Länderreport Sachsen-Anhalt:Zahlen geben den Takt vor

Bildquelle: Getty Images, AMG

Länderreport Sachsen-Anhalt Zahlen geben den Takt vor

Wie innovativ die Ernährungswirtschaft im Lutherland ist, zeigt unter anderem ein kulinarischer Wettbewerb.

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Die sachsen-anhaltinische Ernährungswirtschaft bündelte im Herbst 2016 ihre Interessenvertretung. Michael Heinemann, Vorsitzender des Sprecherrates, zum Zusammenschluss: „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, unsere Wettbewerbsfähigkeit durch mehr Innovationen auszubauen.“ Ähnlich formuliert es auch Jörg Bühnemann, Geschäftsführer der Agrarmarketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (AMG). „Das Vorantreiben von Innovationen wird immer wichtiger. Denn bei Innovationen geht es immer öfter um Prozesse, um Marketing und um Organisationsstrukturen und nicht mehr ausschließlich um neue Produkte.“

Zahlen geben den Takt vor. In Sachsen-Anhalt generiert das Ernährungsgewerbe neben der Chemiebranche den höchsten Umsatz. Beides sind wichtige Branchen. Da der Binnenmarkt – vor allem mit Lebensmitteln – gesättigt ist, gilt es neue Absatzmärkte zu erschließen. Das passt zum erklärten Ziel der Landesregierung: „Das Exportpotenzial der Unternehmen im Rahmen der Außenwirtschaftsförderung stärker zu mobilisieren und zu stabilisieren.“ Eine überaus wichtige Aufgabe, denn die ostdeutsche Exportquote liegt bei 38,2, die gesamtdeutsche Exportquote jedoch bei 49,9 Prozent. In Sachsen-Anhalt führt die chemische Industrie mit 44,7 Prozent (Stand 1. Quartal 2016) beim Export. Die des Ernährungsgewerbes liegt bei 17,1 Prozent. Hier sieht Bühnemann Potenzial.

Positive Zahlen gab es auf der diesjährigen Grünen Woche. 85 Aussteller aus Sachsen-Anhalt waren dort vertreten. Neben Bio-Produkten stand vor allem das Reformationsjubiläum im Mittelpunkt. So gab es Luther-Kuchen, Luther-Tee, Luther-Kaffee und Luther-Salami. Erstmals vergab Sachsen-Anhalt auf der Grünen Woche eine Auszeichnung für im Land hergestellte Bio-Produkte. Der Bio-Regionalpreis ging an die RezeptGewürz GbR aus Halle, die gefriergetrocknete Bio-Früchte für Müsli, Joghurt und Smoothies produziert.

Export forcieren
Der Exportanteil des Ernährungsgewerbes ist ausbaufähig. Es gilt alle Möglichkeiten auszuschöpfen und neue zu finden, um Produkte abzusetzen. Da kam die von der AMG initiierte Workshop-Trilogie zur rechten Zeit. Den Auftakt der Workshops machte das „Strategische Marketing“ unter Federführung der GfK. 17 Teilnehmer aus zehn Unternehmen folgten den Ausführungen und diskutierten rege. Im April 2017 stand Thema Nummer zwei auf der Tagesordnung. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Anhalt und dem ausgewiesenen China-Kenner Torsten Brumme ging es um den Export. Wissen ist unverzichtbar, doch Praxis ist das Kriterium der Wahrheit. Und so nahmen fünf Unternehmen aus Sachsen-Anhalt das Angebot zum Besuch der Messe Sial in China begeistert an. Eine gute Gelegenheit für die Unternehmer, den Markt kennenzulernen und mit potenziellen Interessenten ins Gespräch zu kommen. Organisator des Messebesuchs war die Investitions- und Marketinggesellschaft mbH (IMG) des Landes Sachsen-Anhalt. Im Spätsommer folgt der dritte Teil der Workshop-Trilogie. Dann dreht sich alles um das Thema Innovationen. Das in den drei Workshops erlernte Wissen werden die Unternehmen auf der Anuga anwenden. Denn in Zusammenarbeit von AMG und IMG wird es einen Länderabend für ausländische Firmen geben. Unternehmen aus Sachsen-Anhalt haben hier die Möglichkeit, ihre Produkte vorzustellen, Kunden zu akquirieren und Verträge abzuschließen.

Innovationen initiieren
2016 kündigte Jörg Bühnemann die weitere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft an. Da für ihn „die AMG Dienstleister für das gesamte Ernährungsgewerbe, die Landwirtschaft und die Ernährungsindustrie ist“, ist auch hier in nur wenigen Monaten viel bewegt worden. Drei Studien wurden durchgeführt. Mit der HS Merseburg wurden die Export-Hemmnisse analysiert. Das Ergebnis lässt sich mit den Schlagworten: mangelhaftes Verständnis für die Notwendigkeit des Exports, Fehlen ausreichender Ressourcen, aber auch mit komplizierten und schwer verständlichen Angeboten beschreiben. Das daraus abgeleitete Ziel besteht im gemeinschaftlichen Handeln zur Risiko-Minimierung.

15 goldene Sterne

Auf die Teilnehmer des Wettbewerbs „Kulinarischer Stern Sachsen- Anhalt“ warten 15 goldene Sterne. Eine Fachjury bewertet 132 Produkte in 15 Produktgruppen und ermittelt je einen Gewinner. Mitte Juni ist die Preisverleihung in Magdeburg.

Mit der Universität in Magdeburg wurden zwei weitere Arbeiten durchgeführt. Die erste Studie analysierte den Export des Landesweinguts Kloster Pforta. Die zweite Aufgabe erstellte einen Businessplan für die Regionalmarke „Typisch Harz“. Das Ziel besteht darin, einen gemeinsamen, firmenübergreifenden Hofladen und Webshop zu konzipieren. Mit der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg wurde eine halb automatische Anlage für die Obstbrennerei Kullmann & Sohn entwickelt. Mit ihr kann der überschüssige Rohalkohol verarbeitet werden. Das ist wichtig, denn jahrzehntelang stützte der Staat Schnapsbrennereien und kaufte Rohalkohol zu einem festen Preis ab. Damit ist Schluss. Viele Betriebe versuchen mit innovativen Produkten nun neue Märkte zu erschließen. Aus Sachsen-Anhalt etwa kommt der weltweit erste Wodka aus Äpfeln. Vorgestellt wurde er auf der Grünen Woche. Unterstützend untersuchten die Studenten die betriebswirtschaftliche Situation rund um den Apfel-Wodka.

Im aktuellen Semester wird die Umstellung eines landwirtschaftlichen Betriebes auf biologische Landwirtschaft untersucht. In ihr kommen alle betriebswirtschaftlichen Aspekte auf den Prüfstand, wenn man so will eine Machbarkeitsstudie. Darüber hinaus sucht die AMG nach Möglichkeiten, die Mitgliedsfirmen beim Export zu unterstützen. Es gibt Fördermöglichkeiten, doch das Angebot an ähnelt einem Dschungel und ist für Laien undurchdringbar und schwer verständlich. Ein Lotse könnte da für die Unternehmen hilfreich sein.

Direktvermarktung fördern
Auch für die Direktvermarkter ist die AMG erster Ansprechpartner im Land. Das im März von der Agrarmarketinggesellschaft initiierte und durchgeführte Tages-Seminar besuchten rund 80 Firmen. Für Bühnemann ist die wichtigste Aufgabe die Beratung der meist kleinen Unternehmen. Ziel des ersten Projektes ist es, ein Informationssystem zu schaffen. Eine interaktive Karte mit Benennung aller im Bundesland und im Umkreis von nur wenigen Kilometern in den angrenzenden Bundesländern liegenden weiter verarbeitenden Firmen für Fleisch, Milch, Obst und Gemüse. Es geht darum, die Firmen nicht nur aufzulisten; das System gibt auch Auskunft über freie Kapazitäten. Und zwei weitere Aufgaben sind definiert: Die AMG wird die Direktvermarkter bei Marketingmaßnahmen unterstützen, und sie wird einen Leitfaden für die verschiedenen Sortimente der Ernährungsbranche erstellen, der Auskunft über alle Standards und gesetzlichen Anforderungen gibt. Das Besondere daran: Er beschreibt Gesetzesinhalte allgemein verständlich.

Ein neuer Wettbewerb, eine neue Auszeichnung, eine eindeutige Aussage: Lebensmittel aus Sachsen-Anhalt sind von ausgezeichneter Qualität. Sicher – das behauptet jede Firma von ihren Produkten. In der Werbung. Auf der Verpackung. Auf der Website. Doch um als Sieger des Wettbewerbs „Kulinarisches Sachsen-Anhalt“ hervorzugehen, bedarf es mehr als nur schöner Worte. Eine unabhängige Fachjury entscheidet, welches Produkt die Auszeichnung „Kulinarischer Stern 2017“ tragen darf. Schirmherr des Wettbewerbs ist der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff. Alle Firmen mit Sitz in Sachsen-Anhalt durften mit bis zu drei Produkten insgesamt in 15 Produktgruppen am Wettbewerb teilnehmen. Zum Auftakt wurden 132 Produkte aus über 70 Unternehmen für die Auszeichnung eingereicht.

Zur Teilnahme war der Fragebogen vollständig auszufüllen, ein Produktmuster einzureichen und die Teilnahmegebühr zu entrichten. Wer die Vorgaben erfüllte, schaffte es in die Jurysitzung. Die Jury setzt sich aus Marketingprofis, Sensorikern, einem Sterne-Koch und Lebensmitteltechnologen zusammen. Am 14. Juni 2017 werden die Auszeichnungen – je Produktgruppe ein Produkt – im Rahmen einer Galaveranstaltung im Palais am Fürstenwall in Magdeburg von Ministerpräsident Reiner Haseloff persönlich vergeben.