). Ein Umdenken in der Landwirtschaft sei unausweichlich. Die Penny-Aktion trage dabei einen wichtigen Teil zur Bewusstseinsbildung bei – gerade weil sie in der Mitte der Bevölkerung ansetze, in einem Discounter.