Dienstagmorgen, 9 Uhr, S-Bahnhof Savignyplatz in Berlin. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), wartet an der Bahnsteigkante auf seine S-Bahn. Er ist gerade auf dem Weg von seiner Wohnung am Savignyplatz zu seinem Büro in der Nähe des S-Bahnhofs Friedrichstraße. Der Bahnsteig ist gefüllt mit Pendlern und Touristen, die schnell und günstig ihr Ziel erreichen wollen. Die S-Bahn-Linie 5 vom Westkreuz mit Ziel Hoppegarten erreicht den Bahnsteig. Die Anzeigetafel behauptet nachdrücklich „pünktlich“, doch die Gesichter auf dem Bahnsteig erzählen eine andere Geschichte: gerunzelte Stirnen, nervöses Tippen auf Displays und fest umklammerte Kaffeebecher. Es quietscht, als die Türen aufschwingen. Menschen strömen heraus, während neue Passagiere einsteigen.
Im Inneren der Bahn ist es warm. Die Sitze werden knapp. Wir ergattern gefühlt die letzten beiden Plätze am Fenster. „Bitte zurücktreten!“, ertönt es routinemäßig aus den Lautsprechern. Die Türen schließen. Die Bahn setzt sich in Bewegung, zuerst langsam, dann immer schneller. Zunächst ziehen graue Hinterhöfe, dann eine Brücke an der Scheibe vorbei. Unter der Brücke wirken die Autos wie Spielzeuge.
„In Berlin gibt es ein gutes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln, sodass man kein Auto braucht. Deshalb ist die S-Bahn mein bevorzugtes Verkehrsmittel in der Stadt“, sagt Stefan Genth, der seit 2007 in Berlin lebt. Er braucht von seiner Wohnung bis ins Büro etwa 20 Minuten mit der S-Bahn. „Ich wohne zwar zentral, habe aber eine räumliche Distanz zu meiner Arbeitsstelle“, sagt der 63-Jährige. So kann er sein Leben außerhalb der Arbeit genießen, seinen Kiez erkunden und trotzdem schnell ins Regierungsviertel fahren. Der eigene Kiez bedeutet den Berlinern Heimat. Es bezeichnet in Berlin das eigene Wohngebiet – quasi ein Dorf in der Stadt.
Der Savignyplatz zählt zu den schönsten Plätzen des alten Westberlins. Der gebürtige Westfale ist ein Neu-Berliner. Die deutsche Hauptstadt ist eine Stadt der Zugereisten: Statistisch gesehen ist jeder zweite Einwohner zugezogen. Als Genth vor 18 Jahren nach Berlin kam, zog es viele Neuankömmlinge in Stadtteile wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Berlin-Mitte. Genth und seine Frau fanden jedoch eine schöne Altbauwohnung in Charlottenburg, in der sie sich bis heute sehr wohlfühlen. Er lebt nicht anonym in seinem Berliner Kiez, wie man es in einer Großstadt erwarten würde, sondern „fühlt sich hier wirklich zu Hause und wahrgenommen“.
„Ich bin absolut kultur- und kunstbegeistert“, berichtet Genth. Besonders Museen und moderne Kunst faszinieren ihn und seine Frau gleichermaßen. „In Berlin haben wir mit den wechselnden Ausstellungen und den zahlreichen Galerien eine tolle Möglichkeit, dieser Leidenschaft nachzugehen“, sagt er. Die Genths nutzen deshalb jede sich bietende Gelegenheit, Theater, Kultur und Museen intensiv zu erleben.
Die S-Bahn ist wie ein Mikrokosmos Berlins. Hier begegnet man der Vielfalt der Metropole. Neben der Tür, durch die ein schmaler Streifen Sonnenlicht ins Abteil fällt, kommen zwei Männer ins Gespräch. Der eine mit dem grauen Bart hält eine gefaltete Zeitung unter dem Arm. Sein Sitznachbar tippt auf seinem Smartphone. Doch bald heben beide die Stimme, es wird laut, als das Thema „Politik“ aufkommt. „Berliner gelten oft als unfreundlich und rechthaberisch. So lauten viele Vorurteile“, sagt Genth. Wenn man die Berliner aber näher kennt, stellt man laut Genth fest, dass sie das Herz am rechten Fleck haben.
Während draußen der Lärm der Autos die Straßen erfüllt, gleitet die S-Bahn nahezu geräuschlos über die Schienen. Der moderne öffentliche Personenverkehr steht für urbanes Reisen und Umweltbewusstsein. „Bahnfahren ist viel nachhaltiger als Autofahren oder Fliegen, da pro Person deutlich weniger Treibhausgase ausgestoßen werden“, sagt Genth. Er ist Vielfahrer und nutzt häufig die Bahn, besonders für Termine in Städten wie Hamburg, Frankfurt oder München. In letzter Zeit ist es für ihn jedoch schwieriger geworden, da die Deutsche Bahn und die S-Bahn mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu kämpfen haben. Deshalb muss er häufiger auf das Auto oder das Flugzeug ausweichen.
Der nachhaltige Handel
„Beim Thema Nachhaltigkeit braucht sich der Handel nicht zu verstecken, denn er ist hier bereits sehr gut aufgestellt“, so Genth. Dies beginne bereits beim Ladenbau und der Gestaltung der Standorte. Ein gutes Beispiel hierfür sind seiner Meinung nach CO₂-neutrale Supermärkte. „Wir sind der größte Anbieter von öffentlicher Ladeinfrastruktur für Elektroautos, abgesehen von staatlichen Angeboten“, sagt der Verbandsfunktionär.
Leidenschaft für Eishockey
Während draußen die Gebäude vorbeirasen, ist drinnen das typische Stimmengewirr aus Gesprächen und Handytelefonaten der Berliner zu hören. Auf der Bank schräg gegenüber sitzt ein Mann mit einem Trikot der Berliner Eisbären, der Eishockeymannschaft der Stadt. Genth schaut in seine Richtung und erzählt, dass er selbst mehr als 20 Jahre lang in Bielefeld Eishockey gespielt hat. In dieser Zeit war er in der ersten Mannschaft aktiv. Später hat er in der Regionalliga West sogar gegen den heutigen HDE-Präsidenten Alexander von Preen gespielt. „Beim HDE haben wir festgestellt, dass wir beide Eishockey-Erfahrung haben“, sagt Genth.
Er hat damals eine Trainerausbildung absolviert und den Nachwuchs bis hin zur Frauenbundesliga trainiert. „Das war eine intensive Zeit mit zwei Spielen pro Woche und dreimal Training. Deshalb habe ich mit Mitte 30 aufgehört, aber die Begeisterung für diesen Sport ist bis heute geblieben“, sagt der ehemalige Sportler. Daher besucht er mit seiner Familie oft die Spiele der Eisbären Berlin. „Das Spiel ist faszinierend, und die Arena ist bei jedem Heimspiel ausverkauft. Die Stimmung ist unglaublich positiv und die Atmosphäre toll“, schwärmt Genth. Der Verein aus dem Ostteil der Stadt hat sich zum Eishockeyverein der ganzen Hauptstadt entwickelt. Hauptstadt-Hockey eben.
An jeder Haltestelle verändert sich die Zusammensetzung der Fahrgäste im Waggon. Während die Geschäftsleute aussteigen, steigen Touristen mit großen Rucksäcken ein. Die S-Bahn spiegelt die Dynamik der Stadt wider – ihre ständigen Veränderungen und ihre Vielfalt. Es ist ein flüchtiger Moment der Gemeinschaft, der sich alle paar Minuten auflöst und neu formiert.
Die „Bielefeld-Verschwörung“
Genth lebt zwar seit 18 Jahren in Berlin, stammt aber ursprünglich aus Bielefeld. „Wenn man der ,Bielefeld-Verschwörung‘ Glauben schenken sollte, dürfte es mich gar nicht geben“, sagt er und lacht. Die „Bielefeld-Verschwörung“ ist eine satirische Theorie, die behauptet, die Stadt Bielefeld existiere nicht, und ihre Existenz werde nur vorgetäuscht.
Mit 16 Jahren begann er in Bielefeld eine Ausbildung im mittleren Dienst der Kommunalverwaltung. Ursprünglich wollte er nach dem Abendgymnasium Mathematik und Physik studieren, doch die Stadt Bielefeld machte ihm ein so gutes Angebot, dass er drei Jahre lang an einer dortigen Fachhochschule studierte. Berufsbegleitend absolvierte er ein Studium an der Verwaltungsakademie der Universität Bielefeld und erwarb den Abschluss Diplom-Verwaltungswirt. 1991 erhielt er die Chance, in den Bereichen Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Stadtmarketing der Stadt Bielefeld anzufangen. 1996 wechselte er zum Handelsverband Ostwestfalen-Lippe, wo er als Hauptgeschäftsführer eines der größten Regionalverbände tätig war. 2007 folgte schließlich der Schritt nach Berlin. Für ihn haben sich durch den Wechsel aus Westfalen die Herausforderungen in vielen Bereichen verändert. In der deutschen Hauptstadt seien die Hauptansprechpartner in der Interessenvertretung die Politik in Berlin und Brüssel, so Genth.
„Einige haben mir prophezeit, dass es hier ein Haifischbecken ist“, sagt er. Der Begriff passe seiner Ansicht nach deshalb ganz gut, weil in der Entwicklung vieles ungewiss sei. Die Politik gehe oft ihre eigenen Wege, und Politiker verfolgten ihre eigenen Interessen, so Genth. „In so einem Job braucht man Verbündete, was nicht immer einfach ist“, sagt er. Wenn man neu in eine solche Position komme, wisse man nicht, ob alles funktioniere und ob man der Richtige dafür sei. Es sei eine Reise ins Ungewisse, die herausfordernd sei, sich aber positiv entwickelt habe, so Genth. Natürlich gebe es auch Rückschläge, wenn die eigenen Positionen nicht durchgesetzt werden können und die Politik anders entscheide. Aber auch das gehöre dazu. Er ergänzt: „Es ist eben kein klassischer Nine-to-five-Job, sondern eher eine Berufung.“
Die Rente ist noch in weiter Ferne
Der HDE-Hauptgeschäftsführer macht sich noch keine Gedanken über die Rente: „Für mich ist das noch kein Thema.“ Dieser Job sei für ihn mehr als nur ein Beruf, denn er biete ihm unglaublich viele Möglichkeiten und Erlebnisse, die man in einem normalen Beruf vielleicht nicht habe. Die Herausforderungen in der Politik, in der Öffentlichkeit, in den Medien und natürlich in der vielfältigen Branche seien enorm spannend. „Gerade an der Schnittstelle zum Endverbraucher ergibt sich eine Themenvielfalt, die ihresgleichen sucht“, sagt Genth.
Eine Lautsprecheransage ertönt. „Nächster Halt: Tiergarten!“ Einige Passagiere steigen aus, während andere Fahrgäste einsteigen. Ein junger Musiker spielt ein Lied auf seiner Gitarre und wirft ein schüchternes Lächeln in den Zug. Münzen klimpern, eine Frau applaudiert. Genth schaut auf den Musiker und erzählt, dass inzwischen gerade in Skandinavien viele Straßenkünstler digitale Zahlungsmittel bevorzugten. In Schweden seien die Gebühren für Kartenzahlungen traditionell niedriger als in Deutschland. Das habe die Digitalisierung dort vorangetrieben.
Trotzdem sei Bargeld in Deutschland weiterhin ein wichtiges Zahlungsmittel, das erhalten bleiben müsse. „Wir brauchen sowohl eine Bargeld- als auch eine digitale Strategie“, sagt Genth. Bereits 2009 habe sich der HDE für einen digitalen Euro ausgesprochen, doch Politik und Wirtschaft hätten das Thema damals „regelrecht verschlafen“. Ein digitaler Euro böte in einer digitalen Welt Souveränität, ähnlich wie Straßen oder Energie als Grundinfrastruktur, so Genth.
Zu Gast bei „Hart aber fair“
Er bringt das Thema zur Sprache, dass die Tickets für den ÖPNV und Deutschlandticket ständig teurer werden. Er erzählt, dass er am Tag zuvor Gast in der ARD-Sendung „Hart aber fair“ war. Thema waren die steigenden Preise und der Umgang der Verbraucher damit. „Wir haben diskutiert, was getan werden kann, um wieder zu normaleren Preisen zu kommen, und welche Abhängigkeiten bestehen“, berichtet der Lobbyist. Ihm ist es wichtig zu betonen, dass der Handel kein Preistreiber, sondern eher ein Preisgarant sei. Das zeige sich besonders bei den Eigenmarken des Handels, die deutlich günstiger sind.
Aus den Lautsprechern ertönt eine Fanfare, gefolgt von der Ansage: „Nächster Halt: Hauptbahnhof.“ Sein Blick fällt auf ein Plakat, auf dem steht, dass Schwarzfahren mit einer Strafe von 60 Euro geahndet wird. „Schwarzfahren ist genauso inakzeptabel wie Ladendiebstahl. Beides sind Delikte, die täglich vorkommen“, sagt Genth. Der HDE sieht eine massive Zunahme von Diebstählen im Einzelhandel und spricht von einem Schaden von einer Milliarde Euro allein im Lebensmittelhandel. Das Hauptproblem seien organisierte Banden, die gezielt Geschäfte aufsuchen, um Waren zu stehlen. Die abschreckende Wirkung bleibe jedoch aus, da viele Ermittlungsverfahren aus Effizienzgründen einfach eingestellt werden, so Genth. Er rät Händlern dennoch, Diebstähle konsequent anzuzeigen.
Veggie: Politik soll sich raushalten
Schon bevor der Zug das Ziel „S-Bahnhof Friedrichstraße“ erreicht und langsamer wird, drängeln sich die Ersten in Richtung der Türen. Diese öffnen sich, und die Menschenmenge strömt nach draußen, um sich in alle Richtungen zu verteilen. Am Ausgang des Bahnhofs gibt es einen kleinen Laden, der Bio-Currywürste verkauft. Diese Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen.
Während er kaut, sinniert Genth über die Diskussion, ob auch künftig vegetarische Würstchen nach Fleischgerichten benannt werden dürfen. „Ich bin der Meinung, dass jeder selbst entscheiden sollte, ob er tierische oder pflanzliche Produkte konsumiert“, sagt er. Es sei weder sinnvoll noch Aufgabe der Politik, wie kürzlich im Europaparlament geschehen, diese beiden Optionen gegeneinander auszuspielen, so der HDE-Hauptgeschäftsführer.
Sein Blick fällt auf den Tränenpalast. Das ist die ehemalige Ausreisehalle der DDR an der Grenzübergangsstelle am Bahnhof Friedrichstraße. Er passiert sie jeden Tag auf dem Weg von der S-Bahn-Station in sein Büro am Weidendamm. Damit seien für ihn Kindheitserinnerungen verbunden, denn er kam regelmäßig mit seiner Familie von Bielefeld nach Berlin, um Verwandte zu besuchen. „Diese Erlebnisse haben sich nachhaltig eingeprägt“, sagt er. Beim Anblick des Tränenpalasts empfinde Stefan Genth aber auch tiefe Dankbarkeit für die deutsche Wiedervereinigung. „Es ist eine enorme Errungenschaft, dass wir heute ein vereintes Land sind. Das kann man gar nicht hoch genug schätzen“, sagt er und geht in Richtung Büro.

