Schlachthof in Kellinghusen Tierschutzaktivisten erheben Vorwürfe gegen Tönnies

Aktivisten der Tierrechtsorganisation Ariwa haben Bild- und Videomaterial veröffentlicht, das im März und April dieses Jahres in einem Tönnies-Schlachthof in Kellinghusen aufgenommen worden sein soll. Tönnies hat nach einer Prüfung systematische oder strukturelle Mängel zurück. 

Dienstag, 20. Oktober 2026, 15:47 Uhr
Marcus Arden und Dr. Hauke Deeken (top agrar)
Die Zustände auf manchen Schlachthöfen haben in der Vergangenheit bereits oft für Schlagzeilen gesorgt (Symbolfoto). Bildquelle: Getty Images

Die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) wirft dem Unternehmen Tönnies schwere Tierrechtsverstöße am Standort Kellinghusen in Schleswig-Holstein vor. Die Aktivisten haben Bilder und Videos aus dem Schlachthof veröffentlicht. Die Aufnahmen sollen aus dem März und April dieses Jahres stammen.

Die Aufnahmen entstanden mithilfe von versteckten Kameras, die in der CO₂‑Betäubungsanlage und oberhalb der Schlachtlinien installiert wurden. Die Aufnahmen zeigen das Verhalten der Schweine während und nach der Betäubung sowie den Umgang der Mitarbeiter mit den Schlachttieren.

CO₂‑Betäubung erneut in der Kritik

Ariwa wirft Tönnies vor, die Tiere durchleiden Höllenqualen während der CO₂‑Betäubung. Ein zweiter Vorwurf richtet sich an die Mitarbeiter am Schlachtband. Die Bildaufnahmen sollen zeigen, wie einzelnen Tieren noch vor der Tötung ihre Hinterfüße abgeschnitten werden. Außerdem sollen Mitarbeiter Schweine im Wartebereich mit Treibpaddeln auf den Rüssel geschlagen haben. Die Tierschutzaktivisten haben angekündigt, Strafanzeige gegen Tönnies bei der zuständigen Staatsanwaltschaft zu erstatten.

Tönnies sieht keine strukturellen Mängel

Das landwirtschaftliche Fachmedium top agrar, ein Schwestertitel der Lebensmittel Praxis, hat Tönnies um Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Das Unternehmen schreibt uns: „Die in unserem Unternehmen eingesetzten Verfahren entsprechen den geltenden rechtlichen Vorgaben und werden durch zusätzliche Kontrollmechanismen abgesichert. Unser Ziel ist es, jederzeit eine tierschutzgerechte Behandlung der Tiere sicherzustellen. Umgehend nach ersten Hinweisen auf mögliche irreguläre Verhaltensweisen haben wir ein ausführliches Tierschutzaudit am Standort durchgeführt. Hier sind keine systematischen oder strukturellen Mängel zu Tage getreten.“

CO₂‑Betäubung: Suche nach Alternativen läuft

In Bezug auf die derzeit in Schlachthöfen weitverbreitete CO₂-Betäubung betont Tönnies, dass man gemeinsam mit Wissenschaft und Anlagenbauern seit Jahren an möglichen Alternativen und Weiterentwicklungen arbeitet. Nichtsdestotrotz sei das Verfahren aber eine rechtlich zugelassene und wissenschaftlich intensiv untersuchte Methode. Fachleute bewerten sie als die derzeit praktikabelste und tierschutzgerechteste Methode für die Betäubung von Schweinen.

In einem Gerichtsprozess zwischen Ariwa und dem Schlachthof Brand im niedersächsischen Lohne hatten die Richter bereits im Frühjahr 2024 bestätigt, dass die CO₂-Betäubung vom Gesetzgeber anerkannt ist und daher grundsätzlich hingenommen werden muss.

Abschneiden eines Hinterfußes: Klarer Verstoß gegen die Vorschriften

Selbstkritisch äußert man sich bei Tönnies zum Vorwurf, dass Hinterfüße bei zwei lebenden Schweinen abgeschnitten wurden. „Beim Absetzen der Hinterfüße infolge des technischen Defekts handelt der Mitarbeiter eindeutig entgegen der vorgeschriebenen Abläufe. Tiefenbetäubte Tiere sind vor jedem weiteren Arbeitsschritt zu entbluten. Dieses Verhalten tolerieren wir nicht. Gleichwohl zeigen die Bilder eine tiefe Narkotisierung der Tiere durch die tiefe CO₂‑Betäubung und damit keine Wahrnehmungsfähigkeit“, hält Tönnies dagegen.

Einen klaren Verstoß gegen die hauseigenen Vorgaben durch Mitarbeiter sieht Tönnies beim Einsatz von Treibehilfen. Hierzu erklärt das Unternehmen gegenüber top agrar: „Der in den Aufnahmen dokumentierte einmalige Einsatz von uns nicht zugelassener Treibhilfen und das Treibmanagement in dieser Situation ist nicht nur ungeeignet, sondern entspricht auch in keiner Weise unseren Vorgaben.“

Vorwürfe werden geprüft

Katharina Erdmann, Tierschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holsteins, betont gegenüber dem NDR: „Diese Bilder schockieren mich wirklich.“ Sie fordert in Bezug auf die Aufnahmen aus Kellinghusen eine konsequente rechtliche Aufarbeitung der Vorwürfe. Auch das Landwirtschaftsministerium Schleswig-Holstein sagte gegenüber dem NDR, die Hinweise sehr ernst zu nehmen und ihnen nachzugehen.

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