Der Handel ist bunt So gelingt Karriere im Handel

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Mit den Strategien von gestern kann man die Jugend von heute nicht mehr erreichen. Wer Führungsnachwuchskräfte finden und ausbilden will, muss offen sein für Neues. Dazu gehören auch Quereinsteiger und Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen. Der Handel ist bunt – und das ist auch gut so!

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„Es wird immer schlimmer: Wir bekommen einfach keine guten Azubis mehr.“ In diese Klage einer Kauffrau aus Nordrhein-Westfalen stimmen sicher viele andere Händler mit ein. Landauf, landab, kann man hören: „Es interessieren sich zu wenige Schüler für den Handel. Und wenn überhaupt, dann nicht die Richtigen. Die Guten schnappen uns ohnehin die Banken und Versicherungen weg.“

Die Jugend von heute ist nicht besser oder schlechter als die Jugend von gestern. Aber sie ist anders und hat Probleme, die man früher nicht auf dem Schirm hatte: Viel zu viele sind süchtig nach Computerspielen und immer währender Erreichbarkeit auf dem Handy, andere entwickeln massive Ess-Störungen wie Magersucht oder Bulimie. Ja, es ist schwierig, als Ausbilder damit umzugehen – aber wer hat je behauptet, dass es einfach ist, mit jungen Menschen zu arbeiten?

Fleißiger Schüler, gute Mittlere Reife, williger Azubi – von dieser Vorstellung müssen sich die Ausbilder beim Recruitung immer häufiger verabschieden. Stattdessen „holen sie die jungen Menschen da ab, wo die gerade stehen“, wie Personalentwickler es gern formulieren. Fördern die Stärken des Neuen, gleichen Defizite aus. So gelingt es erfreulich oft, Quereinsteiger zu integrieren: Menschen, die zum Zeitpunkt der Bewerbung wenig Deutsch sprechen, bereits eine Ausbildung abgebrochen haben oder bei denen das Leben einfach anders gelaufen ist als geplant. Wenn die Integration glückt, können aus den Quereinsteigern erfolgreiche Mitarbeiter und unverzichtbare Teammitglieder werden.

Ausbilder, die mit besonderem Engagement und guten Ideen ihre Nachwuchskräfte fördern, sollten beim Branchenwettbewerb „Ausbilder des Jahres“ mitmachen!

Der Handel bietet die Gelegenheit, schon in jungen Jahren Karriere zu machen und die Leiter nach oben schnell zu erklimmen. In welcher Branche kann man sonst schon mit Anfang 20 eine eigene Filiale leiten und Verantwortung für Umsatz und Mitarbeiter haben? Dabei gibt es kein Schema F, das Leben geht ja auch nicht immer den geraden Weg. Der Handel ist bunt und vielfältig, das unterstreichen die Porträts der Nachwuchskräfte auf den folgenden Seiten.

Neun unterschiedliche Menschen, neun Lebensentwürfe und eine Gemeinsamkeit: Sie alle machen Karriere im Handel – und haben Spaß an der Arbeit.

 

Tom Dienewald, Kaufland in Cottbus

  • Hausleiter schon mit 24 Jahren
  • hat neben der Arbeit studiert
  • fördert eigene Azubis

ist überzeugt, dass der Handel für junge Menschen attraktiv ist. „Wir müssen bloß mehr darüber sprechen und die jungen Leute einladen, sich das anzuschauen.“ Er selbst hat Praktika in verschiedenen Bereichen absolviert und dann einen anderen Weg eingeschlagen als seine Eltern und sein Bruder. Die sorgen dafür, dass der Nahverkehr in Dresden läuft. Tom Dienewald aber hat schon während der Schulzeit als Aushilfskraft im Elbe-Park in Dresden gute Erfahrungen gemacht. „Kaufland hat mir Perspektiven aufgezeigt“, erinnert er sich, zudem machte ihm von Anfang an die Arbeit im Handel Spaß, vor allem, weil sie so abwechslungsreich ist.

Seine Stationen: Fachoberschule, verkürzte Ausbildung zum KiE, danach Einstieg ins Förderprogramm zum Warenbereichsleiter. Natürlich bedeutete das „harte Arbeit“, aber mit geregelten Arbeitszeiten – immerhin hat er an der Abendschule noch Betriebswirtschaftslehre studiert. Im November 2008 wurde er im Alter von 24 Jahren zum Hausleiter in Meißen befördert. Den Sprung in diese Position beschreibt er „als etwas ganz Besonderes“, schließlich musste er sich ab dann um rund 100 Mitarbeiter kümmern, vorher waren es „nur“ 20. Und noch um viel mehr: Umsatzentwicklung, Werbeauftritt, die Instandhaltung der Immobilie… „Man muss bereit sein, jeden Tag das Beste zu geben“, kommentiert er die Anforderungen. Er hat seine Balance zwischen Arbeit und Freizeit gefunden, hat eine Frau und zwei Kinder, ein Haus und eine Katze.

Mit besonderer Freude fordert und fördert er seine eigenen Azubis: Gerade organisiert er eine Olympiade, bei der sich der Nachwuchs in kleinen Wettkämpfen messen soll. Wer dort gewinnt, soll in andere Bereiche bei Kaufland hineinschnuppern, wie etwa in ein Logistiklager: „Es ist wichtig, Prozesse begreifbar zu machen“, sagt Dienewald.

 Wassili Hofmann, Rewe Nieth in Wangen

  • Schule war nicht sein Ding
  • heute IHK-Prüfer
  • steigt als Teilhaber bei seinem Arbeitgeber ein

geboren in Kasachstan, aufgewachsen in Deutschland, bringt Unternehmergeist mit in den Beruf. Die Schule hat er nach der zehnten Klasse geschmissen (… „daran hatte ich keinen Spaß“), er wollte lieber bei dem Rewe-Händler eine Lehre machen, bei dem er schon als Schüler gejobbt hat.

Partnerkaufmann Gerd Nieth aus Wangen im Allgäu hat Hofmann schon früh Verantwortung übertragen: Die Getränke- und Spirituosenabteilung war und ist das Steckenpferd des jungen Mannes, da „kenne ich mich richtig gut aus“.

Schon einen Monat nach der Prüfung zum KiE durfte Hofmann bei Nieth in der Funktion des Marktleiters arbeiten, zugleich belegte er die Kurse zum Marktmanager 1 und 2. Nebenher hat er noch den AdA-Schein gemacht, mittlerweile ist er IHK-Prüfer. Vor zwei Jahren ist Wassili Hofmann sein erstes finanzielles Risiko eingegangen, er hat sein Erspartes in eine Eigentumswohnung gesteckt.

Im nächsten Jahr plant der dann noch 23-Jährige den Sprung in die Selbstständigkeit: Er steigt als Teilhaber bei seinem Arbeitgeber ein, zunächst mit 10 Prozent des Firmenkapitals. Mittelfristig hofft Hofmann, gleichberechtigter Teilhaber zu werden und, dass sie gemeinsam die Zahl der Filialen kräftig aufstocken können. „In zehn Jahren“, so sagt er, „haben wir zehn Filialen.“

 Alaa Kasto, Edeka Sanetra in München

  • flüchtete aus dem Irak
  • Seit vier Jahren in Deutschland
  • Stipendiat „Geh Deinen Weg“

Dass der 21-Jährige im Januar dieses Jahres seine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel erfolgreich abgeschlossen hat, ist ein bemerkenswerter Erfolg: Der junge Mann kam erst vor vier Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Er gehört der Glaubensgemeinschaft der Jesiden an und floh zusammen mit seiner Mutter und den Geschwistern aus seiner Heimat, um den Verfolgungen durch IS-Terroristen zu entfliehen. In Deutschland begann die Familie, ein neues Leben aufzubauen. Wenn man heute mit Alaa Kasto redet, glaubt man kaum, dass er erst wenige Jahre in München lebt – er spricht fließend Deutsch. Als er aber nach den ersten Integrationskursen eine Ausbildungsstelle suchte, stieß er noch auf Schwierigkeiten. Über ein Praktikum lernte er den Edeka-Kaufmann Gregor Sanetra kennen, der in der bayerischen Landeshauptstadt zwei Märkte betreibt und 1989 aus Polen nach Deutschland kam. Sanetra hat den jungen Einwanderer als Mentor unter seine Fittiche genommen. Zudem unter stützt Edeka den jungen Mann mit einem Stipendienplatz im Programm „Geh Deinen Weg“ der Deutschlandstiftung Integration. Pro Jahr werden bis zu 150 Stipendiaten mit Zuwanderungsgeschichte für eine Förderdauer von zwei Jahren in das Programm aufgenommen. Als solcher hat Alaa Kasto u.a. die Möglichkeit, Workshops zu Themen wie Persönlichkeitsentwicklung und Führung zu besuchen.

Die Berufsschule konnte Kasto gut bewältigen, zehn Jahre Schulzeit im Irak bildeten den Grundstein, hinzu kommen sein Ehrgeiz und seine Begeisterung für den Handel und die Sortimente. Er hat die Ausbildung sogar um ein halbes Jahr verkürzt und arbeitet zurzeit in der Tiefkühlabteilung. Ob er erst das Abitur nachholt oder ins JAP (Juniorenaufstiegs-Programm) geht, weiß er noch nicht. Sein Ziel ist aber klar: Kasto möchte einen eigenen Markt übernehmen, in der dann sicher eine bunte Truppe aus vielen Nationen arbeitet.