Urteil erwartet Gemüse-Genossenschaft am Bodensee verliert ihre größten Produzenten

Fünf große Gemüse-Erzeuger am Bodensee möchten Ende 2026 aus der Genossenschaft Gemüse-Reichenau aussteigen. Das Landgericht Konstanz klärt heute, wann und unter welchen Bedingungen.

Donnerstag, 05. November 2026, 11:59 Uhr
Anja Rose
Auf der Insel Reichenau bauen Landwirte unter Gewächshäusern Gemüse an. Zwischen einer Handvoll Betrieben und ihrer Genossenschaft gibt es Streit. Bildquelle: Getty Images

Die Reichenau-Gemüse eG ist die traditionelle Erzeugergenossenschaft der Gemüsegärtner auf der Bodensee-Insel Reichenau und dem umliegenden Festland. Über die Reichenau-Gemüse-Vertriebs eG ist der Absatz für das gesamte Reichenauer Gemüse organisiert. Die beiden Genossenschaften sind rechtlich getrennt: Die eine bündelt die Erzeuger, die andere vermarktet deren Gemüse.

Das Absatzgebiet ist national verteilt, zudem vorwiegend regional in Baden-Württemberg und Bayern. Im vergangenen Jahr erzielte die Genossenschaft einen Rekordumsatz von 72,5 Millionen Euro. Insgesamt wurden fast 35 Millionen Euro an die Betriebe ausgezahlt, die Teil der Genossenschaft sind. Das ist mehr als in den vergangenen zehn Jahren. Das reicht allerdings nicht, um einen Bilanzverlust zu vermeiden. Insgesamt 680.000 Euro aus Rücklagen muss die Genossenschaft aufwenden, um diesen fast vollständig auszugleichen.

Kündigung im Juli

Bereits im Juli haben fünf von 132 Gemüseerzeugern ihre Mitgliedschaft in der Erzeugergenossenschaft Reichenau-Gemüse zum Jahresende gekündigt. Es sind die Betriebe aus der Gärtnersiedlung in Singen-Beuren – dort wird in großen Gewächshäusern fast die Hälfte des Genossenschaftsumsatzes erwirtschaftet.

Bei der Generalversammlung im Juli sprach Erzeuger Clemens Blum für die Betriebe, die die Genossenschaft verlassen wollen, berichtete der SWR im Sommer. Die Genossenschaft diene nicht mehr dem Wohl der Betriebe der Gärtnersiedlung. Blum sprach von veränderten Marktbedingungen. Die Einführung zahlreicher Eigenmarken würde dazu führen, dass die Erzeuger hinter einem Label verschwinden. Für größere Betriebe wie seinen werde der regionale Bezug weniger wichtig, stattdessen müsse Gemüse aus Deutschland auch deutschlandweit vermarktet werden.

Gewächshäuser auf dem Festland

Die Geschäftsführung der Genossenschaft hatte sich im Juli enttäuscht gezeigt. Weil auf der Insel Reichenau kein Platz für große Gewächshäuser war, suchte die Genossenschaft Grundstücke auf dem Festland. Im Jahr 2011 haben die fünf Familienbetriebe aufgrund der eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten auf der Insel ein neues Gewächshaus in Singen-Beuren erstellt. Hier wachsen heute auf 13 Hektar unter Glas Paprika und Auberginen. Für die Genossenschaft waren die Gewächshäuser wichtig, um Geschäftsbeziehungen zu großen Einzelhandelsketten aufzubauen.

Was ist mit den bestehenden Lieferverträgen?

Da es bisher zu keiner Einigung kam, wie es nach dem Austritt aus der Erzeugergemeinschaft mit den bestehenden Lieferverträgen weitergeht, wird heute eine Entscheidung vom Landgericht Konstanz erwartet. Die Reichenau-Gemüse-Vertriebs eG will per einstweiliger Verfügung erreichen, dass die fünf Betriebe ihre gesamte vermarktungsfähige Ernte bis Ende 2027 ausschließlich über die Genossenschaft verkaufen. 

Die Trennung der Betriebe von der Genossenschaft sei ebenfalls schwierig. Denn das Gemüse wird zwar von den einzelnen Gärtnern produziert. Die Infrastruktur wird aber von der Genossenschaft an die Erzeuger verpachtet. Dazu gehören insbesondere Lagerräume oder ein Pumpwerk, das Wasser aus der Aach für die Bewässerung bereitstellt. Die Genossenschaft habe angeboten, 2027 weiter Hallen, Büros und Kühlung günstig bereitzustellen – vorausgesetzt, die vereinbarte Produktion wird vollständig über sie vermarktet.