Brexit Sorgenkind Europas

Die Abstimmung zum EU-Austritt wird sich jahrelang auf Großbritanniens Einzelhandel auswirken. Selbst im optimistischsten Szenario ist von verunsicherten Verbrauchern, inflationärem Druck und steigender Arbeitslosigkeit auszugehen, befürchtet Boris Planer von Planet Retail.

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Dass das britische Referendum über die EU-Zugehörigkeit am 23. Juni knapp ausgehen würde, war schon Monate vor der Abstimmung offensichtlich. Dass am Ende tatsächlich eine Mehrheit für den Brexit zustande kam, war dennoch ein Schock und kam für die meisten Beobachter völlig unerwartet. Die Finanzmärkte reagierten umgehend, das britische Pfund fiel noch am Tag der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses auf ein Dreißigjahrestief. Noch am gleichen Tag kündigte Premierminister Cameron seinen Rücktritt an. Während der britische Finanzsektor unmittelbar unter Druck geriet, beginnen für den Einzelhandel die eigentlichen Probleme mit dem Offenbarwerden des Ausmaßes der Unsicherheit über die Zukunft des Landes. Denn während die britische Regierungselite sich in Grabenkämpfen verbeißt, ein neuer Premierminister nicht in Sicht ist und die führenden Repräsentanten der Leave-Kampagne planlos wirken und es ablehnen, Regierungsverantwortung zu übernehmen, ist die Zukunft des britischen Wirtschaftsraums unklar. Unsicherheit über Rahmenbedingungen aber ist Gift für die Wirtschaft – und dies gilt in ganz besonderem Maße für den Einzelhandel, für den im 21. Jahrhundert offene Grenzen essenziell sind. Die britischen Verbraucher werden auf die resultierende Angst vor Jobverlusten mit Sparsamkeit reagieren; im Jahr 2017 dürften die Einzelhandelsumsätze 2017 real um 3 Prozent einbrechen. Im Anschluss daran erwarten wir eine moderate Erholung, unterbrochen allerdings von einem weiteren Ausreißer nach unten im Jahr 2019, wenn der Brexit nach einer zweijährigen Übergangsphase Realität wird. Im Jahr 2020 sollte der britische Einzelhandel nominal um 6 Prozent kleiner sein, als er es ohne den Brexit gewesen wäre.

Nach dem Vollzug des Brexit wird die Bevölkerung der Europäischen Union um 12,9 Prozent geschrumpft sein, die Wirtschaft um 16,6 Prozent und der Einzelhandel um 18,3 Prozent. Optimistische Betrachter könnten einwenden, dass Großbritannien und die EU nach Abschluss der Austrittsverhandlungen hoffentlich weiterhin Teil einer gemeinsamen Freihandelszone sein werden. Tatsächlich wäre ein solches Ergebnis das bestmögliche.

Es gilt allerdings zu beachten, dass es auf Seiten der EU wenig Bereitschaft geben dürfte, Großbritannien einen großzügigen Pakt zu gewähren – schon allein deshalb, weil auf einem instabil wirkenden Kontinent nicht weitere Länder und Regionen zu einem Austritt ermutigt werden sollen. Außerdem würde bereits ein Nein aus einem von 27 Mitgliedsstaaten ausreichen, um einen EU-Kompromiss mit Großbritannien platzen zu lassen, was die britischen Nachbarn im schlimmsten Fall auf WHO-Handelsregeln zurücksetzen würde. Es gibt keinen Anlass, das bestmögliche Post-Brexit-Szenario fest einzuplanen.

Für Einzelhändler und ihre Lieferanten mit ihren internationalen Lieferketten folgt daraus, dass sie für alternative Szenarien planen müssen. Kein britischer Lebensmittelhändler kann es sich leisten, sich in einem Umfeld mit schwacher Währung, hoher Inflation und dem zusätzlichen Risiko global anziehender Rohstoffpreise darauf zu verlassen, auch ab Ende 2018 ohne Handelshemmnisse europäische Waren einführen zu können. In diesem Kontext lohnt es sich, darauf hinzuweisen, dass 39 Prozent der in Großbritannien verkauften Lebensmittel importiert sind – die meisten davon aus der EU. Man muss deshalb davon ausgehen, dass britische Händler ihre Lieferketten mit Tempo auf nationale Konsumgüterhersteller und Landwirte umstellen werden. Sicher wird sich das Bild in den dortigen Supermarktregalen nicht über Nacht radikal ändern. Einen schleichenden Prozess, der sich über die nächsten zwei Jahre erstreckt und ab Anfang 2017 spürbar beschleunigt, kann man hingegen sehr wohl erwarten.

Zur Person

Boris Planer ist Retail Analyst beim Marktforschungsunternehmen Planet Retail. Mit oder ohne Brexit, sagt er, werde der britsche Einzelhandel schrumpfen, der Austritt aus der EU die Situation aber verschärfen

Auch auf dieser Seite des Euro-Tunnels werden Einzelhändler ihre Lieferketten streng unter die Lupe nehmen. Bei dieser Gelegenheit werden sie sicherlich auch das größte Risiko im Zusammenhang mit dem Brexit berücksichtigen: dass er nur der Anfang einer großflächigeren Fragmentierung Europas gewesen sein könnte. Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass auch Frankreich, die Niederlande, Finnland und Dänemark – sowie Schottland, Katalonien und Südtirol als Regionen – ihre eigenen Unabhängigkeitsreferenden ansetzten werden. Sollte zudem die europäische Flüchtlingskrise wieder aufleben, könnte der Grenzverkehr in Südeuropa bis hinauf nach Italien und Österreich unmittelbar betroffen sein.

In anderen Worten: Lebensmittelhändler auf dem europäische Festland werden, angestoßen durch den Brexit, die kommenden Jahre dazu nutzen, ihre Lieferketten langfristig krisenfest aufzustellen. Was das konkret für ihre Lieferanten bedeutet, wird sich schon bald abzeichnen.