Eine Frau an der Spitze eines Handelskonzerns ist auch in Spanien noch selten. Umso mehr fällt die 49-jährige Elodie Perthuisot auf, die seit 2023 Chefin der französischen Handelskette Carrefour in Spanien ist. Die gelernte Ingenieurin hat klare Ziele: Lidl soll Carrefour keine weiteren Marktanteile abnehmen, und auch Mercadona will sie auf die Pelle rücken. Der Konkurrent aus Valencia dominiert mit einem Marktanteil von mehr als einem Viertel und ist mit seinen kleineren Märkten fast an jeder Ecke präsent. 2024 betrieb Mercadona nach Kantar-Daten 1.613 Verkaufsstellen mit Flächen zwischen 1.500 und 2.500 Quadratmetern.
Carrefour selbst verfügt nach eigenen Angaben neben dem Online-Handel über 204 Hypermärkte, 163 Carrefour-Market-Supermärkte, 1.115 Carrefour-Express-Läden und 71 Supeco-Discounts. Preislich können die Franzosen allerdings nicht mit den deutschen Discountern mithalten, die – gemeinsam mit Mercadona und Alcampo – regelmäßig zu den günstigsten im Land zählen.
Discounter auf dem Vormarsch
Lidl etwa erreichte 2024 laut Kantar 6,5 Prozent Marktanteil und betreibt inzwischen über 700 Filialen. Carrefour liegt mit 9,8 Prozent zwar vorn, benötigt dafür aber deutlich mehr Standorte. „Lidl hat enorm aufgeholt in Spanien, und Carrefour muss zwangsläufig schneller nachziehen“, sagt Alejandro Alegret, Handelsexperte und Dozent an der Madrider EAE Business School. Die spanische Tageszeitung „El País“ beschrieb Lidls Expansionsdrang vor wenigen Monaten mit dem Bild: „Lidl breitet sich in Spanien aus wie ein Ölfleck.“
Für die Handelsexpertin Victoria Labajo González von der Madrider Hochschule Icade hängt dieser Trend mit den Konsumgewohnheiten zusammen: „Es gibt immer mehr Singlehaushalte und die fahren nicht mit dem Auto in den Verbrauchermarkt, sondern gehen zu Fuß nebenan einkaufen.“ Zudem seien kleinere Formate profitabler und einfacher auszurollen. Carrefour will deshalb 2025 rund 100 neue Läden eröffnen, etwa die Hälfte davon ist bereits gestartet. Fast alle Neueröffnungen sind Express-Märkte ab 100 Quadratmetern mit langen Öffnungszeiten und in städtischer Lage.
Ein ähnlicher Trend zeigt sich auch in Deutschland: Mit kompakten Formaten wie „Rewe City“, „Rewe to go“ „Tegut teo“ oder „Edeka Express“ versuchen die Händler, näher an die Kunden zu rücken.
Hypermärkte unter Druck
Der klassische Carrefour-Hypermarkt mit bis zu 23.000 Quadratmetern Verkaufsfläche verliert dagegen an Attraktivität. „Viele Familien wollen und können finanziell nicht mehr auf einen Schlag 300 Euro für einen Einkauf ausgeben. Sie verteilen ihre Ausgaben auf mehrere kleinere Einkäufe – im Discount oder im Fachhandel, wo sie gezielt nach Angeboten suchen und nur das kaufen, was sie wirklich brauchen“, erklärt Alegret.
Die Verführung in Verbrauchermärkten sei enorm, doch manche Konsumenten umgingen das Marketing dort inzwischen bewusst. Das habe in der Pandemie begonnen und sich mit der Inflation verstärkt. „Die Präsenz von Lidl im Kaufbewusstsein der Spanier hat inzwischen die von Carrefour überholt, was eindeutig mit den Preisen zu tun hat“, sagt Alegret. Laut Kantar greifen viele Haushalte in den letzten Tagen vor dem nächsten Lohn vor allem zu günstiger Basisnahrung wie Spaghetti mit Tomatensauce. Auch Aldi profitiert: Mit 480 Filialen hat die Kette in Spanien stark zugelegt, liegt aber noch klar hinter Lidl.
Carrefour-Chefin Perthuisot, die zuvor auch in der französischen Politik arbeitete und ein Jahr bei der Marine verbrachte, drückt deshalb aufs Tempo. Denn nicht nur Lidl, auch Discounter Día wächst wieder: 2025 meldete Día erstmals seit Jahren ein Nettowachstum und betreibt nun über 2.300 Filialen, wie Icade berichtet. „Bis 2029 will das Unternehmen in Spanien mit weiteren 300 lokalen Filialen expandieren“, sagt Labajo González. Damit verschärft sich der Wettbewerb um die besten Standorte in Spaniens Städten. Neben Carrefour, Lidl, Mercadona, Aldi und Día investieren auch regionale Ketten auf den Balearen oder in Katalonien wie IFA, Plusfresc oder Bonpreu zunehmend in Nachbarschaftsmärkte.
Carrefour setzt auf KI
Spanien zählt laut Icade derzeit etwas mehr als 500 Hypermärkte. In den vergangenen zehn Jahren wuchs die Gesamtverkaufsfläche dieser Betriebe nur um 4 Prozent. Ihr Anteil an der Fläche für den Massenkonsum sank von 14,8 Prozent (2015) auf heute 12,9 Prozent, erklärt Labajo González. Perthuisot hält im Interview mit Food Retail & Service (FRS) zwar am Hypermarkt als zentraler Säule fest, betont aber: „Unser Ziel für 2025 ist, durch Preisoptimierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit schneller zu wachsen als die Konkurrenz.“
Die Carrefour-App gilt schon heute als eine der fortschrittlichsten im spanischen Handel. Zudem hat die Managerin einen KI-Expertenrat ins Leben gerufen, um den Einsatz von künstlicher Intelligenz voranzutreiben. „Ich bin leidenschaftlich an künstlicher Intelligenz interessiert“, sagt sie im Interview mit FRS und nennt Walmart mit seiner digitalen Transformation als Benchmark für Carrefour.
Doch trotz aller Ambitionen sind Nachbarschaftsmärkte für Carrefour noch ein Drahtseilakt. Anders als Lidl, Mercadona oder Día fehlt den Franzosen die nötige Routine im kleinteiligen urbanen Tagesgeschäft. Im Carrefour Express an der Ecke Dr. Esquerdo und Calle Saínz de Barranda in Madrid zeigt sich das deutlich: Immer wieder kommt es zu Engpässen, weil Kunden und Mitarbeiter beim Einräumen buchstäblich aneinandergeraten. Die Öffnungszeiten von 9 bis 22 Uhr sind zwar bequem, doch das Einkaufserlebnis leidet – und billig ist es im Express-Format ebenfalls nicht.