Es braucht Vertrauen. In sich selbst, in die eigene Menschenkenntnis. Aber auch in die Fähigkeiten, den Weitblick und die richtige Einstellung zweier Mitarbeiterinnen. Damit diese das vom Urgroßvater gegründete Unternehmen weiterentwickeln und -führen. Bis der eigene Sohn das Ruder übernehmen kann. Für Führungswechsel gibt es keine Blaupause. Schon gar nicht in einem Familienunternehmen. Perry Soldan (57), geschäftsführender Gesellschafter des fränkischen Premium-Bonbonherstellers Dr. C. Soldan, fand seine eigene Lösung: Seit Januar stehen mit Natalia Schindler und Melanie Schneble erstmals zwei Nicht-Familienmitglieder an der Spitze der Geschäftsführung.
Kratzt es im Hals, ist die Stimme belegt oder rau, dann sind seit mehr als 120 Jahren die Bonbons von Dr. Soldan bewährte Helfer. Apotheker und Medizinalrat Dr. Carl Soldan legte 1899 mit einer Medizinaldrogerie in Nürnberg den Grundstein für das Unternehmen. Ab 1923 verkaufte er dort die von ihm selbst entwickelten Hustenbonbons mit dem Namen Em-Eukal. Zwei Jahre später meldete er die Marke als Warenzeichen beim Deutschen Patentamt an. Heute produziert das Familienunternehmen in der vierten Generation am Standort im fränkischen Adelsdorf Bonbons der Marken Em-Eukal, Kinder-Em-Eukal und Krügerol (siehe auch Text auf S. 71).
Die neuen Geschäftsführerinnen sind langjährige Soldanerinnen, wie sie im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis erzählen. Natalia Schindler (41) ist seit zwölf Jahren im Unternehmen. Sie war bislang Leiterin der kaufmännischen Bereiche und verantwortet nun zudem den Bereich Operations. Melanie Schneble (41) führte bislang das Marketing und ist seit Jahresanfang verantwortlich für die Bereiche Vertrieb, Marketing und Human Resources. Gesellschafter Perry Soldan begleitet weiterhin die strategischen Themen.
In der Region tief verwurzelt
Der Standort Deutschland ist für das Unternehmen viel mehr als eine reine Ortsfrage. Melanie Schneble: „Dr. C. Soldan ist hier in der Region tief verwurzelt.“ Produktion und Verwaltung liegen in Adelsdorf, nicht weit von Nürnberg. „Wir machen 95 Prozent unseres Umsatzes in Deutschland“, sagt die Geschäftsführerin, „das ist wirklich unser wichtigster Markt.“ Exportmärkte sind Österreich sowie Südkorea. Warum gerade Südkorea? „Wir haben einen starken südkoreanischen Distributor, den wir über Jahre entwickelt haben“, sagt Schneble. Zudem komme die Tradition als Familienunternehmen in diesem Markt gut an. Ein zusätzliches Argument sei „Made in Germany“.
Schneble nennt einen weiteren positiven Punkt für den Standort Deutschland: die Handelsstruktur. „Damit meine ich die organisierte Struktur mit Regiemärkten sowie Selbstständigen, die unter ihren Dächern eigenständig agieren. Und für uns als Unternehmen ist es natürlich gut, wenn wir die Gespräche mit den Zentralen führen.“ So lasse sich eine gute Sichtbarkeit der Marke erreichen. Die Franken sind mit ihren Produkten mit 60 Prozent Marktführer in der Apotheke – in einem Kanal, der vertrieblich ungleich kleinteiliger organisiert ist.
„Es gibt natürlich immer zwei Seiten einer Medaille“, fügt Co-Geschäftsführerin Natalia Schindler hinzu. Da sei zum einen der gesättigte Markt hierzulande mit einer hohen Preissensibilität. Zum anderen die starke Verhandlungsmacht des Handels. „Ich empfinde unser Unternehmen dann manchmal wie ein Einfamilienhaus in Manhattan, eingeklemmt zwischen den Hochhäusern der Stadt New York.“
Mitarbeiterinnen frühzeitig einbezogen
Dass auf sie eine neue Rolle im Unternehmen zukommen könnte, das wissen beide schon seit einigen Jahren. „Eigentlich schon kurz nach deiner Einstellung vor zwölf Jahren, nicht wahr, Natalia?“, fragt Melanie Schneble ihre Kollegin. Diese nickt: „Perry Soldan hat das wirklich von langer Hand vorbereitet und mich frühzeitig angesprochen.“ Schneble fragte er vor acht Jahren, „da war ich gerade in meiner zweiten Elternzeit“. Und sie fügt hinzu: „Da sieht man einfach, wie ein Familienunternehmen tickt – es geht immer um langfristiges, gesundes Wachstum.“
Schon mit Mitte 40 habe Perry Soldan gesagt, er glaube nicht, dass er, wenn er 60 oder älter sei, das Unternehmen noch richtig prägen könne. Gleichzeitig war klar, dass sein Sohn Philipp Soldan noch nicht alt genug sein würde, um zu übernehmen. „Wir sind jetzt quasi eine Zwischengeneration“, sagt Schindler. „Wir sehen uns als diejenigen, die die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Philipp Soldan ein starkes, zukunftsfähiges Unternehmen übernehmen kann.“ Eine ihrer wichtigsten Botschaften an die Mitarbeiter derzeit: Der fränkische Bonbonspezialist ist ein Familienunternehmen – und bleibt es auch.
Sie können gut miteinander. „Wir haben die gleichen Werte und gehen in die gleiche Richtung“, sagt Schindler. „Fachlich diskutieren wir immer gerne, wertschätzend und sachorientiert“, sagt Schneble; das bringe sie schließlich voran, ergänzt Schindler. Sie sind keine Familienmitglieder, doch auch sie denken langfristig.
Top-Management-Team entscheidet
Schindler und Schneble etablieren allerdings eine andere Führungskultur. Ausblick und Fokussierung geben, motivieren, den Schulterschluss schaffen: Das sieht Natalia Schindler als zentrale Aufgabe. „Das schaffen wir nur in einem Dialog“, sagt sie. Die Eigenverantwortung der Abteilungen stärken, aber auch die der einzelnen Mitarbeiter. Neu etabliert haben sie ein Top-Management-Team mit insgesamt neun Mitgliedern. Dieses tagt regelmäßig. „Einerseits um die operativen Themen nicht zu verschlafen“, sagt Schindler, „andererseits um konsequent die Umsetzung der Entscheidungen zu verfolgen.“ Da jede Abteilung, alle Fachbereiche hochrangig vertreten seien, „sind wir entscheidungsfähig“. Zu den festen Terminen im Kalender des Führungsduos gehört zudem ein monatliches Gespräch mit Perry Soldan. Er ist „unser Sparringspartner, wenn es um langfristige und strategische Fragestellungen geht“, sagt Schneble.
Melanie Schneble spricht vom Vorteil, zu zweit zu führen. Jede habe ihren eigenen Fachbereich, in dem sie sich auskenne und entscheiden könne. „Wir haben uns gesagt: Wir entscheiden vieles gemeinsam, aber nicht alles zu zweit.“ Das mache das Führen derzeit einfacher. Zu Jahresanfang haben sie mit den Mitarbeitern gesprochen. Sie wollten erfahren, was die Abteilungen beschäftigt, um nicht von den Themen getrieben zu werden, die die Politik ins Unternehmen trägt. Damit sie selbst die richtigen Impulse setzen können.
Und was wünschen sie sich von der Politik? „Mehr Dialog und Kommunikation!“, sagt Schindler. Was bedeutet diese Lage für die nächsten Wochen für die Unternehmen in Deutschland? Schließlich erwarteten auch die Soldan-Mitarbeitenden Antworten auf diese und ähnliche Fragen.
„Überregulierung kostet Kapazitäten“
Dauerbrenner bleibt die Bürokratie. „Die dreht uns als Mittelständlern langsam die Luft ab.“ Natalia Schindler sieht die neuen Verordnungen auf die immer gleichen Schultern verteilt. Sie spricht von Überregulierung, die nur Kapazitäten koste, „uns überhaupt nicht voranbringt“. Auch wenn sicherlich gute Gedanken in der EU-Richtlinie zur Netzwerk- und Informationssicherheit 2 (NIS) oder der europäischen Verpackungsverordnung PPWR steckten: „Uns erscheint es so, dass sie von Theoretikern entwickelt wurden, da fehlt uns der Schulterschluss mit der Industrie.“ Ihr Rat an Bundeskanzler Friedrich Merz: „Gehen Sie vor der Umsetzung der europäischen Verordnungen in den Dialog mit der Industrie, den unterschiedlichen Branchen. Da wären beide Seiten gut beraten.“
Schindler und Schneble übergeben irgendwann an Philipp Soldan. Der 26-jährige Industriekaufmann absolviert derzeit ein unternehmenseigenes Traineeprogramm. Blickt in alle Abteilungen, sammelt Erfahrungen für die künftige Rolle, baut sich ein Netzwerk auf. Mit Natalia Schindler und Melanie Schneble als Wegbegleiterinnen. Wann er als fünfte Generation aus der Familie Soldan in die Geschäftsführung eintreten wird, das hat die Familie noch nicht festgelegt. Muss sie auch nicht. Es ist ja vorgesorgt.
Unternehmensgründer Dr. Carl Soldan war Apotheker. Und auch mehr als 120 Jahre nach der Gründung steht der Vertriebskanal Apotheke für etwa ein Drittel des Umsatzes von 63,5 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2024/25. Drogeriemärkte sowie Lebensmitteleinzelhandel (LEH) tragen ebenfalls je ein Drittel bei.
Nummer 2 im Handel
„Wir sind Marktführer in der Apotheke mit einem Umsatzanteil von 60 Prozent sowie im Drogeriemarkt mit mehr als 40 Prozent“, sagt Geschäftsführerin Melanie Schneble. Seit 2008 beliefert das Unternehmen den LEH mit Produkten der Marke Em-Eukal. „Dort haben wir noch Potenzial. Da sind wir die Nummer zwei. Und da wissen meine Kollegin Natalia Schindler und ich, wo unsere Aufgaben liegen in den nächsten Jahren.“ Größter Wettbewerber dort ist die Marke Ricola.
Das Apothekensterben erhöht den Druck auf das Vertriebsmodell. Laut Zahlen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) gab es zum Jahreswechsel 2025 insgesamt 16.601 Apotheken. Für Dr. C. Soldan sind das 440 Einkaufsstätten weniger als 2024. „Das spüren wir natürlich schon“, sagt Schneble. Dennoch bleibe die Apotheke „sowohl wirtschaftlich als auch emotional unser ‚Heimatmarkt‘“. Etwa 70 Prozent der Käufe dort seien Impulskäufe – Anwesenheit quasi Pflicht.
„Vision“ für Marke
Wie sie im LEH mit den „Premiumbonbons mit Mehrwert“ die Marktanteile ausbauen wollen, darüber hüllen sich Schneble und Schindler im Gespräch noch in Schweigen. „Wir haben schon eine Vision, wo die Marke hingehen kann“, sagt Schneble. „Aber darüber können wir noch nicht reden.“
Über alle Vertriebslinien hinweg waren die Franken 2025 im Gesamtmarkt Hustenbonbon Umsatzmarktführer mit einem Anteil von 30,1 Prozent; beim Absatz mit 25,4 Prozent Zweiter. Hier lagen die Handelsmarken mit einem Anteil von 31,2 Prozent vorne (Quelle: Circana, Lebensmittelhandel inklusive Discount, Drogeriemärkten, Apotheken, Tankstellen, Convenience-Shops).