Die Top Elf Deutschlands herausragende Nachwuchshändler

Hintergrund

Die Branche braucht junge Händler mit Ideen – und sie hat davon einige: Diese Kaufleute werden den Lebensmittelhandel prägen. Wie sie denken, was sie planen.

Freitag, 12. Dezember 2025, 07:40 Uhr
Heidrun Mittler und Hedda Thielking
Profilfotos von 11 Nachwuchshändlern
Sie verkörpern den Unternehmergeist, der erfolgreiche junge Kaufleute auszeichnet. Trotz familiärer Prägung setzen sie eigene Akzente und gestalten den Weg in eine zukunftsorientierte Unternehmenswelt. Bildquelle: Fotomontage: Anne Kremer

Gibt es das Unternehmer-Gen? Biologisch natürlich nicht. Doch in vielen Gesprächen der Lebensmittel Praxis mit jungen Nachwuchshändlern zeigt sich: Irgendwo zwischen Küchentisch, Obstabteilung und Kassenbüro überträgt sich das Gespür für das Geschäft. Viele herausragende junge Kaufleute sind in Händlerfamilien aufgewachsen – denn in gemeinsamen Diskussionen über Investitionen, Sortimentscheidungen oder die Personalplanung wächst etwas heran, das man nicht studieren kann: unternehmerisches Bauchgefühl, Mut und Leidenschaft für den Lebensmitteleinzelhandel.

Viele Babyboomer geben nun das Ruder an ihre Kinder ab. Anders als es die jetzt ausscheidende Generation erlebt hat, lassen die Älteren ihren Kindern bewusst die freie Berufswahl. Seniorchefs ziehen sich langsam aus der Coachingzone zurück, und die Nachfolger übernehmen Schritt für Schritt das Feld.

Top Elf gesucht

Deshalb muss sich die Branche jetzt fragen: Welche Töchter und Söhne der Kaufmannsfamilien werden die Lebensmittelwirtschaft in Zukunft prägen? Die LP hat mit vielen von ihnen gesprochen, intensiv recherchiert – und elf junge Kaufleute ausgemacht, auf die es sich zu achten lohnt: Die Nachwuchskaufleute bilden gleichsam eine Mannschaft, die nicht nur mitspielt, sondern die Liga auf ein neues Niveau heben könnte.

Die elf jungen Händler, die die LP herausstellt, zeichnen sich auf vielfältige Weise aus: Sie haben große Lust auf ihre Aufgabe – aus Überzeugung, nicht aus Pflichtgefühl. Sie sehen im Lebensmitteleinzelhandel eine Zukunftsbranche, keine Tradition, die jemand „halt weiterführt“. Sie bringen Neugier für Digitalisierung, neue Technologien, eine moderne Arbeitskultur und Kommunikation mit. Sie haben Ideen und Mut zur Veränderung. Sie engagieren sich in Gremien, Projekten und Teams, statt nur zuzuschauen. Sie haben Respekt vor der Verantwortung für das Unternehmen, die Mitarbeiter und deren Familien. Und ganz wichtig: Sie brennen für das Unternehmertum – und das nicht als Erben, sondern als Gestalter.

Apropos Erbe: Außenstehende glauben gern, Nachwuchshändler hätten „den goldenen Löffel“ im Mund und würden sich in ein gemachtes Nest setzen. Auch die Top-Nachwuchs-Elf weiß: Ja, es ist ein Privileg, ein erfolgreich aufgebautes Unternehmen übernehmen zu dürfen. Aber den herausragenden Kaufleuten ist außerdem bewusst: Auf den Lorbeeren der Eltern können sie sich nicht ausruhen.

Vielfältige Lebensläufe

Die Gespräche mit den Kaufleuten bestätigen: Es gibt längst nicht mehr den einen Weg in den Lebensmitteleinzelhandel. Die einen Nachwuchshändler absolvieren eine kaufmännische Ausbildung und machen noch den Handelsfachwirt. Andere studieren Betriebswirtschaftslehre und sammeln in Start-ups Berufs- und erste Führungserfahrungen. Wieder andere brechen ein Wirtschaftsstudium ab, weil es ihnen zu praxisfern ist, und gehen doch lieber den klassischen Weg. Eines aber ist ihnen allen wichtig: Erfahrungen außerhalb des eigenen Betriebs zu sammeln.

Die Edekaner steigen seit Jahrzehnten in ihr „Karussell“ und bilden die Sprösslinge von Kollegen aus und fort. Unternehmer Jörg Hieber dürfte mit Abstand den Rekord halten: Er und seine Mannschaft haben 45 Söhne und Töchter zu Existenzgründern ausgebildet. Darunter auch Spieler der Top-Elf. Hinzu kommen Stand heute 20 ehemalige Hieber-Mitarbeiter, die er für die Selbstständigkeit fit gemacht hat. Heute ist es sogar möglich, bei der Konkurrenz – also als Edeka-Händler bei Rewe und umgekehrt – für eine begrenzte Zeit reinzuschnuppern, um zu wissen, wie dort der Wind weht.

Zwischen Tradition und eigenen Akzenten

Und jetzt: Anpfiff! Die Lebensmittel Praxis präsentiert die junge Spitzenmannschaft der Branche. Elf junge Kaufleute: gut trainiert, hoch motiviert und mit klaren Spielideen im Kopf. Sie übernehmen schrittweise die Positionen der Trainer – ihrer Eltern –, um Akzente zu setzen und eigene Spielideen zu entwickeln. Und trotzdem suchen sie gerne den Rat ihrer Trainer, fragen schon mal: Mama, Papa, wie würdet ihr in dieser Situation entscheiden?  

Katharina Frauen

Katharina Frauen

Sie hat einen langen Atem, das hat sie schon im Jurastudium bewiesen: Die 28-Jährige ist Volljuristin.

Bildquelle: Edeka Frauen

Ob in der Zentrale oder im Markt: Ihr Schwerpunkt liegt im Personalwesen, wo sie den Ansatz verfolgt: „Menschen dazu befähigen, dass sie die anfallenden Probleme selbst lösen können“. Katharina Frauen will nahbar sein, ist viel in den Märkten unterwegs. Die Arbeit auf der Fläche ist ihr vertraut, sie hat schon als Schülerin an der Kasse gearbeitet und hinter der Käsetheke gestanden (Lieblingskäse: „höhlengereifter Käse aus der Schweiz“). Sie ist Tochter von Dierk und Nichte von Jan Frauen, beide Geschäftsführer von Edeka Frauen.

Die 28-Jährige hat den akademischen Weg gewählt: Sie hat Jura studiert, ist Volljuristin und steigt zu Beginn des nächsten Jahres in die Geschäftsführung ein. Im Alltag setzt sie auf den Einsatz moderner, KI-gestützter Tools. „In Sachen Digitalisierung haben wir noch viel zu tun“, weiß sie. Einen Erfolg kann sie schon für sich verbuchen: Die neue Mitarbeiter-App für Frauen-Beschäftigte bewirkt, dass sich mehr Angestellte als zuvor mit ihren Anliegen melden. „Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel müssen wir uns mit KI beschäftigen“, fordert sie und beugt gleichzeitig möglichen Unkenrufen vor: „Servicekräfte kann KI im Handel noch lange nicht ersetzen.“ Die App soll darüber hinaus auch die Mitarbeiterbindung festigen.

Katharina freut sich, dass im Februar 2026 weitere Verstärkung in die Unternehmensleitung kommt: Ihre Schwester Fiona bringt gleich noch ihren Freund Jan Runkel mit. Gemeinsam wollen sie weiterhin das Motto des Unternehmens mit acht Verbrauchermärkten mit Leben erfüllen: „Ohne Frauen geht’s nicht.“

  

Interview

Prof. Dr. Christina Hoon, Uni Bielefeld
Christina Hoon hat einen Lehrstuhl für Unternehmensnachfolge. Sie weiß: Es geht immer „um Geld, Macht und Liebe“.

„Co-Leadership für die nächste Generation“

Sie beschäftigen sich aus wissenschaftlicher Sicht mit der Nachfolge. Wie hat sich der Übergabeprozess verändert?

Viele Familien entwickeln individuellere Formen der Nachfolge, als es die Elterngeneration getan hätte. Das betrifft die frühere Überzeugung, dass „einer den Hut aufhaben muss“. Und die Haltung, dass man „schwimmen nur im Wasser lernt“.

Der Patriarch entscheidet nicht, welches Kind nachfolgt?

Heute herrscht eher die Überzeugung vor, dass ein einziger Kopf nicht ausreicht, um ein Unternehmen in die nächste Generation zu führen. Und dass sich mit zwei Köpfen und vier Schultern die Verantwortung für das Familienunternehmen besser tragen lässt. Für ein solches Co-Leadership spricht, dass Geschwister gemeinsam unterschiedliche Stärken einbringen können, indem beispielsweise einer analytisch ist und der andere strategisch, kommunikativ und kreativ.

Und wie lernt man besser schwimmen?

Die künftige Führungskraft wird schrittweise in ihre Rolle eingeführt – durch gezielte Lernphasen, Begleitung und klare Verantwortungsübergaben. So finden Nachfolger in ihre Rolle und können typische Fehler vermeiden, von übereilten Entscheidungen über Kommunikationspannen bis hin zu Reibungen im Team und in der Familie. Für den Übergang nehmen Eltern und Kinder die Geschäftsführung gemeinsam in die Hände, dann ziehen sich die Senioren zurück.

Das Interview führte Heidrun Mittler

 

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