Analysten prognostizieren deutlich höhere Kosten entlang der Lebensmittelkette. Wer zahlt das am Ende?
Mittelfristig der Verbraucher aus eigener Tasche. Kurzfristig wird es die Industrie treffen, die einzelnen Rohstoffpreisen direkt ausgesetzt ist. Der Handel hat meiner Meinung nach eine so starke Verhandlungsmacht, dass ich nicht glaube, dass sich die Vorstellungen über Margen verschieben werden.
Warum treffen globale Krisen die Lebensmittelbranche so empfindlich?
Zunächst: Die Lebensmittelversorgung ist grundsätzlich sicher – wir sind als Deutschland in der Lage, höhere Preise zu zahlen als andere Regionen. Dieser Wirtschaftszweig ist aber sehr stark abhängig von einem globalen Handelssystem, das aus den Fugen geraten ist. Egal welche Firma Sie sich anschauen, es wird wichtige Rohstoffe in den Lieferketten geben, die in den letzten Jahren deutlich volatiler geworden sind. Das führt strukturell zu höheren Preisen, weil Hersteller sich auf der Rohstoffseite nur begrenzt gegen Preissteigerungen absichern können und dementsprechend mehr Puffer in ihren Angebotskalkulationen für den Handel einplanen müssen.
Als Gründer des Start-ups Purefoods müssten Sie so was schon mal selbst erlebt haben, oder?
Oh ja, die Jahre 2018 und 2019 waren eine große Herausforderung, da der Preis echter Vanille stark nach oben ging. Dies führte damals dazu, dass wir Tonkabohne als Ersatz für unser Vanilleeis eingeführt haben. Unsere Produkte waren Bio-zertifiziert, deshalb wollten wir eine natürliche Lösung haben, die trotzdem einen starken Vanillegeschmack erzeugt und gleichzeitig unsere Marge schützt. Echte Vanille konnten wir uns nicht mehr leisten.
Wo ist die Abhängigkeit der deutschen Lebensmittelbranche besonders groß?
Offensichtlich ist dies bei Düngemitteln, die am Gaspreis hängen, und bei Phosphordünger, den wir in Deutschland nicht produzieren. Weniger offensichtlich ist, dass fast alle Wirkstoffe der Futterzusätze mittlerweile aus China kommen. Beim Futtermittel fehlen uns zehn bis zwölf Prozent an eiweißreichem Futter, bei dem wir von Brasilien abhängig sind.
Was folgt jetzt auf diese Analyse?
Das ideale Bild ist das einer regionalen, saisonalen Versorgung. Die wird es in der Realität nicht geben. Trotzdem ist das Bild nicht verkehrt. Wir brauchen drei Ansätze: bestehende Rohstoffe regional verstärkt anbauen, zum Beispiel Sojabohnen, lokale Alternativen finden, wie Ackerbohnen, und über feste Partnerschaften mit mehreren Regionen, darunter Südamerika, Indien und Kanada, Abhängigkeiten verringern.
Werden sich die Anteile bei Eigenmarken und Promotionpreisen weiter erhöhen?
Es gibt andere Märkte in Europa, wo wir auf beiden Seiten höhere Werte sehen als in Deutschland. Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich auch hier.
Wie können Markenartikler darauf reagieren?
Der Innovationsdruck wird größer. Das zeigt sich bei den Portfolios der großen Konzerne. Der Fokus richtet sich immer stärker auf funktionale Lebensmittel, bei denen sich Hersteller aufgrund der inhaltlichen Differenzierung höhere Margen erhoffen – und erwarten, dass der Handel mit Eigenmarken schwerer folgen kann.
