Wer den Nahkauf von Christian Funke in Rodenbach bei Hanau betritt, braucht keinen Lageplan. Rund 250 Quadratmeter Verkaufsfläche, enge Gänge, mehr als 3.000 Artikel: „Sie kommen vorne rein und sind hinten fast schon wieder draußen“, sagt der Kaufmann. Digitales Bestellsystem? Fehlanzeige. Ein kleiner Laden aus einer gefühlt anderen Zeit. Und doch gehört ausgerechnet dieser kleine Nahversorger zu den ersten „Lieblingsmärkten der Region“.
Die Lebensmittel Praxis hat die Auszeichnung in diesem Jahr erstmals in den drei Kategorien Supermärkte, Biomärkte und Spezialitätenmärkte in allen Landkreisen und kreisfreien Städten bundesweit vergeben. Der Dienstleister Quantiquest hat die Auswertung der Daten übernommen. Die Siegerliste erzählt Geschichten, die in klassischen Leistungsschauen des Handels heute meist untergehen. Nicht jeder Gewinner glänzt mit spektakulärem Ladenbau oder dem neuesten Convenience-Modul. Eines aber vereint die Lieblingsmärkte: Die Kunden lieben sie im Alltag.
Hier sehen Sie die Gewinner aller Regionen:
Lieblingsmarkt der Region 2027
Rodenbach ist dafür das Paradebeispiel. Funke ist bei Rewe groß geworden, über Ausbildung, duales Studium und Betriebswirt bis zum Filialleiter. Von der Großfläche hat er nie geträumt. „Mir liegen Märkte, in denen ich die Leute persönlich kennenlerne und irgendwann auch kenne“, sagt er. Auf der kleinen Fläche werde jeder Zentimeter genutzt. Wo andere einen Karton einer Sorte ins Regal stellen, reduziert Funke die Facings und schafft Platz für zusätzliche Varianten. Der Laden lebt von kurzen Wegen, Ergänzungseinkäufen und Service. Lebensmittel und Getränke liefert Funke auf Wunsch bis in die Wohnung.
Das ist die Methodik
Die Lebensmittel Praxis zeichnet mit Unterstützung von Quantiquest erstmals empfehlenswerte Supermärkte, Biomärkte und Spezialitätenmärkte in Deutschland als „Lieblingsmarkt der Region 2027“ aus. Grundlage der Studie ist eine KI-gestützte Analyse von annähernd 1,6 Millionen Kundenurteilen mit mehr als 14,4 Millionen Textfragmenten wichtiger Online-Portale sowie eine Befragung der Märkte.
Grundsätzlich konnte sich jeder recherchierte Markt qualifizieren, sofern die Studienkriterien erfüllt wurden. Im Rahmen einer Selbstauskunft wurden von Juni bis Juli 2026 unter anderem Angaben zu Sortiment, Qualität und Frische, Preis-Leistungs-Verhältnis, Marktatmosphäre sowie Sauberkeit und Hygiene erhoben.
Das Sprachmodell analysierte die Kundenurteile nach vier Haupt- und acht Unterkategorien. Im Mittelpunkt stand die Tonalität der Bewertungen auf einer Skala von schlecht bis sehr gut. Die Analyse berücksichtigte nach Angaben von Quantiquest insbesondere Gesamtzufriedenheit und Weiterempfehlung, Sortiment, Qualität und Frische, Preis-Leistungs-Verhältnis, Freundlichkeit, Service und Organisation, Marktatmosphäre sowie Sauberkeit und Hygiene. Standort und Erreichbarkeit flossen mit geringerer Gewichtung ein. Für jede Kategorie wurde ein Sentiment-Index ermittelt und gewichtet zur Gesamtwertung zusammengeführt. Ergänzend wurden die Angaben aus der Selbstauskunft berücksichtigt.
Der Alltag zählt
Dass unspektakuläre Tugenden zählen, zeigt die Auswertung des Dienstleisters Quantiquest. Das Unternehmen hat anhand unzähliger Bewertungen auf Online-Portalen – und zwar auf der Grundlage der dort hinterlassenen Texte, nicht durch Sterne-Bewertungen – analysiert, wie Kunden über Märkte sprechen. In 52 Prozent der ausgewerteten Rezensionen thematisierten sie das Sortiment, in 41 Prozent das Personal. Service und Organisation folgen mit 28 Prozent. Im Wortschatz der Kunden taucht „freundlich“ mit Abstand am häufigsten als Lob auf. Bei schlechten Bewertungen geht es dagegen besonders oft um Kassen, Wartezeiten, Regallücken und Personal. Der Alltag entscheidet stärker als die Inszenierung.
Im „Paradieschen“ im Ort Linsengericht sieht das Einkaufserlebnis so aus: Gabi Lorenz, Leitung Bioladen, setzt mit ihrem Team auf Frische, eigene Herstellung, Beratung und Regionalität. Im Markt werden Biokuchen und -torten produziert, das Bistro-Team kocht, der Lieferservice bringt 5.000 Kisten pro Woche zu Kunden in einem Radius von bis zu 50 Kilometern. Markt, Gastronomie und Liefergeschäft greifen ineinander. „Wir hätten das Paradieschen auch günstiger bauen können – aber unser Ziel war, einen Ort zu schaffen, an dem sich die Menschen wohlfühlen“, sagt Lorenz.
Wohlfühlen lässt sich nicht in Quadratmetern messen. Es entsteht aus vielen kleinen Dingen und Verlässlichkeit: Mitarbeiter, die ansprechbar sind. Obst und Gemüse, das frisch wirkt. Ein Sortiment, das zum Ort passt. Und manchmal schlicht aus dem Gefühl, dass jemand den Kunden kennt. „Wir arbeiten bewusst personalintensiv, weil es uns wichtig ist, dass genügend Mitarbeiter für eine echte Beratung da sind“, sagt Lorenz. Das Paradieschen gewann im Main-Kinzig-Kreis in der Kategorie Biomärkte.
Wie unterschiedlich Lieblingsmärkte aussehen können, zeigt wenige Kilometer weiter der Mix-Markt in Gelnhausen. Der Markt steckt in einer hohen Industriehalle, die nicht für den Lebensmittelhandel gedacht war. Das Ambiente ist zweckmäßig, das Sortiment klar auf die Kundschaft zugeschnitten: viele osteuropäische Produkte, Spezialitäten und eine Fleischtheke. Inhaber und Franchise-Nehmer Michael Kellmeter kennt seine Nische. „Wir wissen, dass wir gut sind“, sagt er und verweist auf die Auszeichnung als bester Mix-Markt Süddeutschlands 2025. Nun kommt der Titel Lieblingsmarkt in der Kategorie Spezialitätenmärkte hinzu. Seine Freude war riesig.
Und dann gibt es Sieger, die auch aus klassischer Handelssicht sofort ins Raster passen. Edeka Habig in Büdingen ist rund 2.000 Quadratmeter groß, führt etwa 20.000 Artikel und ist erst seit knapp zwei Jahren am Netz. Im Wetteraukreis liegt der Markt bei den Vollsortimentern aus Kundensicht vorne. Inhaber Jan Habig und Marktleiter David Wehner sind ständig auf der Fläche unterwegs. „Wir freuen uns extrem, weil unser Engagement und die Arbeit, die wir hier in den Standort stecken, von den Kunden honoriert werden“, sagt Habig.
Auch das Rewe-Center in Egelsbach verbindet auf beeindruckende Weise beide Welten. Der Großflächenmarkt ist „Supermarkt des Jahres 2026“ – und nun zugleich Lieblingsmarkt. Markt-Managerin Dunja Storck sieht darin eine Bestätigung: Damit hätten nicht nur eine Fachjury, sondern auch die Kunden das Team gewürdigt.
Anspruchsvoller Alltag auf den Flächen
Die ausgewerteten Daten zeigen auch, wie anspruchsvoll der Alltag geworden ist. Seit 2017 sinken die Bewertungen in fast allen untersuchten Kategorien deutlich – besonders bei Freundlichkeit sowie Service und Organisation. Gleichzeitig wächst der Anteil der Rezensionen, in denen Kassen, Wartezeiten und Regallücken vorkommen. Für Händler ist das eine nüchterne Botschaft: Investitionen sind wichtig, aber sie retten keinen Markt, wenn die Basics nicht funktionieren. Auch die Selbstauskunft der teilnehmenden Händler passt dazu. 86 Prozent sind selbstständige Kaufleute. Als Unterscheidungsmerkmale nennen sie vor allem Atmosphäre, Regionalität, Markenvielfalt, Service und Kundenbindung. Über den Preis will sich weniger als die Hälfte profilieren.
Zurück nach Rodenbach. Funke meint, außerhalb des Ortes wisse kaum jemand, dass es seinen Markt gebe. Die Auszeichnung Lieblingsmarkt dürfte das ändern. Denn diese Auszeichnung tragen von nun an Märkte, in denen sich die Kunden so wohlfühlen, dass sich ein Umweg lohnt.
Was untersucht der „Lieblingsmarkt der Region“ eigentlich genau?
Im Kern messen wir Kundenzufriedenheit. Dafür haben wir rund 1,6 Millionen Web-Rezensionen von annähernd 12.000 Märkten ausgewertet. Daraus sind 14,4 Millionen Textfragmente entstanden. Entscheidend sind also nicht einfach die Sterne, sondern das, was Kunden tatsächlich schreiben. Ein „sehr guter Markt“ ist etwas anderes als ein „herausragender Markt“. Solche Abstufungen werden in der Analyse erfasst. Das zeigt uns sehr genau, warum Kunden einen Markt schätzen, weiterempfehlen oder eben kritisieren.
Und welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei der Auswertung?
Die KI entscheidet nicht, wer gewinnt. Menschen haben das Scoring-Modell entwickelt. Die KI hilft uns, die große Menge an Rezensionen zu codieren und wiederkehrende Kriterien wie Freundlichkeit, Sauberkeit, Frische oder Weiterempfehlung zu erkennen. Ohne diese Unterstützung wäre eine Auswertung in dieser Größenordnung schlicht nicht machbar.
Was ist den Verbrauchern besonders wichtig?
Drei Dinge stechen klar heraus. Erstens die Gesamtzufriedenheit und damit auch die Bereitschaft, einen Markt weiterzuempfehlen. Zweitens Sortiment und Qualität: Auswahl, Produktqualität und Frische. Drittens: Service und Freundlichkeit. Schaut mich ein Mitarbeiter an, grüßt er mich, hilft er mir? Oder räumt er nur stumm weiter Regale ein? Genau solche Dinge nehmen Kunden deutlich wahr.
Was unterscheidet einen Gewinnermarkt von einem, der nur ordentlich bewertet wird?
Ein ausgezeichneter Markt muss in den zentralen Kriterien konstant stark sein. Vermehrte schlechte oder nur mittelmäßige Hinweise auf Frische oder Produktqualität schlagen durch. Beim Service ist es ähnlich. Wer dort schwächelt, hat kaum Chancen. Standort und Erreichbarkeit spielen eine Rolle, aber daran trennt sich nicht die Spreu vom Weizen. Die Gewinner überzeugen vor allem im täglichen Einkaufserlebnis.
Kann dabei auch ein kleiner, älterer oder unspektakulärer Markt gewinnen?
Absolut. Gerade weil wir regional auszeichnen, kann auch ein kleiner Markt vorne liegen. Wir hatten einen kleinen Regionalversorger, der sich wunderte, warum er ausgezeichnet wurde, obwohl er gar nicht aktiv teilgenommen hatte. Das zeigt den Unterschied: Händler müssen sich nicht bewerben. Wenn die Kunden einen Markt über längere Zeit gut bewerten, kann er ausgezeichnet werden. Entscheidend ist nicht, wie groß oder spektakulär ein Markt auftritt, sondern wie die Menschen vor Ort ihr Einkaufserlebnis tatsächlich bewerten.
Wo liegt dann der Unterschied zum „Supermarkt des Jahres“ der Lebensmittel Praxis?
Das sind zwei unterschiedliche Perspektiven auf denselben Markt. Der „Lieblingsmarkt der Region“ bildet die regionale Verbrauchersicht digital ab. Beim „Supermarkt des Jahres“ bewertet eine Jury; dort spielen auch Branchenaspekte eine Rolle, die für Kunden gar nicht sichtbar sind, etwa wirtschaftliche Kennziffern. Die Ergebnisse können deshalb voneinander abweichen. Meiner Meinung nach ergänzen sich beide Wettbewerbe: Der eine zeigt sehr direkt, wie ein Markt bei seinen Kunden ankommt, der andere betrachtet ihn stärker aus fachlicher und unternehmerischer Sicht.
