Ende des vergangenen Jahres schlug die Frage des richtigen Umgangs mit der Alternative für Deutschland (AfD) in Wirtschaft und Lebensmittelbranche schon hohe Wellen. Damals zeigte sich der Verband der Familienunternehmer zunächst offen für den Dialog mit der stramm rechten Partei, musste aber nach scharfer öffentlicher Kritik zurückrudern.
Knapp ein halbes Jahr später appelliert Bahlsen-CEO Alexander Kühnen an die Wirtschaftsverantwortlichen: Der Chef des Gebäckherstellers fordert alle Unternehmen zu einer eindeutigen Haltung gegenüber der AfD auf und zieht eine klare Grenze zu dieser Partei, die bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland im Herbst 2026 womöglich den Schaltzentralen der Macht nahekommt.
Christof Fischoeder war Chef der Public-Affairs-Sparte im Berliner Büro von Weber Shandwick, eines der weltweit größten Netzwerke für PR-, Kommunikations- und Marketingberatung. 2012 machte er sich als Berater selbstständig. Gegenüber der Lebensmittel Praxis stellt sich der Kommunikationsexperte an die Seite von Kühnen. „Den Unternehmen kommt eine sehr starke Verantwortung zu“, sagt er. Stets seien sie ein „zentraler Teil der Zivilgesellschaft“, genössen ein höheres Vertrauen als politische Parteien. Fischoeder betont: „Eine klare Grenze gegenüber der AfD ist wichtig und richtig.“ Aber sie müsse nicht nur nach außen, sondern auch nach innen wirken.
Auswirkungen klar benennen
Unternehmen müssten ihren Mitarbeitern vermitteln, „warum die Positionen der AfD Wachstum, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“. Die Belegschaft solle aus Überzeugung eine mögliche ablehnende Position ihres Arbeitgebers zur AfD mittragen, so seine Meinung. Der Fachmann erkennt eine „kommunikative Aufgabe“. Unternehmen müssten unter anderem darstellen und belegen, dass der Anti-EU-Kurs der AfD Wachstum sowie Wohlstand aufs Spiel setze und es für Unternehmen riskant sei, Fachkräfte aus dem Ausland zu verprellen.
Ähnlich wie Christof Fischoeder äußert sich Mirko Oeltermann im LP-Gespräch. Der Vorsitzende des Verbandes Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft Bremen (Nageb) hält es ebenfalls für nötig, dass Wirtschaft und Lebensmittelbranche Farbe bekennen, so wie es sich der Bahlsen-Chef wünscht – und dabei vor allem mit Blick auf wirtschaftliche Auswirkungen argumentieren. Auf diese Weise würden auch die Beschäftigten am ehesten „mitgenommen“.
Alice Weidel beklagt „Rituale“
Dass sich die Alternative für Deutschland über solche Statements aus der Wirtschaft nicht freut, liegt auf der Hand. AfD-Bundessprecherin Alice Weidel lässt die LP wissen: „Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Wirtschaft und Mittelstand das Gespräch auch mit Vertretern der Opposition suchen. Noch dazu, wenn diese die nach Umfragen stärkste politische Kraft im Land darstellt.“ Sie fügte hinzu: „Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Zeit mit fruchtlosen und kontraproduktiven Distanzierungs- und Ausgrenzungsritualen zu verlieren.“
Das Thema AfD wird für die Wirtschaft derweil immer wichtiger: Sollte die Partei von Herbst an eine Landesregierung in Ostdeutschland stellen, führt an einer Positionierung wohl kein Weg mehr vorbei.
Distanzierungskurs wackelt
Meinung von LP-Redakteur Thomas Klaus
Am 6. September wählen die Menschen in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag, am 20. September die in Mecklenburg-Vorpommern. Die AfD schreibt bereits an ihren Regierungsprogrammen. Bisherige Umfrageergebnisse geben ihr recht. Insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern könnte sie nach aktuellen Prognosen die Regierung übernehmen – obwohl sich andere Parteien und die Wirtschaft abgrenzen und den Dialog verweigern. Diese Distanzierung ist grundsätzlich nachvollziehbar. Schließlich schaden viele AfD-Positionen Wirtschaft und Gesellschaft. Aber die Wirtschaft kann den Kurs spätestens dann nicht mehr durchhalten, wenn die AfD in einer Staatskanzlei sitzen sollte.