Nach den „heute“-Nachrichten und vor dem „Wetter“: Zur besten Sendezeit sitzen über drei Millionen in Deutschland vor den Fernsehern, so jedenfalls die Analyse der AGF Videoforschung. Und was läuft da derzeit? Wie Töchterchen Papa das Käsebrot stiehlt und vermampft. Ein humorvoller Werbespot für den Neuen von Bergader, den Gipfelkäse.
Auch bei der Übertragung der Biathlon-Weltmeisterschaft vergangenen Winter tauchten die Werbebanner für den Gipfelkäse im Hintergrund auf. „Es ist für uns als mittelständisches Familienunternehmen ein großer Gewinn gewesen, offizieller Hauptsponsor in Lenzerheide zu sein“, so Firmeninhaber Felix Kress. Während Athleten für sportliche Höhepunkte sorgten, „lieferten wir mit unserem Gipfelkäse die passenden Genussmomente dazu“.
Jahrelang fungierte die Privatkäserei aus Waging am See „nur“ als Absender ihrer Topmarken Bavaria blu, Bergbauern-Käse, Almzeit und Bonifaz. Das aber sehr erfolgreich. National sind die Käsemeister aus Oberbayern unangefochtene Marktführer bei Blauschimmelkäse im SB-Bereich. Neben Schnittkäse spezialisierten sich die Waginger vor allem auf die Produktion von gehaltvollem Bavaria blu (10.000 Tonnen) und Weichkäse (18.000 Tonnen), wie dem Bonifaz. Doch Produkte und Kundschaft sind in die Jahre gekommen. Beide zählen inzwischen gut 50 Lenze, so Inhaber Felix Kress. Das Stammgeschäft floriere zwar, aber: „Wir wollen mit neuen Konzepten neben unserem neu gestärkten Bestandskonzept auch eine jüngere Linie aufbauen“, gibt Kress die Marschrichtung vor.
Die Neuausrichtung des Portfolios geht mit dem personellen Generationswechsel einher. Anfang 2021 übergab Beatrice Kress die Unternehmensleitung an ihren Sohn Felix Kress und damit an die vierte Generation. Der stieß die Neuentwicklung an. Das neue Sortiment „kommt ein bisschen peppiger daher und versucht damit auch den Zeitgeist zu treffen“, so der Jungunternehmer. Konvertieren wolle man aber niemanden. Der Bergbauern-Käse-Käufer werde sein Sortiment weiterhin in gewohnter Breite finden.
Das Alpine neu interpretiert
Was in den letzten Jahren etwas ins Hintertreffen geraten ist, bekommt nun neuen Glanz. Die Dachmarke Bergader steht wieder im Vordergrund. Die einst von Firmengründer Basil Weixler kreierte Bild- und Textmarke geht auf das Bergmassiv Watzmann zurück, dessen Wasseradern ihn an die Schimmeladern seines Käses erinnerten. So verschmolzen „Berg“ und „Ader“ zum Markennamen der Waginger Käserei.
Scheibenweise kommen die neuen Sorten daher und als SB-Ware. Mit Namen wie Gipfel-, Bergsteiger- und Brotzeitkäse stehen sie für einen eher milden Geschmack, dafür aber mit einem markanten Markenauftritt. Als Zielgruppe hat man junge Erwachsene ab 30 mit und ohne Kinder, sportlich aktiv und mit entsprechender Kaufkraft, im Blick.
Auch ein Weichkäse aus der Rubrik „the next generation“ liegt seit Kurzem im Kühlregal. „Beim Weichkäse haben wir eigentlich genau den USP des Produktes getroffen, weil es quasi ein neuartig entwickelter Weichkäse ist, der eine wesentlich feinere Rinde mit Milchschimmel hat und trotzdem sehr cremig ist“, schwärmt der Firmeninhaber von seiner Innovation.
Mit den großen Käseherstellern aus Norddeutschland kann und will man nicht konkurrieren. Im Gegenteil: Bergader wirbt ganz gezielt mit den Gegebenheiten, die eine Milchproduktion in den bayerischen Bergen besonders schwierig und aufwendig machen: klein-bäuerlichen Betrieben mit durchschnittlich 40 Kühen und schwer zu bewirtschaftenden Almwiesen. Die Käserei macht so die regionalen Besonderheiten sichtbar. Auch auf den neuen Verpackungen ganz prominent mit einer stilisierten Bergszenerie. Anders als beim Bergbauern-Käse wirbt man mit der Alpenlandschaft nicht als Arbeitsplatz für die Erzeuger der Rohmilch, sondern als Urlaubs- und Erholungsort der Verbraucher.
Die neuen Sorten sollen helfen, die Wettbewerbsfähigkeit der Privatkäserei zu verbessern. Zwar stieg in den letzten Jahren der Umsatz stetig, die Margen hätten, so Kress, aber noch Luft nach oben. Das soll sich nun mit der besseren Ausnutzung des teuren Guts Rohmilch durch die neuen Käsesorten und die Hebung neuer Zielgruppen ändern.
Was sich dagegen kaum beeinflussen lässt, ist der Preiskampf im Lebensmitteleinzelhandel. Jede Woche gebe es ein Käsescheiben-Markenprodukt, das einen Euro unter dem Normalpreis liege. Viele Verbraucher kauften dann Produkt XY nach dem Motto „Hauptsache, Käse, Hauptsache, der billigste“. Diese „enorme Austauschbarkeit“ vernichte Wertschöpfung für alle Beteiligten, sowohl für den Handel als auch für die Hersteller.
Standortfrage steht an
„Teile unserer Struktur sind einfach sehr alt“, erzählt Kress im Gespräch. Der Blick auf ein Modell im Haupthaus zeigt, wie das Unternehmen in den letzten Jahren gewachsen, aber gleichzeitig räumlich an seine Grenzen gestoßen ist. Der Bau einer neuen Käserei für Blauschimmel- und Weichkäse ist daher in Planung. Wo, ist noch ungewiss. Die Region sei aber gesetzt, allein schon wegen der Landwirte als Rohstofflieferanten und wegen des hohen Know-hows der Mitarbeiter, die man nicht verlieren möchte.
Bei allen Innovationen will man das Stammgeschäft nicht außer Acht lassen. Ganz im Gegenteil, neue Zielgruppen für Bavaria blu sollen gewonnen werden. Und zwar junge. Dafür setzt Bergader unter anderem auf Würfel. Blauschimmelwürfel für die Pizza oder einfach als Basis für die trendigen Spaghetti mit Blauschimmelsauce.