Brexit Der Ton wird rauer

Die britische Premierministerin Theresa May geht in Sachen Brexit auf Konfrontationskurs. Immigrationskontrollen sind für sie von höherer Priorität als wirtschaftliche Interessen. Aldi und Lidl sind potenzielle Gewinner.

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Als die britische Premierministerin Theresa May nach langem Schweigen Anfang Oktober auf dem Parteitag der britischen Konservativen endlich klar Stellung zum Brexit bezog, erreichte die nationale Debatte im Vereinigten Königreich die nächste Eskalationsstufe. Und dies ist nachvollziehbar. Denn Mays kontroverses Bekenntnis zu einem „harten Brexit“ nimmt für Einwanderungsbeschränkungen Einschränkungen im Austausch von Waren und Dienstleistungen mit der Europäischen Union bewusst in Kauf. Unter anderem werden damit die Bedenken von ca 5.500 Unternehmen aus der Finanzbranche, die von einem Brexit direkt betroffen wären, vom Tisch gewischt. Eine wachsende Zahl von Kommentatoren sieht hierin Anzeichen einer Abschottungsideologie, die sich zu verselbstständigen droht.

Sicherlich vertrat May ihre harte Position auf dem Parteitag auch deshalb, weil weite Teile ihrer Partei sowie der Öffentlichkeit weiterhin einen Brexit unterstützen. May ist darauf bedacht, den Vorwurf zu vermeiden, das „politische Establishment“ würde die öffentliche Meinung erneut zugunsten einer reichen „Wirtschaftselite“ ignorieren. „Brexit heißt Brexit“, hat sie deshalb mehrfach öffentlich klargestellt. Dies ist nachvollziehbar.

Der Autor

Boris Planer ist Retail Analyst bei Planet Retail. Er berichtet künftig im Wechsel mit seinen Kollegen an dieser Stelle über Entwicklungen im internationalen Handel.

Umstritten wird ihre Position allerdings dadurch, dass laut fast aller Umfragen die Mehrheit der Bevölkerung einen sanften Brexit unterstützt, der zwar gewisse Immigrationsbeschränkungen umsetzt, dabei aber weitgehend den Zugang Großbritanniens zum europäischen Markt erhält. Inwiefern dies praktisch umsetzbar ist, ist eine separate Debatte. Klar scheint hingegen, dass es für einen harten Brexit, der für den internationalen Handel sowie für die Finanzbranche empfindliche Störungen bereithält, kein Mandat gibt.

fehlende politische Debatte
Ebenso verwundert Mays Absicht, nach einem rechtlich nicht bindenden Referendum vor der offiziellen Austrittserklärung Großbritanniens keine parlamentarische Debatte und Abstimmung zuzulassen – wo es doch gerade das zentrale Thema des Brexit-Referendums war, die politische Kontrolle aus Brüssel zurück ins nationale Parlament zu holen.

Die nächsten Wochen werden von intensiven Debatten geprägt sein; auch der Einzelhandelsverband wird sich deutlich hörbar einbringen. Und während, bedingt durch das geschwächte Pfund, die ersten Anzeichen steigender Inflation sichtbar werden (und während die Einkaufspreise der Industrie für Rohstoffe bereits empfindlich anziehen), wird der Öffentlichkeit immer klarer, dass Großbritannien einen Preis für den Brexit wird zahlen müssen.

Die eigentliche Inflationswelle wird das Land 2017 erreichen. Da 39 Prozent der dort verkauften Lebensmittel importiert sind, werden die Verbraucher den Druck fast täglich spüren. Auch werden bei schwacher Lohnentwicklung die realen Einkommen, und damit der Lebensstandard, sinken. Ein anziehender Ölpreis würde die Lage weiter verschärfen. Der politische Widerstand wird wachsen. Ob Theresa May ihren harten Ansatz politisch überleben wird, ist darum alles andere als ausgemacht.

Sollte May im Frühjahr 2017 dennoch wie angekündigt die offizielle Austrittserklärung in Brüssel einreichen, wird dies die Schwäche des Pfunds zementieren.

Die Kombination aus zurückgehendem Verbrauchsklima und schwacher Währung könnten die deutschen Discounter Aldi und Lidl zu Gewinnern einer schwierigen Lage machen: Der Brexit böte während eines Zeitraums von mindestens zwei Jahren eine historische Gelegenheit, beschleunigt in den Ausbau der Ladennetze zu investieren. So könnten die Discounter den etablierten Lebensmittelhändlern weitere Kunden aus der gestressten Mittelschicht abwerben. Der Brexit jedenfalls wird das Land über Jahre hinaus beschäftigen – im Jahr 2021 sollte der nationale Einzelhandelsumsatz um mehr als 10 Prozent niedriger liegen, als er es ohne Brexit gewesen wäre.