Marktrundgang 800.000 Euro für den Neustart – so hat der Superbiomarkt in Münster eine Aldi-Fläche verwandelt

Hintergrund

Superbiomarkt hat das Schutzschirmverfahren überwunden, sich konsolidiert und erweitert nun wieder sein Filialnetz. In Münster-Gremmendorf setzt Vorstand Luca Radau auf einen strategischen Standort.

Dienstag, 01. September 2026, 07:40 Uhr
Bettina Röttig
Artikelbild 800.000 Euro für den Neustart – so hat der Superbiomarkt in Münster eine Aldi-Fläche verwandelt
Das Unternehmen verzichtet auf Selfscanning-Kassen und setzt auf den persönlichen Kontakt an der Kasse.
In einem ehemaligen Aldi-Markt in Münster-Gremmendorf hat Superbiomarkt seine 7. Münsteraner Filiale eröffnet. Bildquelle: Peter Eilers

Die für Münster so typische rotbraune Klinkerfassade am Albersloher Weg 550 ist noch dieselbe wie Ende 2025. Doch wo zuletzt das kühl anmutende Logo von Aldi Nord prangte und Kunden auf der Fläche auf Hektik und Discount-Flair trafen, sollen nun warme Farben, Bedienungstheken und eine „Wohnzimmer-Atmosphäre“ Kunden davon überzeugen, ihren Einkauf auf Bio umzustellen. Die Superbiomarkt-Filiale in Münster-Gremmendorf ist die erste, für die Luca Radau in seiner Rolle als alleiniger Vorstand des Biohändlers verantwortlich zeichnet. Erst Anfang des Jahres hatte er das Zepter offiziell von seinem Vater und Firmengründer Michael Radau übernommen. Der neue Markt ist vor allem von strategischer Bedeutung, wie Luca Radau beim Besuch der Lebensmittel Praxis erklärt. So handelt es sich um die erste Neueröffnung seit der Sanierung des Unternehmens. Sie sendet ein wichtiges Signal in die Branche: Superbiomarkt startet neu durch.

Standort besetzen

Mit der siebten Filiale rund um den Stammsitz in Münster verteidigt Radau zudem lokal eine Linie. „Wir kannibalisieren uns ein Stück weit, aber kommen anderen großen, nationalen Biohändlern zuvor“, sagt Radau. Letzteres ist entscheidend, denn Gremmendorf ist ein aufstrebender Stadtteil. Auf mehr als 50 Hektar der ehemaligen York-Kaserne sollen neben Wohngebäuden und Büros eine Grundschule, mehrere Kindertageseinrichtungen und ein Bürgerpark entstehen. Die Stadt rechnet laut Radau mit rund 5.000 zusätzlichen Einwohnern. Damit werde Gremmendorf der bevölkerungsreichste Stadtteil „und für uns ein wichtiger Standort mit Perspektive“. Künftig werden eine Edeka- und eine Lidl-Filiale den Wettbewerb vor Ort verschärfen. Discounter Aldi Nord räumte nicht das Feld, sondern zog in ein ehemaliges Rewe-Center wenige Hundert Meter entfernt. Umso wichtiger, dass der neue Superbiomarkt sich schnell etabliert und eine große Stammkundschaft aufbaut. 

Umbau zum Wohlfühlort

Den Umbau von der Discount-Fläche zum Bio-Vollsortimenter ließ sich das Unternehmen rund 800.000 Euro kosten. „Es war eine klassische, eher einfache Verkaufsfläche mit weißen Paneelen und hohen Gängen“, erinnert sich Radau. Das Unternehmen investierte vor allem in die Thekenbereiche, in Abwasser- und Bodenabläufe, in die Sanitärtechnik sowie ein neues Kunden-WC. Zudem wurde die Decke geöffnet, obwohl vorher nicht klar war, wie es dahinter aussah. Der höhere und luftigere Verkaufsraum war das Risiko wert. „Den Boden haben wir gelassen, weil er in vernünftigem Zustand war und wir nicht überall neu investieren wollten.“ Deckenelemente aus Holz und Beschriftungen auf Wellpappe zeigen, dass Nachhaltigkeit Bedeutung hat.

Der Start mit 1.300 Bons am Eröffnungstag war immerhin der stärkste der Unternehmensgeschichte. „Wir werden hier nicht eins zu eins die alte Kundschaft von Aldi in den Markt locken“, weiß der Chef. 

Superbiomarkt, Albersloher Weg 550, 48167 Münster-Gremmendorf

Eröffnet 3/2026
Verkaufsfläche 673 qm
Artikel rund 9.000
Mitarbeiter (Köpfe) 23
Öffnungszeiten Markt und Theken 8 bis 20 Uhr
Bäckerei 8 bis 20 Uhr
Sitzplätze Café innen/außen 20/16
Parkplätze 48
Kaufkraft am Ort 99,9*
Durchschnittsbon inkl. Super-Bio-Bäcker 16,70 Euro
Investition 800.000 Euro
Rücknahmeautomaten 1

* Kaufkraftindex 100 = 30.555 Euro. Die durchschnittliche Kaufkraft pro Kopf in Münster lag 2025 bei 29.922 Euro. Der Index gibt an, wie hoch die finanziellen Mittel der Bevölkerung sind, um Güter und Dienstleistungen zu erwerben. Quelle: Wirtschaftsförderung Münster

Fokus auf Marken

Eine Herausforderung: Die Sparneigung der Verbraucher sei überall spürbar. Radau will als Fachhändler mit Fachkompetenz und Preis-Leistung überzeugen. Rund 400 Produkte finden Kunden unter der günstigeren Handelsmarke Bioladen von Bio-Großhändler Weiling. Eine Handvoll Produkte – Wein, Sekt sowie Gewürze – tragen das eigene Label. Eine Ausnahme. Denn die regionale Kette sei zu klein, um hier die nötigen Volumina zu bewegen, damit Kostenvorteile generiert würden. Und: „Wir verstehen uns als Fachmarkt für Marken“, gibt Radau ein klares Statement. Sie machen den Großteil des 9.000 Artikel starken Sortiments aus.

Marktleiterin Binia Helén, die während des Gesprächs dazustößt, sieht einen wichtigen Profilierungsfaktor darin, „dass unsere Kunden hier wirklich wie Besucher zu Hause empfangen werden. Der Markt soll unser Wohnzimmer, die Frische erlebbar sein. Das ist unser Herzstück.“ Das Unternehmen macht im Schnitt rund die Hälfte seines Umsatzes in den Märkten mit Käse, Wurst und Fleisch in Bedienung, mit der Bäckerei und dem Obst- und Gemüsebereich. Dass diese Strategie auch in Gremmendorf ankommt, zeigte sich schon zur Eröffnung. „Viele Kunden sagten uns, sie kommen vor allem wegen der Frischetheken“, berichtet der Unternehmer.

Sozialer Treffpunkt

Der Bäckerei mit Gastronomiebereich in und vor dem Markt kommt in Gremmendorf eine besondere Bedeutung zu. „Es gibt hier im Umfeld wenig Cafés oder Restaurants. Deshalb wird der Bereich auch als Rückzugsmöglichkeit gut angenommen. Wir haben sogar eine kleine Kinderecke geschaffen“, so Radau. Der Gastrobereich setzt auf Eigenproduktion. Quiches, Suppen, belegte Stullen und Brötchen stellt das Team selbst her. Ein großes Mittagstischkonzept ist nicht vorgesehen, dafür sei der Standort zu klein. Kooperationen mit lokalen Bäckern ergänzen das hauseigene Angebot.

Das Stichwort Regionalität fällt im Gespräch immer wieder. „Wir versuchen, die Wege möglichst kurz zu halten, und arbeiten mit lokalen Sortimenten für die einzelnen Standorte.“ Bei Kartoffeln, Eiern oder dem Brot regionaler Bäcker lasse sich das gut umsetzen. Das Fleisch in der Bedienungstheke liefert Partner Biofleisch NRW, erklärt Radau. 100 Prozent des Frischfleischs und 95 Prozent der Wurst in Bedienung stammen von der Genossenschaft, deren größter Partner Superbiomarkt sei. Alle Seiten profitierten von den langfristigen Verträgen. Als die Preise für konventionelles Rindfleisch in die Höhe geschossen seien, hätten die Preise für Biofleisch bei dem Biohändler teils sogar daruntergelegen, erzählt der Vorstand sichtlich stolz.

Rund um das Kosmetikangebot hat sich Superbiomarkt an eine Neuerung gewagt: „Wir haben erstmals eine gemischte Naturkosmetik- und Drogerieabteilung. Wir setzen auf zertifizierte Naturkosmetik als Profilierungssortiment mit namhaften Marken wie Dr. Hauschka, verzichten hier aber auf die zusätzliche Zertifizierung der Abteilung.“ Rund 2.000 Produkte umfasst das Drogeriesortiment vor Ort. Um die Abverkäufe von Naturkosmetik zu fördern, betreibt der Markt Aufklärung, die überrascht: Regalwobbler und Bodenaufkleber weisen in der Obst- und Gemüse- sowie der Getränkeabteilung auf Pflegeprodukte hin, die Zutaten wie Zitrusfrüchte oder Bier beinhalten. Eine solche Kommunikation ist niederschwellig. Und soll zu Zusatzumsätzen führen.

Ein für den Händler zentraler Service: „Wir arbeiten mit stillen und aktiven Verkostungen in allen Bereichen“, erklärt Radau. Besonders bei der Bäckerei, an der Frische­theke und im Getränkebereich lasse sich so unmittelbar erlebbar machen, was das Sortiment ausmacht: „So können wir unseren Mehrwert transportieren.“

Während des gemeinsamen Marktrundgangs und Interviews werden Marktleiterin und Vorstand immer wieder von Kunden angesprochen. In den familiären Gesprächen wird klar: Dies ist ein Nachbarschaftsladen mit Anspruch, der Bio, Regionalität und persönliche Beratung zusammendenkt. Und Menschen zusammenbringt. Das dürfte sich im wachsenden Ortsteil herumsprechen.

Drei Fragen an ... Luca Radau, Vorstand Superbiomarkt

Sie haben 800.000 Euro in den Umbau der ehemaligen Aldi-Filiale investiert. Worein?

Wir haben eine Kälteanlage mit CO₂-Technik, eine neue Klima- und Lüftungstechnik sowie einen Pfandautomaten installiert. Außerdem gibt es ein neues Kühllager. Photovoltaik ist noch nicht umgesetzt. Beim Vermieter ist das Thema aber platziert.

Warum verzichten Sie auf Selfscanning-Kassen?

Wir setzen bewusst auf den persönlichen Kontakt. Zudem ist das Thema Diebstahl ein Aspekt, der bei Self-Check-out mitgedacht werden muss. Wir entwickeln das Thema weiter, aber der Fokus liegt derzeit auf der stationären Kasse und der persönlichen Beratung.

Bio hat ein Teuer-Image. Wie gehen Sie damit um?

Bio-Lebensmittel waren in den vergangenen Krisenjahren am preisstabilsten. Das muss unsere Branche stärker hervorheben. Wir arbeiten nicht mit Streichpreisen, sondern mit unserem „Super-Bio-Preis“ – einem dauerhaft günstigeren Preis für ausgewählte Produkte des täglichen Bedarfs.

Bilder zum Artikel

Bild öffnen Das Unternehmen verzichtet auf Selfscanning-Kassen und setzt auf den persönlichen Kontakt an der Kasse.
Bild öffnen Cross-Selling-Ansatz: In Obst- und Gemüse- sowie Getränkeabteilung weisen Regalwobbler auf die natürlichen Zutaten hin, die in Naturkosmetikprodukten enthalten sind. Zum Beispiel Zitronen.
Bild öffnen Auch Bodenkleber machen auf die Inhaltsstoffe aufmerksam.
Bild öffnen Käse-Prepack ergänzt das Bedienungssortiment an der Theke.
Bild öffnen Rund 50 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Superbiomarkt im Schnitt mit Käse, Wurst und Fleisch, der Bäckerei und dem Obst- und Gemüsebereich.
Bild öffnen Die Bedienungstheken zählen zu den Aushängeschildern des Bio-Händlers. Je nach Bedarf können die Theken zu Prepack-Theken umgebaut werden.
Bild öffnen Mit Bioladen führt Superbiomarkt die Handelsmarke des Bio-Großhändlers Weiling.
Bild öffnen Rund 2.000 Produkte bietet Superbiomarkt in Gremmendorf in der Drogerieabteilung an.
Bild öffnen Der Fokus liegt auf den Naturkosmetikmarken wie Dr. Hauschka.

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