Mittelständige und kleinere Handelsunternehmen sind zunehmend auf Mitarbeitende aus dem Ausland angewiesen, um ihre Standorte betriebsfähig zu halten. Wie die Podiumsdiskussion auf dem Branchenevent Supermarkt des Jahres in Essen zeigte, gelingt erfolgreiche Rekrutierung aus Ländern wie Brasilien, Indien, Vietnam oder verschiedenen Staaten Afrikas nur durch einen enormen persönlichen und bürokratischen Aufwand – und eine klare Haltung der Führungskräfte.
Petra Kannengießer, Geschäftsleiterin zweier Globus-Markthallen in Zell und Wittlich, schilderte in Essen eindrücklich, wie ihr Unternehmen ganze Projekte aufsetzt, um Nachwuchskräfte aus Afrika zu gewinnen. Bis August werden bei Globus etwa 150 junge afrikanische Auszubildende arbeiten, davon 18 in Zell und 14 in Wittlich. „Die bürokratischen Hürden sind gigantisch“, betonte die Geschäftsleiterin. Doch ohne diese Menschen drohe ein dramatischer Aderlass: „In der Produktion werden uns in drei bis vier Jahren ein Drittel der Mitarbeiter wegbrechen.“
Semai Akale, selbstständige Rewe-Kauffrau, erinnerte daran, dass erfolgreiche Integration auch mit Vertrauen beginnt. Sie erzählte, wie sie einem jungen Mann aus dem Iran einen Probetag gab. Er hatte mit dem Studium in Deutschland große Schwierigkeiten. Doch sein Auftreten überzeugte: pünktlich, lernwillig, engagiert. „Ich habe ihm die Ausbildung angeboten“, so Akale, und sie sei sicher, dass er eine ihrer künftigen Führungskräfte werde. Für sie ist entscheidend, Menschen eine Chance zu geben – so wie ihr früher Chancen gegeben wurden. Semai Akale ist mit ihrer eritreischen Mutter und drei Brüdern in Deutschland aufgewachsen. Mit Anfang 30 hat sie einen Rewe in Mainz eröffnet.
Sprache als entscheidendes Hindernis
Rohollah Hamidi, Warenverantwortlicher bei Tegut, kennt die härte der deutschen Bürokratie aus eigener Erfahrung. „Ich bin als Geflüchteter nach Deutschland gekommen, und der Weg hierher war lebensgefährlich, ohne jegliche Hoffnung auf Überleben“, sagt Hamidi in Essen. Für ihn war die Sprache das größte Hindernis – und die Tatsache, dass er zunächst keinen Sprachkurs besuchen durfte. Heute engagiert sich Hamidi in einem Verein, der Migrantinnen und Migranten begleitet und vernetzt.
Ein wesentliches Hindernis bleibt der Wohnraum. Kannengießer berichtet von einem System, bei dem der Betriebsrat die Wohnungen der neuen Mitarbeitenden prüft: Sind sie sicher, angemessen, bezahlbar? Gerade kleine Unternehmen könnten solche Maßnahmen kaum allein schultern. Das zeige, wie zentral vernetzte Hilfsstrukturen und öffentlich geförderte Projekte seien – etwa die Patenschaften in Nordrhein-Westfalen oder das IHK-Projekt ,Hand in Hand for International Talents'.
Deutsche Aulandshandelskammern suchen nach Fachkräften
In Deutschland arbeiten die IHK-Organisation und die Bundesagentur für Arbeit zusammen, um Betriebe zu finden, die Fachkräfte aufnehmen möchten. Gleichzeitig sucht die deutsche Auslandshandelskammern in Drittstaaten nach Fachkräften, die nach Deutschland kommen wollen. „Das Ganze ist ein Rundum-Paket, das das Visumsverfahren, die Berufsanerkennung und den Spracherwerb bis zum B-Level umfasst“, erklärt Robert Schweizog von der Industrie- und Handelskammer in Essen, Mülheim und Oberhausen. Sobald die Einreise erfolgt ist, gibt es zusätzlich eine Integrationsbegleitung. Die Vermittlung kostet Arbeitgeber zwischen 1000 und 5000 Euro.
Einigkeit herrschte bei allen Teilnehmenden darin, dass Auslandsrekrutierung nur dann funktioniert, wenn sie ganzheitlich gedacht wird – als beruflicher, sprachlicher, sozialer und menschlicher Integrationsprozess. Und dass diese Aufgabe nicht allein dem Staat oder dem Markt überlassen werden kann. Vielmehr sind es persönliche Beziehungen, Initiative und langfristiges Engagement, die den Unterschied machen.

