Für Rostbratwürste ohne Darm und Knüppelsalami ist die Marke „Eberswalder“ bekannt; manchen gilt sie sogar als Kultmarke aus Ostdeutschland. Doch nach fast 50 Jahren ist für die traditionsreiche Wurstfabrik im brandenburgischen Britz bei Eberswalde nordöstlich von Berlin Schluss. Ende Februar endet die Produktion – ein Schock für rund 500 Beschäftigte. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) feuerte vor dem Werkstor am vergangenen Sonnabend noch einmal den Grill an – bei einer „Trauerfeier“.
"War immer richti gut, die Wurst"
Mehrere hundert Menschen protestierten gegen die geplante Schließung. Auf Transparenten stand „Kapitalismus pur. Profite um jeden Preis“ oder „War immer richtig gut, die Wurst“. Die NGG kritisierte, über 500 Menschen würden auf die Straße gesetzt und eine jahrzehntelange ostdeutsche Tradition werde sang- und klanglos abgewickelt.
Das Unternehmen, das zur Zur-Mühlen-Gruppe und damit zum Fleischriesen Tönnies aus Nordrhein-Westfalen gehört, schließt zwar die Wurstfabrik. Die Marke „Eberswalder“ will sie aber nicht aufgeben, sondern woanders in Ostdeutschland produzieren. „Es gibt hunderttausende Kunden, die die haben wollen“, sagte ein Unternehmens-Sprecher.
Ost-Marken im Wandel
Zahlreiche Marken mit gewissem Kultstatus in der DDR wie die Halloren-Kugeln, Filinchen-Brot oder Bautzner Senf haben überlebt und sind im Supermarkt-Regal im Westen genauso zu finden. Etliche Traditionsbetriebe sind aber von westdeutschen oder auch ausländischen Unternehmen übernommen worden.
Zwei Beispiele: Die Bielefelder Dr. Oetker-Gruppe kaufte 2025 das Backunternehmen Kathi aus Sachsen-Anhalt. Die Spülmittelmarke Fit hat einen neuen Besitzer aus Spanien. Bekannt wurde, dass die für Stollen bekannte Halberstädter Bäcker und Konditoren GmbH in Sachsen-Anhalt saniert werden soll. Die angeschlagene Traditionsbäckerei stellte einen Insolvenzantrag.
Experten: Marken sind mehr als Logos
Verlieren Verbraucher womöglich den Appetit, wenn die Ostmarke „Eberswalder“ umzieht? Marken-Experten sind überzeugt, dass eine traditionelle Marke mehr ist als Logo und Verpackung: Sie steht für Herkunft, Geschichte und Identität.
„Wir sprechen ja eigentlich hier von kulturellen Schätzen sozusagen – von Dingen, mit denen ich aufgewachsen bin, Dinge, die mehr oder weniger meinen Alltag geprägt haben“, so der Professor für Markensoziologe an der Hochschule Mittweida in Sachsen, Oliver Errichiello. Er sieht einen Vertrauensverlust für ostdeutsche Marken. Das habe damit zu tun, „dass inzwischen die Ostdeutschen gelernt haben, dass hinter den meisten ostdeutschen Marken eben gar nicht mehr ostdeutsche Unternehmen stehen“, äußerte Errichiello.
„Waren Ostmarken einst kleine, bunte, sympathische Waren-Leuchttürme, die zeigten, was in den neuen Bundesländern möglich ist, ein Stück Identität und Ost-Stolz, gilt nun nur noch Fressen oder Gefressenwerden“, sagte der Marken-Experte Arnd Zschiesche, zu Übernahmen ostdeutscher Betriebe.
Marke „Eberswalder“ kommt künftig auch aus Sachsen
Wird der Name „Eberswalder“ nur als Worthülle bleiben? Ein Sprecher des Wurstherstellers in Britz, der 2023 von der Zur-Mühlen-Gruppe übernommen wurde, kündigt an, dass die Marke künftig an ostdeutschen Standorten in Chemnitz, Suhl und Zerbst hergestellt werde. Das Rezept, das entscheidend sei für den Geschmack, bleibe unverändert. Ein Großteil der Rohstoffe wie das Schweinfleisch seien ostdeutsche Rohstoffe.
Zur Begründung der Werksschließung teilte das Unternehmen im Januar mit: „Leider mussten wir feststellen, dass es unter den gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine realistische Perspektive gibt.“ Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten NGG warf der dahinter stehenden Tönnies Gruppe – die als Premium Food Group firmiert – vor, eine „rücksichtslose Rendite- und Marktbereinigungspolitik“ zu betreiben. Der deutsche Fleischmarkt wird von wenigen großen Unternehmen geprägt.
Gewerkschaft: Schmerzlicher Verlust
Mit Betrieben in „Familienhand“ war meist ein anderes Bewusstsein und eine emotionale Verbundenheit gegeben, aber das schwinde zusehends. Das sagte der Vorsitzende des Landesbezirks Ost der NGG, Uwe Ledwig. Zwei Wochen, bevor die Wurst-Produktion bei Eberswalde endet, verabschiedeten Gewerkschafter und Beschäftigte bei ihrer Protestaktion am Sonnabend auch ein Stück Regionalgeschichte. „Wenn eine lange Tradition endet, ist das ein schmerzlicher Verlust“, hieß es.