Nahversorgung:On und Off auf dem Lande

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Nahversorgung On und Off auf dem Lande

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Das Thema Nahversorgung gewinnt wieder an Bedeutung, auch auf politischer Ebene. Gleichzeitig breitet sich der Online-Handel aus und kann die Versorgung in ländlichen Regionen und Stadtteilen auf ganz neue Beine stellen.

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Der Lebensmittelhandel steckt in einem grundlegenden Veränderungsprozess. Die Digitalisierung und der Online-Handel verändern die Handelswelt und werden neue Ansätze für die Lebensmittelversorgung auf dem Land und in Stadtquartieren bringen. Zukunftsforscher sagen voraus, dass mit fortschreitender Digitalisierung die Arbeitsplätze nicht mehr so stark an urbane Standorte gebunden sind und Dörfer dadurch wieder aufblühen.

Strukturschwache Regionen werden allerdings davon kaum profitieren und weiter schwächeln. In Thüringen fehlen vielen kleineren Gemeinden Lebensmittelläden. Nur noch jede dritte Gemeinde mit bis zu 1.500 Einwohnern hat einen sogenannten Nahversorger, der zu Fuß erreichbar ist. Handelsunternehmen nennen heute eine Mindesteinwohnerzahl in unmittelbarer Nähe von 2.000, um überhaupt eine Perspektive zu haben. In einigen Regionen – beispielsweise dem Unstrut-Hainich-Kreis – treffe dies nur noch auf jede fünfte Gemeinde zu. Außerdem schließen laut Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft im ländlichen Raum immer mehr kleine Lebensmittelgeschäfte, weil sie sich nicht mehr rentieren.

Der Handelsverband Bayern erwartet für die nächsten Jahre ein beschleunigtes Supermarkt-Sterben in Bayern. „Gerade in kleineren Orten und Stadtbezirken wird sich die Situation verschärfen“, sagte Vizepräsident Matthias Zwingel. Derzeit gebe es noch rund 9.000 Lebensmittelgeschäfte in Bayern. Deren Zahl werde durch den Strukturwandel im Einzelhandel und den boomenden Online-Handel weiter abschmelzen. Derzeit ist der Marktanteil der Internet-Lebensmittelhändler mit 0,8 Prozent gering. Es wird jedoch ein starker Anstieg erwartet. Studien zufolge könnte bis 2020 schon jeder fünfte Euro im Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) online umgesetzt werden. Seit 2003 haben laut Handelsverband bereits 2.500 Lebensmittelgeschäfte in Bayern geschlossen – ein Rückgang von 21 Prozent. Durch den steigenden Online-Anteil werde sich in Bayern das Sterben der Supermärkte noch beschleunigen, prophezeit Zwingel.

Schnell gelesen
  • Abschmelzung bei Kleinflächen einerseits, andererseits ist die Nähe zur Einkaufsstätte wieder ein starkes Argument.
  • Erfolg auf kleiner Fläche ist möglich. Wichtig sind Wir-Gefühl und das Engagement des Kaufmanns.
  • Die zunehmende Digitalisierung wird den Handel mit Lebensmitteln in Stadt und Land revolutionieren.

Etwas anders ist die Sicht von Rainer Utz, Geschäftsführer der Utz GmbH in Ochsenhausen. In Kooperation mit den Handelsunternehmen LHG in Eibelstadt und dem Handelshaus Rau in Pfarrkirchen startete 1999 das Nahversorger Konzept „Um’s Eck“ für selbstständige Kaufleute. Gleichzeitig öffneten im Vertriebsgebiet die ersten Dorfläden, die Versorgungslücken wieder schlossen und durch Bürgerinitiative oder Kommunen getragen werden. Im süddeutschen Raum ist das eine nachhaltige Bewegung. Inzwischen wird der 100. Dorfladen gezählt. Damit wurden viele Standorte gesichert bzw. neu eröffnet und die wettbewerbs- sowie strukturbedingte Abschmelzung von Kleinflächen im LEH kompensiert. „Bei der Sicherung der Nahversorgung wünschen wir uns aber nichtsdestotrotz noch mehr politische Unterstützung“, fügt Utz an, „insbesondere auch für bestehende kleinflächige Nahversorger. Der kleine Einzelhändler ist bei der Existenzsicherung hier meist auf sich alleine gestellt.“ Ebenso arbeiteten die Großhändler daran, das Thema in die „große Politik“ zu bringen, d. h. Politiker auf Bundes- und Landesebene dafür zu sensibilisieren.