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Planet Retail Neue Bedürfnisse

Franziska Schmidt | 10. August 2018
Planet Retail: Neue Bedürfnisse
Bildquelle: Hema, Planet Retail RNG

Nicht ob, sondern wie und was sind die Fragen bei Gastronomie im Lebensmittel-Einzelhandel: Das zeigt der Blick ins Ausland. Ein Gastbeitrag von Franziska Schmidt, Planet Retail RNG.

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Gastronomie im Lebensmittel-Einzelhandel ist in der jüngsten Vergangenheit wichtiger geworden. Viele Händler üben sich aktuell darin, ihren Kunden mehr als einen Korb voll Produkte zu bieten. Es handelt sich dabei nicht um einen flüchtigen Trend, sondern um eine notwendige Anpassung an fundamental veränderte Kundenbedürfnisse.

Die Autorin

Franziska Schmidt ist Retail Analyst bei Planet Retail RNG. Sie berichtet im Wechsel mit ihrem Kollegen Boris Planer über Entwicklungen im internationalen Handel.

Die Gründe für den Aufstieg der Gastronomie im Handel sind vielfältig und vor allem strukturell. Die Alterung der Gesellschaft führt zu kleineren Haushalten und einer beschleunigten Urbanisierung. Beides hat schrumpfende Einkaufskörbe zur Folge, und zwar vermehrt in der Nachbarschaft oder online. Die ebenfalls mit der Alterung zusammenhängenden künftigen Umverteilungen werden die Kaufkraft aller Bevölkerungsschichten schmälern, es wird also weniger für Kino, Reisen und normale Restaurants übrig bleiben.

Aber wie soll all das nun der Gastronomie im Lebensmittel-Einzelhandel zur (langfristigen) Blüte verhelfen? Je kleiner die Haushalte werden, desto weniger lohnt es sich, selbst zu kochen. Verbraucher werden zunehmend dankbar dafür sein, wenn jemand für sie frisch kocht. Und ein gut gestaltetes Restaurant im Markt wird eine gesellige Alternative zu einem Platz vor dem Fernseher in einer kleinen Wohnung werden.

Online-Buchungswebsites wie opentable.com vermelden eine rasant wachsende Zahl von Buchungen von Einzelplätzen. Cafés in London führen „chatty tables“ (deutsch: „Plaudertische“) ein, da immer mehr Menschen ihren Alltag alleine bestreiten (inklusive Kaffeetrinken gehen), aber dabei ungern ohne Geselligkeit bleiben wollen. Und obwohl auch ältere Kunden künftig ihre Lebensmittel online bestellen werden, statt schwer zu tragen (ja, auch deutsche), werden sie sich nach Kontakt zu anderen Menschen sehnen.

Schrumpfende Kaufkraft lenkt tendenziell mehr Geld in den Lebensmittel-Einzelhandel, da Verbraucher sich den Alltag etwas schöner machen und sich etwas gönnen möchten, wenn schon der Urlaub kleiner ausfällt, das Auto aufgegeben wird und Filme eher gestreamt als mit Popcorn im Kino gesehen werden. Wenn der Supermarkt um die Ecke interessante Produkte und eine schöne gastronomische Ecke hat, wird er derjenige sein, der die Kunden binden kann. Alterung, Urbanisierung, schrumpfende Haushalte und steigende Teilnahme am Arbeitsmarkt von Frauen sind internationale Phänomene, und Gastronomie im Lebensmittel-Einzelhandel entsprechend ebenso. Im Folgenden werden zwei internationale Beispiele von gelungener Gastronomie im Lebensmittel-Einzelhandel vorgestellt.

Caprabo (Eroski), Barcelona
Caprabo bedient das gastronomische Element in einem seiner Läden in Barcelona gleich zweimal. Der Markt hat eine Theke mit speziell mediterranem Essen, das Kunden kalt kaufen und in einer Essecke hinter dem Kassenbereich erwärmen und verzehren können. Hier wird die Nachfrage nach regionalen Produkten gleich mitbedient. Zudem gibt es „Chef Caprabo“, einen Raum im hinteren Bereich des Marktes, in dem Kunden (sogar Kinder) Kochkurse belegen sowie essen gehen können. Der Händler arbeitet auch mit Sonderaktionen wie Valentinstagsmenüs.

Hema Supermarkt (Alibaba), Shanghai
Alibaba hat in einem seiner Hema-Supermärkte in Shanghai die Kundeninteraktion im gastronomischen Bereich automatisiert. Gäste können ein Gericht digital bestellen und bezahlen. Hema-Mitarbeiter schicken die Zutaten für das gewünschte Essen mit Hilfe eines Laufbands in die Küche, wo es von Köchen zubereitet wird. Das Gericht wird dann über ein Laufband zu den Gästen geschickt. Hier geht es vor allem um Schnelligkeit und Bequemlichkeit – ein Bedürfnis, das vor allem junge und lang arbeitende Menschen haben. Automatisierung hilft natürlich auch langfristig bei der Kostenminimierung, ein wichtiger Punkt bei mehr Service im Handel.

Es bleibt zu erwähnen, dass kulinarische Trends schnell kommen und gehen. So werden wohl nächstes Jahr nur halb so viele Hipster-Burgerbars aufmachen wie dieses Jahr. Und von Bubble Tea spricht schon lange keiner mehr. Händler, die Gastronomie in ihre Läden integrieren, müssen flexibel bleiben und ihre Angebote schnell anpassen können, um sich von umliegenden Märkten abzuheben, die Ähnliches tun werden. Es liegt also auf der Hand, dass Händler ihre Gastronomiebereiche als Module gestalten, die sich auch in Zukunft immer wieder an Zeitgeist und neue Kundenbedürfnisse anpassen können.

Bezahlt wird per Hema-App, das Essen kommt automatisch an den Tisch: In einem Hema-Supermarkt in Shanghai, einer Tochter von Alibaba, hat die Automatisierung auch in der Gastrozone viele Prozesse übernommen.