Molkereiprodukte Grüner geht‘s kaum

Mit dem „Origin Green“-Programm für nachhaltige Lebensmittelerzeugung gelten die Iren als Vorreiter in Europa. Ein Besuch vor Ort macht deutlich, wie nachhaltiges Wirtschaften im Milchsektor funktioniert.

Anzeige

Der Golfstrom ist schuld. Die Meeresströmung, die warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko zu den Britischen Inseln transportiert, sorgt dafür, dass Irlands Milchproduktion als Musterbeispiel in Sachen Nachhaltigkeit gilt. Dazu muss man nur wissen, dass der Golfstrom das Klima auf der irischen Insel stark beeinflusst. Speziell an der Südküste sind die Temperaturen das ganze Jahr über sehr gemäßigt. Es gibt kaum oder selten Frost, im Sommer aber auch keine „Hundstage“. Dafür aber Wind und Regen im Überfluss: Ein irisches Sprichwort besagt sogar, dass man an einem Tag die Wetterpalette eines ganzen Jahres erleben kann.

Grenzenlos

Irland hat enorm viel Weideland und ist – abgesehen von der Metropole Dublin – dünn besiedelt. Die Kühe grasen meist auf Flächen, die nur provisorisch eingezäunt sind. Ist das Gras abgegrast, ziehen die Tiere um auf die Nachbarwiese.

Die kühe trotzen auf der weide dem irischen Regen
Für die Milchkühe – davon leben in Irland rund 1,2 Mio. Exemplare – bedeutet das, dass sie an rund 300 Tagen im Jahr auf der Weide stehen und ausreichend sattgrünes Gras fressen können – nicht ohne Grund spricht die Tourismusindustrie gern von der „Grünen Insel“. Übrigens ist das Gras ausschlaggebend für die vergleichsweise gelbe Farbe der Butter, die nicht nur deutsche Konsumenten schätzen.

Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sind laut Statistik der wichtigste Wirtschaftsfaktor für die Iren, mehr als 230.000 Menschen sind in diesem Zweig beschäftigt. Grund genug, dass die irische Regierung schon vor Jahren ein Programm für die Nahrungsmittelproduktion aufgelegt hat, es trägt den Namen „Food Harvest 2020“ (Lebensmittel- Ernte 2020) und bezieht als Schlüsselelement unter dem Schlagwort „Origin Green“ (grüne Herkunft) insbesondere Aspekte der Nachhaltigkeit ein.

Mit dem Argument „intakte Umwelt“ punkten die Iren vor allem auf den Exportmärkten. Schließlich können die nur 4,6 Mio. Einwohner allein nicht die Mengen an Lebensmitteln essen und trinken, die in ihrem Heimatland produziert werden. „Wir haben die Notwendigkeit, zum Beispiel Butter zu exportieren“, bringt es David Owens auf den Punkt, der bei der Vermarktungsorganisation Bord Bia für den Sektor Molkereiprodukte zuständig ist.

Ein Mann an der richtigen Stelle, schließlich betreiben seine Eltern eine Milchfarm an der Grenze zu Nordirland, und er hilft zuhause mit, wann immer er kann. So kennt er die Erfolgsfaktoren der irischen Milcherzeugung genau: Da die Kühe fast das ganze Jahr hindurch draußen auf der Weide stehen, brauchen sie keinen aufwendigen Stall. Und wenn es regnet? David Owens schmunzelt. „Das macht den Kühen nichts aus, sie sind es ja gewohnt.“ Die Bauern haben viel Platz für die Tiere: Auf 1 ha Weideland stehen rechnerisch weniger als zwei Kühe. Die Weiden sind meist nur von Steinwällen begrenzt und provisorisch eingezäunt. Wenn sie abgegrast sind, schickt man die Kühe einfach auf die benachbarte Weide. Auch für das Heu, das im Winter verfüttert wird, steht ausreichend Fläche zur Verfügung.

Dank relativ niedriger Kosten kommen die irischen Milchvielhalter (eine gewisse Zeit lang) mit einem vergleichsweise geringen Auszahlungspreis zurecht, derzeit 22 bis 24 ct/l. Zum Vergleich: In Deutschland können die Milchviehhalter mit einem Auszahlungspreis von durchschnittlich 29 ct/l (Quelle Milchindustrie-Verband, 2015) kaum existieren und benötigen Zuschüsse zum Überleben.

Der Molkereisektor auf der Grünen Insel gehört zu den Milchmärkten, die – weltweit betrachtet – derzeit besonders schnell wachsen. Gründe dafür sind zum einen der europaweite Wegfall der Milchquote, aber zum anderen auch die Investitionsbereitschaft vieler Konzerne, die in Irland investiert haben. Nur drei Beispiele: Danone lässt hier Milchpulver unter anderem für seine Babynahrung produzieren, Ferrero bezieht Rohstoffe. In der Grafschaft Tipperary lässt McDonalds spezielles Milchpulver für seine Milchshakes herstellen. Bei einem Besuch der dortigen Genossenschaft wird deutlich, wie eng die Mitglieder, also Genossen, mit der Milch und ihrer Heimat verbunden sind. Kritisch könnte man anmerken, dass es vor Ort wenig andere Möglichkeiten zum Geldverdienen gibt, allenfalls Tourismus und Pferdezucht bieten eine Alternative.

Tipperary im südwesten irlands: fast alle leben von der milch
Die Genossenschaft hat 2007 eine neue Fabrik errichtet, in der unter anderem Käse nach Art des Emmentalers oder Parmesans hergestellt wird, und das für viele europäische Märkte. Hier ist auch die Heimat der Kerrygold-Butter, die in einem speziellen Verfahren produziert und tiefgefroren in Blöcken nach Deutschland transportiert wird, ehe sie bei uns geschnitten und verpackt wird. Die spezielle Produktionsmethode sorgt für die gute Streichfähigkeit, auch wenn die Butter im Kühlschrank gelagert wird, erläutert John Lewis, Experte für Butter und Milchpulver. Er führt genauestens Buch darüber, welche Ressourcen (Wasser, Energie etc) in der Fabrik in welchem Umfang benötigt werden – die Dokumentation ist eine notwendige Voraussetzung zur Teilnahmen an „Origin Green“.

Das Milchpulver wird neuerdings auch in einem „Irish Cream“-Likör unter der Marke Kerrygold verwendet, der vorerst ausschließlich im Duty-Free-Shop am Dubliner Flughafen gehandelt wird.

Sarah und Sergio Furno hingegen stehen noch am Anfang ihrer Exporttätigkeit. Das Ehepaar betreibt neben der Beechmount Farm eine kleine Käserei, in der Käse aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch auf traditionelle Weise hergestellt wird. Mit ihrer Spezialität „Cashel Blue“, einem milden Blauschimmelkäse, haben sie schon einen Fuß im deutschen Markt. In den nächsten fünf Jahren wollen sie diesen endgültig erobern, so lautet ihr erklärtes Ziel.