Bildquelle: Carsten Hoppen, GettyImages, cipeecard

Tabakwaren „Schockfotos“ Das versteckte Grauen

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Viele Händler nutzen kleine Produktschildchen, um die unschönen „Schockfotos“ in der Tabakabteilung zu verbergen. Das ruft die Behörden auf den Plan. Ein Start-up begegnet dem Thema mit Humor.

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Die Kommissare in Brüssel haben eine gute Absicht: Sie wollen die Menschen in Europa vor den schädlichen Folgen der Zigarette schützen. Und da hohe Steuern, Werbeeinschränkungen und Aufklärung nicht auszureichen scheinen, gelten seit Mai drastischere Maßnahmen: Die von den Boulevard-Medien sogenannten „Schockfotos“, eindringliche Darstellungen von Lungenkarzinomen, Raucherbeinen und ähnlich Unappetitlichem auf den Packungen. Die Tabakabteilungen der Händler verwandeln sich in wenig einladende Geisterbahnen, in deren Nähe man sich als sensibler Mensch nur ungern begibt. So war zumindest die Absicht der EU-Kommission. In den meisten Verkaufsstellen wird der Kunde jedoch gar nicht mit dem Horror konfrontiert. Dafür sorgen sogenannte „Faceplates“, kleine Produktkärtchen aus flexiblem PVC, die den unangenehmen Teil der neuen Schachteln einfach verdecken. Die Front sieht aus wie die Vorderseite der normalen Zigarettenpackung, also mit Preisangabe und Stückzahl, nur ohne Warnhinweis. Genau um dieses Stück Plastik ist jetzt ein Streit zwischen Behörden, Händlern, der Industrie und Lobby-Gruppen entbrannt. Die zentrale Frage ist: Sind die Kärtchen, die von der Industrie produziert und in Umlauf gebracht werden, legal?

„Nach unserem Wissensstand ist das Thema ‚Faceplates‘ rechtlich abgesichert. So zumindest die Informationen, die uns von Reemtsma vorliegen. Ich denke, so eine markante und aufwendige Maßnahme wird nicht ohne vorherige rechtliche Prüfung angestoßen“, erklärt Rolf Baumann von der Pro-Sales Verkaufsförderung. Der Dienstleister konfektioniert und verschickt im Auftrag von Reemtsma Millionen von Faceplates an die Händler.

Das Antischockbild

Der 21-jährige BWL-Student Samuel Hummel möchte das Rauchen nicht beschönigen. Er will den Rauchern aber ein wenig Spaß zurückgeben. Mit den Cipee-Cards, die vor das Schockfoto geschoben werden, begegnet das Start-up dem Thema mit Humor. Beispiel gefällig? „Wer raucht, kann nicht gleichzeitig ertrinken“ oder „Wer das Rauchen aufgibt, muss nach dem Sex reden“. Die Ware wird in einem Display mit einer Kapazität von 1.000 Karten ausgeliefert (Mindestabnahme sind 300 Cipee-Cards). Die Karten können Platz sparend am Tresen angeboten werden. Die Informationsflyer werden laminiert mitgeliefert. www.cipeecard.de

Die Behörden gehen bereits aktiv gegen die Schildchen vor
Die Behörden sehen das anders und scharren bei dem Thema bereits mit den Hufen. Die EU-Verordnung sehe eindeutig vor, dass die Warnhinweise zum Zeitpunkt des Inverkehrbringens nicht verdeckt werden dürfen, erklärt das Bundesernährungsministerium und setzt damit ein klares Signal contra Produktschilder. Ähnlich interpretiert es auch die Lebensmittelaufsicht im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Deren Leiter droht Händlern sogar mit einem Zwangsgeld, sollten die Schilder nicht wieder aus den Regalen verschwinden. Auch das Land Sachsen hat in Leipzig die Lebensmittelüberwachung damit beauftragt, den Fall zu klären. Die Nichtraucherinitiative „Forum Rauchfrei“ hat nach eigenen Angaben bereits in mehreren Bundesländern Anzeige wegen der verdeckten Schockbilder erstattet. Gegen diese breite Front hat sich die Tabak-Industrie aufgestellt und kontert in einer öffentlichen Stellungnahme des deutschen Zigarettenverbandes: Die Platzierung und Präsentation sei Sache der Händler. Außerdem, so der Geschäftsführer des Verbandes, Jan Mücke, dienten die Karten in erster Linie zur Orientierung. In der Praxis falle es den Verkäufern mit den neuen Packungen deutlich schwerer, bei der Vielzahl an Marken-Varianten und -Größen, die richtige Schachtel für den Kunden aus dem Regal zu ziehen. Die Einführung der kombinierten Text- und Bild-Warnhinweise auf 65 Prozent der Vorder- und Rückseiten der Schachteln lässt Herstellern nur noch 35 Prozent Verpackungsfläche zur Marken- und Produktkommunikation. Die Unterscheidbarkeit im Regal wird damit erschwert, da Markenlogos und Produktvarianten schwerer erkennbar sind. Rolf Baumann von Pro-Sales bestätigt, dass die Kärtchen die Orientierung im Regal erleichtern. Dies gelte überall dort, wo Zigaretten offen verkauft werden, also im Fachhandel, Tankstellen und auch im Lebensmittel-Einzelhandel. Auch Reemtsma erklärt in einer Stellungnahme gegenüber der Lebensmittel Praxis, dass der Orientierungsbedarf gewachsen s ei. „Mit Blick auf den Handel sehen wir, dass die intensive und auch individuelle Betreuung mit den Veränderungen noch einmal wichtiger geworden ist. Diese Aufgabe nehmen wir als verlässlicher Partner gern auch künftig an.“ Laut Baumann, der für Kunden wie Reemtsma Handelsketten wie Real, Rewe, Edeka und Kaufland betreut, wird das Thema richtig spannend, wenn auch die sogenannten „Smokytheken“ von der Regelung betroffen sind. Auch hier klafft eine Lücke im Gesetz, denn die Bedienfelder auf den Automaten in der Kassenzone zeigen noch die normalen Markenschilder ohne Gruselkabinett.