Gibt es das Unternehmer-Gen? Biologisch natürlich nicht. Doch in vielen Gesprächen der Lebensmittel Praxis mit jungen Nachwuchshändlern zeigt sich: Irgendwo zwischen Küchentisch, Obstabteilung und Kassenbüro überträgt sich das Gespür für das Geschäft. Viele herausragende junge Kaufleute sind in Händlerfamilien aufgewachsen – denn in gemeinsamen Diskussionen über Investitionen, Sortimentscheidungen oder die Personalplanung wächst etwas heran, das man nicht studieren kann: unternehmerisches Bauchgefühl, Mut und Leidenschaft für den Lebensmitteleinzelhandel.
Viele Babyboomer geben nun das Ruder an ihre Kinder ab. Anders als es die jetzt ausscheidende Generation erlebt hat, lassen die Älteren ihren Kindern bewusst die freie Berufswahl. Seniorchefs ziehen sich langsam aus der Coachingzone zurück, und die Nachfolger übernehmen Schritt für Schritt das Feld.
Top Elf gesucht
Deshalb muss sich die Branche jetzt fragen: Welche Töchter und Söhne der Kaufmannsfamilien werden die Lebensmittelwirtschaft in Zukunft prägen? Die LP hat mit vielen von ihnen gesprochen, intensiv recherchiert – und elf junge Kaufleute ausgemacht, auf die es sich zu achten lohnt: Die Nachwuchskaufleute bilden gleichsam eine Mannschaft, die nicht nur mitspielt, sondern die Liga auf ein neues Niveau heben könnte.
Die elf jungen Händler, die die LP herausstellt, zeichnen sich auf vielfältige Weise aus: Sie haben große Lust auf ihre Aufgabe – aus Überzeugung, nicht aus Pflichtgefühl. Sie sehen im Lebensmitteleinzelhandel eine Zukunftsbranche, keine Tradition, die jemand „halt weiterführt“. Sie bringen Neugier für Digitalisierung, neue Technologien, eine moderne Arbeitskultur und Kommunikation mit. Sie haben Ideen und Mut zur Veränderung. Sie engagieren sich in Gremien, Projekten und Teams, statt nur zuzuschauen. Sie haben Respekt vor der Verantwortung für das Unternehmen, die Mitarbeiter und deren Familien. Und ganz wichtig: Sie brennen für das Unternehmertum – und das nicht als Erben, sondern als Gestalter.
Apropos Erbe: Außenstehende glauben gern, Nachwuchshändler hätten „den goldenen Löffel“ im Mund und würden sich in ein gemachtes Nest setzen. Auch die Top-Nachwuchs-Elf weiß: Ja, es ist ein Privileg, ein erfolgreich aufgebautes Unternehmen übernehmen zu dürfen. Aber den herausragenden Kaufleuten ist außerdem bewusst: Auf den Lorbeeren der Eltern können sie sich nicht ausruhen.
Vielfältige Lebensläufe
Die Gespräche mit den Kaufleuten bestätigen: Es gibt längst nicht mehr den einen Weg in den Lebensmitteleinzelhandel. Die einen Nachwuchshändler absolvieren eine kaufmännische Ausbildung und machen noch den Handelsfachwirt. Andere studieren Betriebswirtschaftslehre und sammeln in Start-ups Berufs- und erste Führungserfahrungen. Wieder andere brechen ein Wirtschaftsstudium ab, weil es ihnen zu praxisfern ist, und gehen doch lieber den klassischen Weg. Eines aber ist ihnen allen wichtig: Erfahrungen außerhalb des eigenen Betriebs zu sammeln.
Die Edekaner steigen seit Jahrzehnten in ihr „Karussell“ und bilden die Sprösslinge von Kollegen aus und fort. Unternehmer Jörg Hieber dürfte mit Abstand den Rekord halten: Er und seine Mannschaft haben 45 Söhne und Töchter zu Existenzgründern ausgebildet. Darunter auch Spieler der Top-Elf. Hinzu kommen Stand heute 20 ehemalige Hieber-Mitarbeiter, die er für die Selbstständigkeit fit gemacht hat. Heute ist es sogar möglich, bei der Konkurrenz – also als Edeka-Händler bei Rewe und umgekehrt – für eine begrenzte Zeit reinzuschnuppern, um zu wissen, wie dort der Wind weht.
Zwischen Tradition und eigenen Akzenten
Und jetzt: Anpfiff! Die Lebensmittel Praxis präsentiert die junge Spitzenmannschaft der Branche. Elf junge Kaufleute: gut trainiert, hoch motiviert und mit klaren Spielideen im Kopf. Sie übernehmen schrittweise die Positionen der Trainer – ihrer Eltern –, um Akzente zu setzen und eigene Spielideen zu entwickeln. Und trotzdem suchen sie gerne den Rat ihrer Trainer, fragen schon mal: Mama, Papa, wie würdet ihr in dieser Situation entscheiden?
Katharina Frauen

Sie hat einen langen Atem, das hat sie schon im Jurastudium bewiesen: Die 28-Jährige ist Volljuristin.
Bildquelle: Edeka Frauen
Ob in der Zentrale oder im Markt: Ihr Schwerpunkt liegt im Personalwesen, wo sie den Ansatz verfolgt: „Menschen dazu befähigen, dass sie die anfallenden Probleme selbst lösen können“. Katharina Frauen will nahbar sein, ist viel in den Märkten unterwegs. Die Arbeit auf der Fläche ist ihr vertraut, sie hat schon als Schülerin an der Kasse gearbeitet und hinter der Käsetheke gestanden (Lieblingskäse: „höhlengereifter Käse aus der Schweiz“). Sie ist Tochter von Dierk und Nichte von Jan Frauen, beide Geschäftsführer von Edeka Frauen.
Die 28-Jährige hat den akademischen Weg gewählt: Sie hat Jura studiert, ist Volljuristin und steigt zu Beginn des nächsten Jahres in die Geschäftsführung ein. Im Alltag setzt sie auf den Einsatz moderner, KI-gestützter Tools. „In Sachen Digitalisierung haben wir noch viel zu tun“, weiß sie. Einen Erfolg kann sie schon für sich verbuchen: Die neue Mitarbeiter-App für Frauen-Beschäftigte bewirkt, dass sich mehr Angestellte als zuvor mit ihren Anliegen melden. „Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel müssen wir uns mit KI beschäftigen“, fordert sie und beugt gleichzeitig möglichen Unkenrufen vor: „Servicekräfte kann KI im Handel noch lange nicht ersetzen.“ Die App soll darüber hinaus auch die Mitarbeiterbindung festigen.
Katharina freut sich, dass im Februar 2026 weitere Verstärkung in die Unternehmensleitung kommt: Ihre Schwester Fiona bringt gleich noch ihren Freund Jan Runkel mit. Gemeinsam wollen sie weiterhin das Motto des Unternehmens mit acht Verbrauchermärkten mit Leben erfüllen: „Ohne Frauen geht’s nicht.“
Stefan Istas

Was ist besser: Inventur zum Stichtag oder permanent? Wie pflegt man eine Umlagerung in die Systeme ein? Kein Problem für Stefan Istas. Als Wirtschaftsinformatiker kennt er Systeme und Abläufe.
Bildquelle: Rewe Istas
Sonntags war ich mit meinem Vater oft im Markt, durfte in der Putzmaschine fahren oder Angebotsschilder stecken.“ Stefan Istas hatte seinen ersten Minijob bei seinem Vater Ingo, Rewe-Kaufmann in Erftstadt, Brühl und Köln. „Wenn ich mir etwas kaufen wollte, musste ich dafür arbeiten“, das war Stefan schon immer klar. Mit 16 Jahren freute er sich über 450 Euro im Monat, das damalige Gehalt für Aushilfen „war echt eine Menge Geld“.
Mit einem guten Abitur studierte er dual Wirtschaftsinformatik und kam bei SAP unter. Hilfreich, weil er dadurch die Prozesse versteht, die zum Beispiel hinter einer Inventur stehen. Bei SAP entwickelte er unter anderem mobile Lösungen mit, die den Zebra-Geräten ähneln, die aktuell in den Märkten zum Einsatz kommen. Als der Gedanke reifte, ins Familienunternehmen einzusteigen, studierte Stefan Istas weiter. Seit Oktober 2025 darf er sich Master of Business Administration nennen. Gleichzeitig hat er schon praktische Erfahrungen gesammelt, als „Kaufmann in Einarbeitung“, sowohl in einer Filiale (Köln, Bonner Straße) als auch unter anderem bei den Kollegen Robert Schäfer und Heinrich Grass. Seit Juli 2025 ist der 24-Jährige fester Bestandteil des heimischen Unternehmens.
„Ich muss zwar noch viel lernen, aber ich habe auch schon viel drauf. Und neue Ideen“, sagt er über sich. Mit dem Blick von außen hinterfragt er die Abläufe im Alltag, die „schon immer so gemacht wurden“. „Wir verwenden noch sehr viel Papier, manche Vorgänge werden zwei- bis dreimal angefasst“, das will er ändern. Am wichtigsten ist ihm, „neue Mitarbeiter für die große Istas-Familie zu finden“. Denn auch in Erftstadt gehen bald viele Babyboomer in den Ruhestand.
Simon Jakobi

Zielstrebigkeit zeichnet Simon Jakobi aus. Er bewegt sich für ein Studium erneut aus der Komfortzone heraus, um das Familienunternehmen weiter nach vorn zu bringen.
Bildquelle: Edeka Jakobi
Er hat Handel von der Pike auf gelernt. Mit seinen 24 Jahren hat Simon Jakobi schon zwei wichtige Weiterbildungsprogramme in der Edeka-Welt absolviert: das Junioren-Aufstiegsprogramm und darüber hinaus „Führungskraft Handel“. Natürlich ist er in einer Händlerfamilie aufgewachsen, schon sein Urgroßvater Simon (nach dem er benannt ist) hat einen „kleinen Kaufmannsladen“ auf die Beine gestellt. Heute führen die Jakobis drei E-Center – in Lautertal, Bensheim und das jüngste steht in Worms.
Wenn Simon als Kind auf der Fläche war, fand er vor allem „das Staplerfahren“ in der Getränkeabteilung spannend, schon als kleiner Junge hat er Regale eingeräumt. Nach der Ausbildung beim Edeka-Kollegen Patschull in Darmstadt hat er bei den Stieglers aus der Pfalz seine Fortbildungen absolviert. Als dann Ende März das neue Center seiner Eltern in Worms eröffnet wurde, war Simon mit am Start, bis der dortige Marktleiter gut eingearbeitet war. Wie er seinen Führungsstil beschreibt? „Vorbild sein statt delegieren“, der 24-Jährige springt bei Bedarf hinter die Bedienungstheke oder setzt sich an die Kasse. So entwickelt er Verständnis für die Mitarbeiter, kann Abläufe im Markt optimieren. Nächster Schritt: ein Studium der Unternehmensführung in Frankfurt, damit er nicht nur durch die Edeka-Brille schaut. Während des Studiums wird er büffeln und weiter aktiv im Unternehmen arbeiten. Das „Fundament“ des Mehrbetrieb-Unternehmens ist gelegt. „Je nach Standort und Situation“ könne man expandieren.
Lisa Kaiser

Lisa hat sich ihren Platz in der „Kaiser-Runde“ verdient. Als ihre Mutter Gerda die Geschäftsführung der Hungener Käsescheune – eines Produktionsbetriebs für regionalen Käse mit angeschlossener Gastronomie – übernahm, packte Lisa kräftig mit an.
Bildquelle: Rosendahl
Wann genau Lisa Kaiser in eine verantwortliche Position innerhalb der Familiengruppe einsteigt, steht noch nicht fest. Die Gruppe managt unter anderem die Eins-A-Rewe-Märkte und die Hungener Käsescheune. Aufgrund der aktuellen Familienkonstellation mit Lisas Eltern, ihrem Onkel sowie ihren Großeltern „besteht derzeit kein Nachfolgedruck“.
Großvater Gerd gründete die Gruppe nach seinem Ausstieg aus der Rewe-Konzernzentrale, er startete 1993 mit den Verbraucher- und Getränkemärkten. In den vergangenen Jahrzehnten baute die Familie ein diverses Geschäft auf, bestehend aus Immobilien, einer Personaldienstleistung sowie eigenen Produktionsbetrieben wie Metzgereien, einer Käserei und dem mittlerweile verkauften Sushi-Circle. Lisa, derzeit 23 Jahre alt, nimmt seit einigen Jahren als jüngste Teilnehmerin an der monatlichen „Kaiser-Runde“ teil – dort bespricht die Familie aktuelle Entwicklungen. Zudem besucht die junge Frau Tagungen und Veranstaltungen, unter anderem der MLF-Kaufleute, und tauscht sich mit der Branche aus.
Während ihres dualen International-Business-Management-Studiums arbeitete sie parallel in einer Personalberatung mit Fokus auf Führungskräften in der IT-Branche, in der sie auch heute angestellt ist. Welche nächsten Schritte Lisa weiter in Richtung Lebensmittelhandel führen werden, ist offen. Sowohl Stationen in der Industrie als auch bei anderen Kaufleuten kann sie sich gut vorstellen. „Ich möchte so viele Einblicke und Perspektiven wie möglich sammeln, um einen möglichst großen Mehrwert in unsere Gruppe tragen zu können.“
Patrick Nüsken

Patrick Nüsken war lange nicht klar, ob er einmal im Handel arbeiten würde. „Vielleicht mache ich auch irgendwas mit Autos“, überlegte der junge Mann damals.
Bildquelle: Edeka Nüsken
Patrick Nüsken hat einiges vor: interne Abläufe verbessern, Dienst- und Urlaubsplanung perfektionieren sowie eine automatisierte Warendisposition künftig mit KI weiter optimieren. Seit 2020 übernimmt der 30-Jährige als Vertriebsleiter Schritt für Schritt den Ein- und Verkauf sowie die Sortimentsgestaltung im Familienunternehmen.
Wie Patrick die Zusammenarbeit mit seinem Vater sieht? „Ich bringe oft neue Impulse ein, und mein Vater verfügt über jahrzehntelange Erfahrung – so ergänzen wir uns perfekt“, ist er froh. Der Junior fand es herausfordernd, in die neue Rolle als Führungskraft hineinzuwachsen und Verantwortung an Mitarbeiter zu übertragen. Mit klarer Kommunikation, viel Einsatz und einem respektvollen Umgang mit seinem Team meistert er diesen Schritt.
Sein Vater Karsten und sein Onkel Marcus drängten Patrick Nüsken nie in das Familienunternehmen, trotzdem zog es ihn in die Welt der Regale und Warenströme. Während seiner Ausbildung zum Verkäufer bei Edeka Kemper in Ahlen merkte er: „Das ist genau mein Ding!“ Danach legte er den Kaufmann nach, absolvierte das Junioren-Aufstiegsprogramm (JAP) bei Marktkauf Hesse in Büren und machte später den Handelsfachwirt zunächst bei Kaufmann Paul Penner in Geseke und dann im Familienunternehmen. Die Stationen in verschiedenen Märkten schärften seinen Blick für Sortimente, Abläufe und Mitarbeiter.
Robin Richrath

Experte im Profilierungs-Sortiment Fleisch, Praktiker im Gastro-Betrieb, Vertriebsmensch und zeitweise der Erste, der morgens um fünf die Ladentür aufschließt: Robin Richrath hat in seinem Berufsleben schon viele Herausforderungen gemeistert.
Bildquelle: Eilers
Wenn es um Fleisch und Wurst geht, kann ihm so schnell keiner etwas vormachen. Robin Richrath berichtet, warum er übers Rote Sortiment in die Handelsbranche eingestiegen ist. „Mein Vater Peter und mein Onkel Lutz, die das Unternehmen leiten, sind Kaufleute. Mit meiner Metzgerausbildung habe ich eine Alleinstellung“, sagt Robin Richrath bei einer Tasse Kaffee in der Mittagspause. Er hat ein praxisnahes BWL-Studium angehängt, Food Management an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.
2013, als der große Richrath-Standort Opernpassage in der Kölner Innenstadt ans Netz ging, übernahm Robin dort für fünf Jahre die Abteilungsleitung Fleisch, Wurst und Gastronomie. Danach wechselte der heute 35-Jährige an den Standort Kerpen, um die Tätigkeit eines Marktleiters von der Pike auf zu lernen. Nach zwei Jahren dann ein Blick über den Tellerrand: Robin wechselte zur Metzgerei Esser. Der Handwerksmetzger beliefert die Richraths mit zahlreichen Produkten und legt großen Wert aufs Tierwohl. Bei Esser betreute Robin zwölf Filialen und die Hofläden.
Seit März 2025 ist er wieder zurück im Kölner Familienunternehmen und leitet den Geschäftsbereich Service und Gastro an allen 16 Standorten. Der Fleisch-Sommelier ist auf dem Sprung in die Geschäftsleitung. Zurzeit kümmert er sich intensiv um zusätzliches Personal für die Servicetheken: „Ich weiß, wie hoch die Belastung und der Stress an den Theken manchmal ist.“
Jannis Röthemeier

Nach dem BWL-Studium hatte er Fernweh: Jannis Röthemeier baute im Rahmen eines Praktikums in Australien eine Entwicklungsorganisation an einer Universität mit auf.
Bildquelle: Röthemeier Handelsgesellschaft mbH
Unternehmensführung, Bau, Expansion und Finanzen – für diese Bereiche übernimmt Jannis Röthemeier seit Februar 2024 als Mitglied der Geschäftsführung schrittweise die Verantwortung bei Edeka Röthemeier. Was ihn inspiriert: Er mag mutige, risikofreudige Menschen. „Mein Vater ist auch risikofreudig. Ich hinterfrage unsere Prozesse vor allem im Hinblick auf Nachhaltigkeit und digitale Prozesse noch intensiver und treibe die kritische Selbstanalyse weiter voran. So setzen wir beim Neubau unseres zehnten Marktes auf Holzrahmenbauwände und Holzfachwerkträger.“
Jannis Röthemeiers Motto lautet: Aktiv gestalten und nicht verwalten. Dass das Familienunternehmen die ideale „Spielwiese“ dafür bietet, wusste er schon immer. Die Frage war nur: Wann? „Ich wollte mich erst außerhalb des Familienunternehmens beweisen“, berichtet der 32-Jährige. Er studierte BWL und machte berufsbegleitend zu seinem Job bei Ernst & Young den Master in Global Management & Governance.
Schon während seines Studiums baute er das Start-up Futury mit auf, das wiederum Start-ups in den Bereichen Lebensmittel, Abfallmanagement und Bau in ihrer Gründungsphase unterstützt. Ihn inspirierte die Risikobereitschaft der Start-ups, Neues auszuprobieren und den Mut zu haben, Fehler in Kauf zu nehmen. „Als Geschäftsführer des Future Institute for Sustainable Transformation habe ich viel über Recycling, nachhaltige Baustoffe und Effizienzgewinne gelernt. Davon profitiere ich heute.“
Marie Sutter

Co-Leadership: Marie Sutter und ihr Bruder Philipp bereiten sich beide auf ihre neuen Rollen vor. Marie kümmert sich um Personalwesen und Unternehmensführung, ihr Bruder um die Ware.
Bildquelle: Food Akademie Neuwied
Die Leidenschaft für den Lebensmittelhandel hat Marie schon als Jugendliche gespürt. Ihr Vater Frank erinnert sich: „Für Marie stand schon früh fest, dass ihre berufliche Zukunft im Handel liegt. Schließlich war ihr Laufstall unser 800 Quadratmeter großer Edeka-Markt in Buggingen.“ Heute betreiben Frank und Katja Sutter insgesamt drei Standorte im Markgräflerland. Mitarbeiten war für Tochter Marie immer selbstverständlich. „Selbst einen Tag vor dem Mathe-Abitur habe ich kurzfristig an der Kasse ausgeholfen, weil es einen Engpass gab“, erzählt die 22-Jährige.
Mit dem Abi in der Tasche ist sie von Freiburg nach Hamburg gezogen und hat beim Edekaner Volker Klein bis Juli den „Integrierten Handelsfachwirt“ absolviert und dabei viel praktisches Wissen erlernt. Bis zum Beginn des Studiums arbeitet sie noch auf einem Kreuzfahrtschiff im Vertrieb und Verkauf. Ihr Vater Frank freut sich für sie: Seine Tochter sammelt wertvolle Erfahrungen, sie kommt zum Beispiel mit Menschen aus 45 Nationen zusammen. Maries nächste Station heißt Wirtschaftspsychologie in Hamburg: „Der Studiengang ist für das Personalwesen und die Führung im Unternehmen spannend.“
Was sie im Familienbetrieb ändern will? Bis dahin gebe es sicher noch technische und Software-Entwicklungen, gerade auch mit KI, mutmaßt sie, das müsse man dann bewerten. Wenn sie nach dem Studium ins elterliche Unternehmen zurückkehrt, freut sie sich auf ihren Bruder Philipp an ihrer Seite: Der 19-Jährige macht ein duales Studium bei Edeka Ueltzhöfer in Heilbronn, im Studiengang Food Management.
Julian Trabold

Ein Auslandssemester in England machte Julian Trabold deutlich: Die Lehre dort ist viel praxisnäher. Er brach sein BWL-Studium ab.
Bildquelle: Edeka Frischemärkte Trabold
Sei in Gremien von vornherein dabei. Dann kannst du viele Dinge mitbestimmen und implementieren.“ Das hat Marco Trabold seinem Sohn Julian mitgegeben. So engagiert sich der Junior in der Edeka-Region Nordbayern in der Gruppe Kontinuierlicher Verbesserungsprozess IT und Warenwirtschaft (KVP IT & WAWI), er ist Mitglied in der nationalen Erfahrungsaustausch-Gruppe ERFA und wechselt in Kürze vom Vorstand des Juniorenkreises der Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen in den Jungkaufleute-Kreis der Region.
In die Handelswelt gestartet ist Julian Trabold bei Kaufmannsfamilie Hieber. Dort absolvierte er das Abiturientenprogramm „Handelsfachwirt integriert“ mit der Food Akademie in Neuwied, bevor er bei Kaufmann Kels arbeitete. Im Januar 2020 kam er zurück und durchlief alle fünf Märkte im Familienunternehmen – von der Leergutannahme bis zur Marktleitung. „Es war richtig, an der Basis zu arbeiten, das kam auch bei den Mitarbeitern gut an“, blickt der 31-Jährige zurück. Seit Februar 2024 ist er – zunächst mit einer Minderheitsbeteiligung – Teil der Geschäftsführung und treibt die Bereiche Marketing, Digitalisierung, Märkte und Technik voran.
Um sich in seiner neuen Führungsrolle schnell zurechtzufinden, besucht er Einzel-Workshops mit einem Business-Coach. „Das Coaching hilft mir, meine Rolle in der Geschäftsführung und als Führungskraft klarer zu sehen und besser mit schwierigen Situationen umzugehen“, ist er überzeugt.
Jakob Wehrmann

Immer am Puls der Zeit: Jakob Wehrmann versprüht gute Laune. Nach dem Abitur hat er ein Praktikum in Irland und Amerika gemacht – bei Tente, die Rollen für Einkaufswagen produzieren.
Bildquelle: Edeka Wehrmann
Ob Händler sein Traumberuf war? Jakob Wehrmann überlegt einen Augenblick: Er wäre auch gern professioneller DJ. Schließlich hat er sich mit der Musik bereits ein Standbein aufgebaut. Und auf der Hochzeit von H.P. Baxxter und seiner Frau Sara in der Sansibar auf Sylt aufgelegt. Aber jetzt liegt sein Fokus voll auf Einzelhandel. Der 26-Jährige ist seit drei Monaten stellvertretender Marktleiter im E-Center Wehrmann in Kirchlengern. „2.050 Quadratmeter Verkaufsfläche, 85 Mitarbeiter“, berichtet er, „und anders als die Standorte, an denen ich bisher gearbeitet habe.“
Er hat im Unternehmen Hieber die Ausbildung absolviert, danach in Hamburg Wirtschaftspsychologie studiert. Zu Hause am Esstisch der Familie Wehrmann war die Arbeit im Handel immer mal ein Thema, aber nicht der Dauerbrenner. Vielleicht hat sein Vater Heinrich Peter Wehrmann es genau so geschafft, dass vier seiner fünf Kinder heute im Handel arbeiten: Julia und Johannes sind schon in der Geschäftsleitung des Familienunternehmens mit sieben Standorten. Schwester Greta absolviert das dritte Lehrjahr bei Edeka Sutter.
Wenn Jakob perfekt eingearbeitet ist, möchte er im Unternehmen einen Markt leiten oder in der Wehrmann’schen Zentrale tätig sein, vielleicht im Personalwesen. Er muss sich auch nicht komplett von der Musik lösen, so sorgt er auf den MLF-Tagungen für den richtigen Vibe auf der Tanzfläche. Außerdem tüftelt er an Ideen, wie er die Obst- und Gemüse-Abteilung zum Dancefloor umfunktionieren kann. „Mama geht tanzen“ ist ein Hit auf Social Media. Warum sollte das nicht auch im Supermarkt funktionieren?
Niklas Wiem

Keine Berührungsängste, auch nicht, was die Konkurrenz betrifft: Niklas Wiem hat bei Rewe Lenk mitgearbeitet.
Bildquelle: Rosendahl
Große Veränderungen im Unternehmen sind von Niklas Wiem nicht zu erwarten: „Mein Ziel ist es, herauszufinden, wie ich das elterliche Unternehmen am besten unterstützen kann.“ Niklas Wiem schaut auf den Familienbetrieb Edeka Niemerszein in Hamburg, der dieses Jahr 60-jähriges Jubiläum feiert, „mit Ehrfurcht und Demut“. Der 24-Jährige ist Sohn von Andrea und Volker Wiem, Tochter und Schwiegersohn des kürzlich verstorbenen Firmengründers Dieter Niemerszein.
Niklas ist seit Herbst an Bord, freut sich darauf, alle neun Standorte und die mehr als 500 Mitarbeiter kennenzulernen. Nach seiner Ausbildung bei Edeka Frauen hat er bei Edeka Brehm in Berlin sein Junioren-Aufstiegsprogramm“ und „Fachkraft Personal“ absolviert. „Das Personalthema ist spannend, es wird in den Märkten immer präsenter“, weiß der 24-Jährige. Unter dem Motto „Ein Gelber will mal Rot sehen“ hat der Edekaner einen Monat lang ein Praktikum bei Rewe Lenk gemacht. Ein großer Spaß, weil er mit den Lenk-Söhnen Fabian, Philipp und Moritz zusammenarbeiten konnte.
Außerdem durfte er einen Monat Einblicke ins Unternehmen Hieber bekommen, sogar einen Tag lang Seniorchef Jörg Hieber begleiten. „Ich bin tief beeindruckt von den Hiebers“, lautet sein Resümee. Was er zu Hause in Hamburg möglicherweise ändern will? „Vielleicht kann ich auf Dinge hinweisen, die einem im Nebel des hohen Nordens vorher verborgen geblieben sind.“
Prof. Dr. Christina Hoon, Uni Bielefeld
Christina Hoon hat einen Lehrstuhl für Unternehmensnachfolge. Sie weiß: Es geht immer „um Geld, Macht und Liebe“.
„Co-Leadership für die nächste Generation“
Sie beschäftigen sich aus wissenschaftlicher Sicht mit der Nachfolge. Wie hat sich der Übergabeprozess verändert?
Viele Familien entwickeln individuellere Formen der Nachfolge, als es die Elterngeneration getan hätte. Das betrifft die frühere Überzeugung, dass „einer den Hut aufhaben muss“. Und die Haltung, dass man „schwimmen nur im Wasser lernt“.
Der Patriarch entscheidet nicht, welches Kind nachfolgt?
Heute herrscht eher die Überzeugung vor, dass ein einziger Kopf nicht ausreicht, um ein Unternehmen in die nächste Generation zu führen. Und dass sich mit zwei Köpfen und vier Schultern die Verantwortung für das Familienunternehmen besser tragen lässt. Für ein solches Co-Leadership spricht, dass Geschwister gemeinsam unterschiedliche Stärken einbringen können, indem beispielsweise einer analytisch ist und der andere strategisch, kommunikativ und kreativ.
Und wie lernt man besser schwimmen?
Die künftige Führungskraft wird schrittweise in ihre Rolle eingeführt – durch gezielte Lernphasen, Begleitung und klare Verantwortungsübergaben. So finden Nachfolger in ihre Rolle und können typische Fehler vermeiden, von übereilten Entscheidungen über Kommunikationspannen bis hin zu Reibungen im Team und in der Familie. Für den Übergang nehmen Eltern und Kinder die Geschäftsführung gemeinsam in die Hände, dann ziehen sich die Senioren zurück.
Das Interview führte Heidrun Mittler


