Die Europäische Union plant im Rahmen ihres 21. Sanktionspakets gegen Russland eine deutliche Reduzierung der Einfuhr von Alaska-Seelachs. Das könnte nach Einschätzung des Thünen-Instituts erhebliche Folgen für die deutsche Fischstäbchen-Produktion und die Preise im Supermarkt haben.
Sanktionspaket könnte im Juli beschlossen werden
Nach Recherchen der Nachrichtenagentur dpa sieht der Vorschlag der EU-Kommission eine Halbierung der Importmenge von Alaska-Seelachs aus Russland innerhalb von zwei Jahren vor. Unmittelbar nach Inkrafttreten soll die Einfuhr auf den Durchschnittswert der Jahre 2023 bis 2025 begrenzt werden. Nach einem Jahr dürften dann nur noch 75 Prozent dieser Menge importiert werden, nach zwei Jahren nur noch 50 Prozent. Ein zunächst diskutiertes komplettes Einfuhrverbot habe die EU wegen möglicher negativer Folgen für europäische Unternehmen und Verbraucher vorerst verworfen. Das Sanktionspaket soll laut Diplomaten spätestens im Juli beschlossen werden und neben den Beschränkungen für Alaska-Seelachs auch ein vollständiges Importverbot für russischen Kabeljau ab 2028 umfassen.
Deutschland größter Abnehmer von Alaska-Seelachsfilet
Deutschland ist laut dem Thünen-Institut, das zum Geschäftsbereich des Bundeslandwirtschaftsministeriums gehört, der größte Abnehmer von Alaska-Seelachsfilet aus Russland in der EU. Allein im vergangenen Jahr importierte die Bundesrepublik nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 93.500 Tonnen gefrorene Filets im Wert von rund 228 Millionen Euro. Der Anteil Russlands an den deutschen Alaska-Seelachsfilet-Importen stieg dem Thünen-Institut zufolge zwischen 2020 und 2024 von 15 auf 45 Prozent. In Deutschland stehen den Angaben zufolge die größten Fischstäbchenfabriken der Welt.
Thünen-Institut warnt vor „Fischstäbchenkrise“
Das Thünen-Institut warnt in einem Dossier mit dem Titel „Droht eine Fischstäbchenkrise?“ vor erheblichen Auswirkungen auf Angebot, Preise und Arbeitsplätze in der deutschen fischverarbeitenden Industrie. Zwar gebe es in der Branche Überlegungen, die Fehlmenge durch andere Fischarten wie den Süßwasserfisch Pangasius aus Aquakultur zu ersetzen. Ein vollständiger Ausgleich sei jedoch weder nach Menge noch nach Darbietungsform oder Preis möglich.
Neben Russland produzierten nur US-amerikanische Fischereien vergleichbare Mengen an Alaska-Seelachs, diese seien aber durch langfristige Lieferverträge gebunden. Das Institut erwartet zudem, dass der von der EU nicht mehr abgenommene russische Fisch in andere Weltregionen geliefert wird – etwa nach China. „In der Summe würde die deutsche Fischindustrie und damit auch die Versorgung des europäischen Marktes mit günstigen Fischprodukten unwiderruflich Schaden nehmen“, heißt es in dem Dossier.
Iglo und Frosta schweigen bisher
Die in Deutschland ansässigen Hersteller Iglo und Frosta äußerten sich laut dpa zunächst nicht zu den geplanten Sanktionen. Ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums erklärte, die Bundesregierung unterstütze Maßnahmen, die Russland die wirtschaftliche Basis für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine entziehen. Das Ministerium prüfe derzeit gemeinsam mit Wirtschaftsbeteiligten und der Wissenschaft die möglichen Auswirkungen des Kommissionsvorschlags. Die EU hat in der Vergangenheit bereits die Einfuhr von russischem Öl und Gas weitgehend eingeschränkt und Importverbote unter anderem für Zement, Holz, Diamanten und Gold erlassen.