Fahrt mit ... Olivia Rabys über ihre Blitzkarriere bei Lidl und den Wechsel ins Fastfood-Geschäft

Hintergrund

Olivia Rabys machte bei Lidl Blitzkarriere. Heute baut sie ihr drittes McDonald’s-Restaurant. Auf dem Bagger spricht sie über Lidl und die Selbständigkeit.

Montag, 12. Oktober 2026, 07:40 Uhr
Elena Kuss
Artikelbild Olivia Rabys über ihre Blitzkarriere bei Lidl und den Wechsel ins Fastfood-Geschäft
„Ich brauche keine Distanz, um zu führen. Das habe ich bei Lidl gelernt.“ Olivia Rabys, Franchisenehmerin
Olivia Rabys machte bei Lidl Karriere vom Trainee bis in die Geschäftsleitung. Sie arbeitete unter anderem als Teil der Geschäftsleitung in Deutschland und Tschechien. Nach ihrem Abschied von Lidl absolvierte sie ein Trainee-Programm bei McDonald’s. Seit Januar 2026 ist sie Franchisenehmerin. Bildquelle: Peter Eilers

Das Fundament ist bereits trocken, ein Bagger gräbt in der Erde. „Das wird mein drittes McDonald’s-Restaurant“, sagt Olivia Rabys. Als sie erstmals von der Möglichkeit hörte, zwei Restaurants zu übernehmen, musste sie auf der Karte nachsehen, wo Eschweiler oder Stolberg liegen. Auflösung: im Rheinland. In Langerwehe erlebt sie zum ersten Mal, wie eines ihrer Restaurants neu gebaut wird. „Dann baggern wir auch mal eine Runde, oder?“, fragt sie die Reporterin.

Helm auf, Warnweste an. Der Baggerfahrer erklärt, welcher Hebel welche Funktion hat. Als Rabys die Schaufel anhebt, ruckelt die Maschine ordentlich. „Sie geben Bescheid, wenn wir etwas kaputt machen“, sagt die 38-Jährige. Der Baggerfahrer antwortet mit einem Augenzwinkern: „Das ist doch Ihr Restaurant.“

Noch vor wenigen Jahren verantwortete Rabys rund die Hälfte des deutschen Lidl-Geschäfts mit ungefähr 1.500 Filialen. Heute als Franchisenehmerin der Schnellrestaurantkette McDonald’s gehören die Folgen ihrer Entscheidungen ihr.

Bester oder schlechtester Tag

Rabys begann 2008 als Studentin bei Lidl. Sie leitete später mehrere Filialen und wurde 2016, mit 28 Jahren, Geschäftsführerin einer Regionalgesellschaft. Drei Jahre danach gehörte sie der Geschäftsleitung von Lidl Deutschland an.

Rabys erinnert sich noch genau an den Tag, als ihr Telefon klingelte und die Sekretärin von Klaus Gehrig einen Termin mit ihr vereinbarte. Gehrig wollte Rabys kennenlernen. Der Mann, der Lidl an der Seite von Dieter Schwarz groß gemacht hatte, führte zu diesem Zeitpunkt als Komplementär die gesamte Schwarz-Gruppe. Er wollte wissen, wer so schnell vom Trainee zur Geschäftsführerin bei Lidl aufgestiegen war, erklärt Rabys den Anruf. Vor dem Gespräch dachte die damals 28-Jährige: „Entweder wird das der beste Tag meines Lebens oder der schlechteste.“

Privatjet und Plattenbau

Rabys traf sich mit dem Unternehmenschef. Sie besuchten eine Filiale. Und Rabys erklärte ihre Sicht, widersprach zuweilen und hielt daran fest, so erzählt sie. Das machte offenbar Eindruck. Der damalige Komplementär jedenfalls holte sie im Unternehmen nach ganz oben.

Rabys lernte eine Welt kennen, die weit von ihrer Kindheit im brandenburgischen Plattenbau entfernt war. Sie reiste durch verschiedene Länder, flog im Privatjet in die USA und schlief so häufig an anderen Orten, dass sie einmal eine Schranktür öffnete, weil sie dahinter die Toilette vermutete. Nach einer Reise landete sie in Berlin und fuhr zu ihren Eltern. Wenig später saß sie in ihrem sechs Quadratmeter großen Kinderzimmer. Manchmal, sagt sie, habe ihr Leben wie ein Film gewirkt.

Rabys gehörte zu mehreren Managerinnen, die unter Gehrig in hohe Positionen aufstiegen. Die Schwarz-Gruppe hatte Anfang der 2010er-Jahre öffentlich angekündigt, Frauen aus den eigenen Reihen gezielt für Führungsaufgaben zu qualifizieren. Innerhalb von etwa fünf Jahren sollte mindestens eine Frau dem Vorstand angehören.

2020 übernahm Rabys mit Anfang 30 als eine von zwei Regionalleitern Verantwortung für den Norden Deutschlands. Ihr Bereich umfasste drei Geschäftsleiterregionen und damit ungefähr die Hälfte des deutschen Lidl-Geschäfts. Dass Karrieren plötzlich enden konnten, sei ihr immer bewusst gewesen. „Bei Lidl war immer klar: Morgen kann es vorbei sein“, sagt Rabys.

Sie lernte in der Schwarz-Gruppe ihre Grenzen kennen und auch, wie sich diese überschreiten lassen. Sie wechselte in den Personalbereich von Lidl International und arbeitete gleichzeitig am Strategieprogramm Next Level. Aus zwei Aufgaben wurden, so beschreibt sie es, zeitweise zwei Vollzeitstellen.

Einmal saß sie gegen 23 Uhr mit ihrem Mann auf der Couch und arbeitete noch an einer Präsentation. Er fragte, wann am nächsten Morgen der Wecker klingele. Um 5 Uhr, antwortete sie. Als er wissen wollte, warum sie so früh aufstehen müsse, sei sie einfach explodiert, erinnert sich Rabys. In dem Moment habe sie gemerkt, wie viel sie gearbeitet habe.

Als Klaus Gehrig 2021 nach 45 Jahren im Betrieb ausschied, veränderte sich die Schwarz-Gruppe. So empfand es Rabys. 2024 wechselte die Managerin in die Geschäftsführung von Lidl Tschechien. Sie wollte weitere Erfahrung sammeln. Ihr Vertrag sei auf zwei Jahre befristet gewesen. Danach wollte sie für eine Spitzenposition nach Deutschland zurückkehren. Dazu kam es nicht. Laut tschechischem Handelsregister endete die Geschäftsführertätigkeit von Rabys und Landeschef Adam Miszczyszyn am selben Tag, dem 14. Oktober 2024. Kurz darauf übernahm Tomasz Kuźma die Leitung. Rabys arbeitete ihren Nachfolger noch sechs Wochen ein. Lidl stellte sie anschließend frei.

Zehn Euro für den Dezember

Während ihrer Freistellung arbeitete Rabys ein halbes Jahr lang an zwei Tagen pro Woche bei der „Tafel“ in Heilbronn. Beim ersten Einsatz für die gemeinnützige Organisation fuhr sie mit ihrem teuren Dienstwagen los. Dann bekam sie ein ungutes Gefühl. Das Auto, fand sie, passe nicht zu dem Ort, an den sie gerade unterwegs war. Rabys ging den Rest des Wegs zu Fuß, wie sie sagt.

Kurz vor Weihnachten räumte sie in dem kleinen Laden der „Tafel“ Regale ein und kassierte. Ein Mann erzählte ihr, dass er für den Dezember noch zehn Euro zur Verfügung habe. Es war Mitte des Monats. „Olivia, über was regst du dich eigentlich manchmal auf?“, fragte sie sich danach. „Du hast überhaupt keine Probleme, wenn du das siehst. Deine Probleme sind dagegen nichtig.“

Tatsächlich klingelte ihr Telefon schnell. Als die Zeitungen berichteten, dass sie die Schwarz-Gruppe verlassen würde, bekam Rabys mehrere Jobangebote. Sie hätte ihre Karriere als angestellte Managerin fortsetzen können, sagt sie. Aber sie dachte an McDonald’s. Schon als Kind war ein Besuch dort für sie etwas Besonderes. Ein Happy Meal fühlte sich wie ein Festessen an.

Jahre später traf sie in einem Restaurant ausgerechnet den Mann wieder, der sie einst bei Lidl eingestellt hatte. Er stand hinter der Theke und bediente. Rabys fragte sich, was passiert war. Kollegen erklärten ihr später, dass er Franchisenehmer sei. „Bis dahin wusste ich gar nicht, dass McDonald’s hauptsächlich mit Franchisenehmern arbeitet“, erzählt Rabys.

Neustart an der Fritteuse

Seitdem beschäftigte sie die Idee. Bevor sie sich entschied, rief sie den ehemaligen Kollegen an und ließ sich von seinem Alltag erzählen. Gemeinsam mit ihrem Mann wog sie ihre Möglichkeiten ab. Am Ende kamen sie immer wieder zu demselben Ergebnis: McDonald’s.

An einem Sonntagabend schickte sie ihre Bewerbung als Franchisenehmerin ab. Am Montagmorgen klingelte das Telefon. „Hallo, hier ist McDonald’s. Ihre Bewerbung ist eingegangen. Wir würden Sie gerne kennenlernen.“ Dann begann Rabys noch einmal von vorn. Seit Januar 2026 ist sie Franchisenehmerin. Bevor sich Rabys für das Restaurant in Langerwehe entschied, prüfte sie auch, ob ein Lidl in der Nähe lag. Durch ihre früheren Aufgaben könne sie ganz gut ableiten, welchen Umsatz die Filiale erziele, sagt die 38-Jährige. Das sei ein guter Hinweis darauf, wie viel Potenzial der Standort für ihr ​McDonald’s-Restaurant habe. Momentan sind rund um die Baustelle unbebaute Felder. Die Gemeinde von Langerwehe plant dort ein „modernes Gewerbegebiet“.

Schon ein halbes Jahr nach der Übernahme des zweiten Restaurants sagte Rabys zu ihrem Mann: „Jetzt läuft es hier schon ganz gut. Jetzt könnte auch demnächst wieder etwas Neues kommen.“ Dann kam der Anruf von McDonald’s für das Restaurant in Langerwehe. „Ich brauche das, ein bisschen im roten Bereich zu laufen“, sagt Rabys. „Ich bin ein klassisches Lidl-Kind und das wird aus meiner Vita auch nicht mehr verschwinden.“ Wachstum stecke in ihrer DNA. In zehn Jahren will sie zehn Restaurants führen.

Die ehemalige Lidl-Topmanagerin absolvierte bei McDonald’s ein Traineeprogramm. Üblicherweise dauert es neun Monate, sie verkürzte auf sieben. Rabys bereitete Burger zu und arbeitete in verschiedenen Schichten. Bei Lidl war sie zeitweise für ungefähr 1.500 Filialen verantwortlich, nun lernte sie die Abläufe eines Restaurants kennen. McDonald’s macht Franchisenehmern Vorgaben. Sortiment und Marke stehen fest. Rabys entscheidet, was die Gerichte kosten, wie viel Geld sie sich auszahlt, wie viel sie für Personal ausgibt und wann sie ein Restaurant modernisiert.

Unternehmer unter den goldenen Bögen

Olivia Rabys ist eine von 215 Franchisenehmern, die McDonald’s für Deutschland nennt. Franchisenehmer führen ihre Restaurants als eigenständige Unternehmer und sind Arbeitgeber ihrer Teams. Sie betreiben rund 94 Prozent der deutschen McDonald’s-Restaurants. Neue Partner übernehmen in der Regel zunächst ein oder zwei bestehende Restaurants. Der Franchisevertrag läuft gewöhnlich 20 Jahre.

Auch ohne Gastroerfahrung

Wer einsteigen will, muss Eigenkapital mitbringen, ein Auswahlverfahren durchlaufen und ein Ausbildungsprogramm absolvieren. McDonald’s sucht Bewerber mit kaufmännischer Erfahrung und Führungspraxis; Gastronomieerfahrung nennt das Unternehmen nicht als Voraussetzung. 

Die eigenen Rechnungen

„Wenn du als Selbstständige einen Dienstwagen willst, kannst du dir einen kaufen“, sagt Rabys. Sie fährt einen BMW X3, durch dessen Räder die roten Bremssättel leuchten. Als sie ihr Auto versichern wollte, musste sie sich wie eine Fahranfängerin einstufen lassen. Lidl hatte ihr von Beginn an Dienstwagen gestellt. Ein eigenes Auto hatte sie deshalb nie versichert.

„Ich will das hier machen“

Nach der Baggerfahrt fährt Rabys in ihren McDonald’s in Eschweiler. Als sie ihr Restaurant übernahm, lud sie das Prinzenpaar aus dem örtlichen Karneval auf einen Kaffee ein. Es kam nicht allein, sondern mit Hofstaat und Gefolge. „Im Rheinland sind viele wirklich sehr offen, das passt gut zu meiner Berliner Art. Ich fühle mich wohl“, sagt Rabys.

Mit ihrem Mann ist sie seit 18 Jahren zusammen, seit sieben Jahren sind die beiden verheiratet. Kennengelernt haben sie sich zu Beginn von Rabys’ Karriere bei Lidl. Nicht an jeden neuen Arbeitsort ist er ihr gefolgt. Nun wollen beide in die Region ziehen und suchen ein Haus. „Ich will das hier machen, bis ich mit den Füßen zuerst rausgetragen werde“, sagt Rabys.

Ein McDonald’s-Mitarbeiter kommt die Treppe im zweistöckigen Restaurant hinauf. „Du hast heute Mittelschicht“, sagt Rabys und nennt ihn beim Vornamen. 2016 führte Gehrig in der Schwarz-Gruppe das Du ein. Den Anstoß gab er mit einer internen Mail, die er mit „Gruß, Klaus“ unterschrieb. Danach sollten sich die Mitarbeiter über Hierarchiestufen hinweg duzen. Auch in Rabys’ Restaurants duzen sich auf ihren Wunsch alle. Für McDonald’s sei das ziemlich ungewöhnlich, sagt die Franchisenehmerin. „Ich brauche keine Distanz, um zu führen. Das habe ich bei Lidl gelernt.“

Rabys verantwortete früher die Hälfte des deutschen Lidl-Geschäfts mit rund 100.000 Mitarbeitern. Heute beschäftigt sie etwa 100 Menschen. Auf Rabys’ Arm klebt ein Pflaster. Die Chefin hat sich während einer Nachtschicht an der Fritteuse verbrannt.

 

Bilder zum Artikel

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Bild öffnen Bevor sich Rabys für Langerwehe entschied, prüfte sie auch, ob ein Lidl in der Nähe lag.
Bild öffnen Auf Rabys’ Arm klebt ein Pflaster. Sie hat sich an der Fritteuse verbrannt.
Bild öffnen Das Fundament ist trocken. Rabys baut ihr drittes Restaurant.

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