Lebensmittel Hauszustellung:Verflixte letzte Meile

Lebensmittel Hauszustellung Verflixte letzte Meile

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Beim E-Commerce endet die Logistikkette der Einzelhändler nicht mehr im Laden, sondern vor der Haustür der Kunden. Doch gerade die Haus- zustellung gestaltet sich als besonders teuer und anfällig für Probleme. Für den Lebensmittel-Einzelhandel werden alternative Konzepte wie Click & Collect immer attraktiver.

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Der Kampf um das Online-Geschäft mit Lebensmitteln hat eine kaum mehr zu überblickende Vielfalt an Angeboten hervorgerufen. Handelszentralen, selbstständige Lebensmittel-Einzelhändler und junge Start-ups buhlen eifrig um die Gunst der Verbraucher. Der neue FMCG-Lieferservice Amazon Pantry, die Internet-Plattform nurkochen.de , eine Kooperation von Rewe und Allyouneed Fresh, ein kostenloser Lieferservice von Lidl zum Discountpreis und ein neues Online-Angebot der Edeka Nord sind nur die jüngsten Beispiele aus den vergangenen Wochen. „Nie wieder Einkaufslisten schreiben, nie wieder Zeit im Supermarkt verschwenden, nie wieder Tüten oder Kästen schleppen“: Die Verheißung von nurkochen.de klingt gut, doch die Verbraucher scheinen den neuen Möglichkeiten des E-Commerce noch nicht ganz zu trauen. Während Schuhe, Kleidung oder Elektro-Geräte heute selbstverständlich per Mausklick geordert werden, ist die Nachfrage bei den Gütern des täglichen Bedarfs derzeit nicht groß: Für 2015 wird vom Institut für Handelsforschung (IFH) ein Online-Anteil bei Lebensmitteln von gerade einmal 0,8 Prozent (1,6 Mrd. Euro) prognostiziert. „Dem deutschen LEH geht es einfach noch zu gut“, bringt es der Wirtschaftspublizist und Innovationsberater Andreas Harderlein mit einer provokanten These auf den Punkt (siehe Interview Seite 34). Ein Standpunkt, mit dem er allerdings nicht alleine ist. Auf den niedrigen Anteil von Lebensmitteln beim E-Commerce angesprochen, sagt beispielsweise der selbstständige baden-württembergische Edekaner Jens Gebauer : „Der geringe Anteil liegt auch daran, dass der Lebensmittel-Einzelhandel im Gegensatz zu anderen Branchen ein ,natürliches Schutzschild’ hat: niedrige Preise, ein dichtes Filialnetz, wodurch die Ware überall verfügbar ist, und preissensible Kunden.“

Die bisherige Zurückhaltung bei der Belieferung bis zur Haustür kommt nicht von ungefähr: Gerade der selbstständige Lebensmittel-Einzelhandel hat sich beim Thema E-Commerce in der Vergangenheit das eine oder andere Mal eine blutige Nase geholt. Als Pioniere können beispielsweise Rewe Richrath in Köln und der Schlemmer-Markt Freund in Kiel genannt werden. Seit 2009 hatte Lutz Richrath mit seinem Bruder Peter einen eigenen Lieferdienst für den Raum Köln-Bonn aufgebaut, im vergangen Jahr jedoch an Rewe-Online übergeben. Zwar erklärt der Händler, dass man das Geschäft „sehr rentabel betrieben habe“, gibt aber auch zu, dass es selbst in einem Ballungszentrum wie Köln schwierig war, die Lieferstopps auf eine attraktive Mindestzahl mit hohem Durchschnittsbon zu verdichten. Marten Freund, Inhaber des Kieler Schlemmer-Marktes, bilanziert seine Erfahrung drastischer: „Ein Online-Shop mit Lebensmittel-Vollsortiment rechnet sich nicht“ (vgl. LP 18/2014).

„Click & Collect ist DIE Lösung für die nächsten zehn Jahre, was den Lebensmittel-Versand betrifft.“
Michael Pritscher, Projektverantwortlicher abholen.de

Dr. Kai Hudetz , Geschäftsführer des IFH in Köln, erklärt die Schwierigkeiten der Inhaber wie folgt: „Selbstständige Einzelhändler sind nahe am Kunden und seinen Bedürfnissen – das ist eigentlich eine gute Ausgangssituation. Der Aufbau eines Online-Angebots inklusive Lieferservice überfordert aber in der Regel den einzelnen Händler. Es fehlt einfach an Know-how und auch an Geld.“ Allerdings ist der selbstständige LEH damit noch nicht aus dem Rennen, denn auch die anderen Akteure haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen. So würden die großen Handelszentralen laut Hudetz zwar starke Marken mit umfassenden Ressourcen vereinen, ihnen fehle aber die Geschwindigkeit und häufig auch die Bereitschaft, radikal neu zu denken und sich unter Umständen auch selbst zu kannibalisieren. Die Start-ups wiederum haben zwar Online-Know-how, müssen aber ihre Marke erst noch aufbauen, was ebenfalls viel Geld kostet. Ebenso ist der Vertrauensvorschuss, den Edeka und Rewe genießen, nicht vorhanden und muss von den Newcomern erst noch erarbeitet werden.

Egal ob Handelskonzern, Start-up oder inhabergeführter Handel: Die zu knackende Nuss beim E-Commerce sind die logistischen Herausforderungen der sogenannten „letzten Meile“. Vor allem die hohen Ansprüche der Konsumenten, was die Lieferung hinsichtlich Zeitfenster, Flexibilität und Verlässlichkeit angeht. „Das ist gerade in Ballungszentren mit dichtem Verkehrsaufkommen nicht leicht zu bewerkstelligen. Zudem muss beim Vollsortiment die Kühlkette eingehalten werden: Frischeprodukte müssen appetitlich beim Kunden ankommen“, gibt Hudetz zu bedenken.

Eine Möglichkeit, die Herausforderungen der letzten Meile zu umgehen und trotzdem erfolgreich E-Commerce zu betreiben, versprechen Abholkonzepte wie Click & Collect , also das Auswählen und Bezahlen der Waren im Internet und die Abholung vor Ort im Markt oder bei einer dafür eingerichteten Abholstation. In der Schweiz und auch in Frankreich funktionieren diese Modelle sehr gut. In Deutschland waren die Erfahrungen damit bisher allerdings eher durchwachsen. So gab beispielsweise Globus nach einer 20 Monate andauernden Experimentierphase den Drive-in-Schalter am Markt in Gensingen (Rheinland-Pfalz) mangels Interesse der Kunden wieder auf. Doch das Thema Click & Collect ist bei den Händlern noch lange nicht abgeschrieben. Jens Gebauer hat bereits zwei Pick-up-Stationen neben seinen Märkten in Göppingen und Bonlanden (Baden-Württemberg) eingerichtet. „Man kann mit Märkten alleine nicht ewig expandieren“, sagt der Mann, der mit seinem Vater Manfred sieben Standorte im Raum Göppingen mit einem Jahresumsatz von insgesamt etwa 85 Mio. Euro führt. Aus diesem Grund experimentiert er seit Juli 2014 mit dem Online-Angebot abholen.de . Die Kunden können dabei unter etwa 3.500 Artikeln auswählen und online bestellen. Es gibt weder eine Servicegebühr noch einen Mindestbestellwert. Der Schwerpunkt liegt auf Thekenware sowie dem Obst- und Gemüsesortiment. Die Ware wird in den Märkten in Göppingen oder Bonlanden kommissioniert und an den Pick-up-Stationen neben den Läden in System-Regalen und Kühlmöbeln gelagert. Werktags gibt ein Mitarbeiter die Bestellungen zwischen 14 und 22 Uhr an die Kunden aus. Die IT dafür hat Jens Gebauer extra entwickeln lassen. Ein komplexes und kostspieliges Unterfangen. Der Edekaner ist aber überzeugt: „In Zukunft wird sich Online-LEH richtig lohnen.“ Allerdings, so glaubt er, nur als Click-&-Collect-Modell. „Wenn wir die letzte Meile zum Kunden hin weglassen, kann es auch ökonomisch funktionieren.“

„Die kürzeste Zeitspanne zwischen Bestellung und Lieferung (bis 2 Stunden) wird sich durchsetzen.“
Lutz Richrath, Rewe-Händler