Bildquelle: Beemster, Bettina Röttig, Martin Hangen

Tierwohl Eine Frage der Haltung

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Sie sind ein Garant für hohe Einschaltquoten, verkaufte Auflagen und große Emotionen: Skandal-Berichte aus der Nutztierhaltung werfen immer häufiger ein schlechtes Licht auf die Lebensmittelbranche.

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Tierwohl wird somit zum Profilierungsthema. Aber wie ist es tatsächlich um die Tierhaltung in Deutschland bestellt? Was wird unternommen? Und wofür zahlt der Verbraucher?

Mit 15 hat man noch Träume. Für jugendliche Tierliebhaber, die sich angesichts schwer verdaulicher Berichte über millionenfaches Schreddern fluffig-gelber, lebensfroher Küken oder der Bilder von Mastschweinen in überfüllten Ställen erstmals intensiv mit dem Thema beschäftigen, wie es zu Frühstücksei und Schnitzel kommt, und entsetzt sind über die Auswüchse der Massentierhaltung, ist dieser Traum folgerichtig: Sie wollen dann die Welt ein Stückchen besser machen und zum Vegetarismus oder noch besser Veganismus konvertieren. Denn klar ist: Je mehr Menschen das Fleischessen verweigern, desto weniger Tiere müssen produziert und getötet werden. Ernüchterung kommt, wirft man einen Blick auf die Entwicklung der Fleischbranche: So sehr der Entschluss zum Verzicht sich auch positiv auf das eigene Gewissen auswirken mag, so wenig hat er eine Wirkung auf den Markt. Dem rückläufigen Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande stehen wachsende Fleisch-Exporte gegenüber. Somit sind besonders Fleischess er gefordert, sollen Tierschutz und Tierwohl in der Nutztierhaltung garantiert werden.

Und tatsächlich, der Großteil der Bundesbürger (88 Prozent) hält es laut Ernährungsreport 2016 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für notwendig, dass der artgerechten Haltung von Nutztieren größere Beachtung geschenkt wird. Sensibilisiert sind sie vor allem durch die Berichterstattung von Tierschutzorganisationen. Die Vorwürfe sind bekannt: Massentierhaltung führt zu Verhaltensstörungen wie Federpicken oder Kannibalismus. Zur Lösung des Problems werden Hühnern und Puten die Schnäbel und Schweinen die Ringelschwänze kupiert. Auch die betäubungslose Kastration von Ferkeln, um zu verhindern, dass das Fleisch einen unangenehmen Geruch annimmt, und der prophylaktische Einsatz von Antibiotika wurden in den vergangenen Jahren immer häufiger von NGOs angeprangert.

Erhebliche Defizite
Doch auch von neutraler Stelle sieht das Fazit keineswegs entlastend aus. So bescheinigte der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (WBA) der Nutztierhaltung in Deutschland im Bereich des Tierschutzes „erhebliche Defizite“. In einem Gutachten vom März 2015 stellen die Experten fest: „In Kombination mit einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung führte dies zu einer verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung.“ Das wird für Landwirtschaft, Industrie und Handel zunehmend zum Problem.

Um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, muss sich also einiges ändern. Wer jedoch ist in der Pflicht? „Echter Tierschutz kostet Geld und braucht vor allem wirksame Rahmenbedingungen der Politik“, sagt Bioland-Präsident Jan Plagge. In den letzten Jahren seien aber hunderte Millionen Steuergelder in Stallbauten geflossen, die nie mehr für die tiergerechte Haltung – wie sie der Bio-Landbau etwa vormache – umgebaut werden könnten, kritisiert er. Dazu gehörten Schweine‧ställe auf Betonvollspalten ohne Auslauf, Hähnchenmastanlagen mit 40.000 Tieren und Milchviehställe ohne Auslauf und Weidegang.

Verbessernde Maßnahmen wurden in den vergangenen Jahren beispielsweise mit dem Verbot der Käfighaltung und Kleingruppenhaltung von Hühner (bis 2025) sowie der Ferkelkastration ohne Betäubung (ab 2019) eingeleitet. Ein Verbot des Tötens männlicher Eintagsküken, die zu wenig Fleisch ansetze, um als Masthähnchen verkauft werden zu können, lehnte die Regierungskoalition jedoch vor wenigen Wochen ab. Die Entwicklung der In-Ovo-Geschlechtsbestimmung (siehe Kasten auf Seite 23) soll das Töten bald überflüssig machen, denn dann greife das Tierschutzgesetz, wonach kein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund getötet werden dürfe. Neue Verbote seien somit nicht nötig, so die Erklärung von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Ob die Technik jedoch tatsächlich bis 2017 marktreif und auch für kleinere Brütereien finanzierbar ist, ist noch ungewiss.

Auf die Politik allein kann die Branche somit nicht setzen, daher sind Handel, Hersteller und Verbände selbst aktiv. So profilierte sich die Westfleisch SCE, einer der größten Schlachtkonzerne des Landes, bereits 2010 mit dem Programm „Aktion Tierwohl“. 120 landwirtschaftliche Betriebe erzeugten die Rohwaren für das Label-Programm, aus dem in drei Jahren rund 6 Mio. Packungen SB-Wurst und -Fleisch verkauft wurden. An den deutschen Käsetheken wirbt seit einigen Jahren die holländische Marke Beemster damit, Tierwohl in der Milchproduktion zu garantieren. Hierfür entwickelte die Molkerei Cono Kaasmakers unter anderem den sogenannten „Kuh-Kompass“ als Messinstrument für Tierwohl. Es ist Teil des Managementsystems für Nachhaltigkeit Caring Dairy. Geprüft wird unter anderem, wie viele Tage die Kühe auf der Weide stehen. Durchschnittlich 180 Tage Weidegang zu je zwölf Stunden erreichten die Bauern 2015. Für die Teilnahme am Weidegang sowie an Caring Da iry erhalten sie eine Prämie.

Neue Forderungen an Lieferanten
Auch der Lebensmittelhandel arbeitet an seinen Sortimenten und nimmt aktiv Einfluss. So hat die Rewe Group 2013 mit allen Lieferanten vertraglich vereinbart, dass die Besatzdichte bei Masthähnchen von 39 auf 35 und weiter auf 32 kg pro qm verringert werden muss. „Ebenso haben wir im Jahr 2013 im Rahmen unseres Pro-Planet-Projektes alle unsere zuliefernden Legehennenbetriebe verpflichtet, zusätzlich eine Herde mit Tieren zu führen, deren Hennen keine gekürzten Schnäbel haben. Als Ergebnis können wir heute sagen, dass wir mit unseren Lieferanten so gute Erfahrungen gemacht haben, dass wir bei Penny national Eier von Legehennen mit ungekürzten Schnäbeln anbieten können“, erklärt Daniela Büchel, Geschäftsleitung Vollsortiment HR und Nachhaltigkeit der Rewe Group. Zudem soll es bereits ab 2017 unter den Eigenmarken der Rewe nur noch Fleisch von nicht betäubungslos kastrierten Schweinen geben. Auch an regionalen Projekten zur Haltung von Schweinen mit lan gen Schwänzen beteiligt sich das Unternehmen, z. B. in Nordrhein-Westfalen.