DRUCKEN

DM Schondorf am Ammersee Das grüne Lernprojekt

Bettina Röttig | 13. Mai 2016

Am Ammersee wagte sich die Drogeriemarktkette dm erstmals als Bauherr an ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept. Das Referenzobjekt dient als Testlabor für verschiedene technische Elemente und neue Baustoffe sowie als Signal an Vermieter und Lieferanten.

Anzeige

Schicke, exklusive Villen, Porsches, Luxus-SUVs: Dass die Kaufkraft in Schondorf am Ammersee deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt, zeigt sich schon beim Durchfahren der Straßen und Gassen des Luftkurorts im oberbayerischen Fünfseenland. Wer mehr Geld zur Verfügung hat, interessiert sich stärker für Nachhaltigkeitsthemen, heißt es immer wieder. Kein Wunder also, dass sich die Drogeriemarktkette dm für ihre erste Nachhaltigkeitsfiliale dieses Fleckchen Erde ausgesucht hat. Und tatsächlich: Der Großteil der Kunden kauft sehr bewusst ein und legt über alle Sortimente hinweg großen Wert auf Natürlichkeit, zieht Marktleiter Timo Becker knapp fünf Monate nach Eröffnung ein erstes Resümee.

Das passt zusammen, denn bereits der erste optische Eindruck der Filiale entspricht genau diesem Anspruch. Schon von Weitem fällt die geschwungene Fassade mit der Verschalung aus unbehandeltem Lärchenholz ins Auge. Die integrierten Beleuchtungselemente aus recyceltem Altglas machen den Bau auch in der Dämmerung zum Hingucker. Sämtliche Materialien der Gebäudehülle wie die Dämmung aus Seegras, die Unterkonstruktion und die Beplankung lassen sich wieder trennen und können bei Bedarf sortenrein recycelt werden. Ein wichtiger Punkt für dm. Denn obwohl das Unternehmen in Schondorf insgesamt zum dritten Mal als Bauherr auftritt, ist es dennoch Mieter und ermöglicht dem Eigner somit später einen unkomplizierten Rückbau des Gebäudes.

Neue Erfahrungen sammelt dm in Schondorf auch mit einer Fotovoltaik-Anlage, die rund 50 Prozent des Strombedarfs des Marktes erzeugt. Über ein Rigolen-Entwässerungssystem auf dem Dach und dem Parkplatz kann das Regenwasser im Boden versickern, sodass sich der natürliche Wasserkreislauf schließt.


Kern des Marktes ist das energieeffiziente Haustechnikkonzept, das sich schon vielfach bewährt hat. Die intelligente Klimatechnik, die dm seit 2011 bereits in rund 900 Märkten eingesetzt hat, verringert den CO2-Ausstoß um rund 33 Prozent. Die durchschnittliche Energieeinsparung liegt bei 26 Prozent.

Fakten im Fokus
  • Verkaufsfläche: 650qm
  • Mitarbeiter: 16 Köpfe
  • Artikel: 12.500
  • Kunden pro Woche: 4.000

zwischen Standardisierung und Individualität
„Starke 2 Mio. Euro“ ließen sich die Karlsruher ihren ersten Nachhaltigkeitsmarkt kosten, verrät Bauleiter Martin Auer (s. auch Interview. S. 30). Das Ziel: ein Referenzobjekt zu schaffen und einzelne Elemente auf ihre Multiplikationsfähigkeit zu testen. Denn die Erkenntnisse aus Schondorf fließen in die Planung und Umsetzung kommender Neu- und Umbauten ein. „Wir haben jetzt mehr als 1.700 Märkte in Deutschland. Entsprechend können wir nicht alles individuell entwickeln und gestalten“, erklärt er. „Wir können Architektur und Rohbau sowie Baumaterialien beispielsweise für die Fassade der Region anpassen und hierfür auch lokale Handwerkerfirmen einbinden. Unsere Stammhandwerker müssen sich aber auf Standards verlassen können – auch das ist nachhaltig.“ So bleibt die Fassade in Schondorf mit Lärchenholz aus der Region wohl eine einmalige, sehr standortspezifische Geschichte.

Zu den Elementen, die in Oberbayern erstmals getestet und bereits nach kurzer Zeit für multiplizierbar erklärt wurden, zählt die LED-Beleuchtung. Diese ermöglicht laut Auer sehr gute Einsparungen bei Energie- und Facilitymanagementkosten. Auch der neuartige homogene Kunststoffbelag soll ab Herbst bereits in weiteren Märkten zum Einsatz kommen. In der Erprobung seien noch Automatiktüren, Lichtsteuerung und andere Details.

Im Inneren unterscheidet sich die Nachhaltigkeitsfiliale kaum von anderen dm-Märkten. Die stützenfreie Rahmenkonstruktion kommt ohne Säulen und tragende Wände aus. Somit ließ sich der Innenraum flexibel gestalten. Unterschiede sieht man jedoch im Sortiment. Mit mehr als 15 m ist die Bio-Abteilung in Schondorf um 3 bis 4 m größer als im dm-Durchschnitt, erklärt Marktleiter Becker. Auch die Naturkosmetik-Eigenmarke Alverde sowie natürliche Wasch-, Putz- und Reinigungsmitteln kommen bei den Kunden gut an und werden prominent platziert.


Interview mit Marti  Auer

„Wir riechen gut und machen keinen Lärm“

Martin Auer, Leitung Bau bei dm Drogeriemarkt, erklärt, welche Ziele sich die Karlsruher für ihre Nachhaltigkeitsfiliale gesteckt haben, und welche Herausforderungen es zu meistern galt.

Herr Auer, die ersten Nachhaltigkeitsfilialen von verschiedenen Handelsunternehmen gibt es schon seit einigen Jahren. Warum hat es bei dm so lange gedauert?
Martin Auer: So lange ist eine provokante Frage. Wir sind seit vielen Jahren an der Fragestellung Nachhaltigkeit dran, haben in vielen bautechnischen Bereichen Nachhaltigkeitsmaßnahmen umgesetzt. Bisher waren wir aber immer „nur“ Mieter. In dieser Rolle gestaltet es sich sehr schwierig, beim Vermieter ein komplettes Nachhaltigkeitskonzept durchzusetzen und Einfluss zu nehmen auf den Rohbau eines Marktes. In Schondorf waren wir ausnahmsweise Bauherr und gleichzeitig Mieter. Die Erkenntnisse können wir künftig in Gespräche mit Vermietern einfließen lassen.

Bitte erklären Sie kurz Ihre wichtigsten Ziele in Bezug auf die Nachhaltigkeitsfiliale.
Wir wollten ein Konzept mit Leuchtturm-Charakter verwirklichen, das sich rechnet und aus dem wir Tranchen herausschneiden können, die wir auch in unseren Bestandsmärkten umsetzen können. Ziel ist es zudem, ein Signal nach außen zu senden, an Vermieter, aber auch an Lieferanten, Klima-Anlagenbauer, Architekten, Handwerker etc.

Welche Bedingungen haben Sie bei der Ausschreibung gestellt?
Wichtig war uns die Verortung. Wir haben wieder auf die alten Tugenden geschaut, haben Unternehmen aus der Region mit guten Referenzen beauftragt, die einen Ruf zu verlieren haben. Man hat gesehen, dass der Zimmermann mit Handwerkerehre gearbeitet hat. Diese guten Erfahrungen haben uns den Impuls gegeben, in verschiedenen Gewerken die Radien eher kleiner zu denken. Es war uns zudem wichtig, dass die Materialitäten aus der Region kamen. Wir haben kein Holz aus China verwendet, sondern aus dem bayerischen Wald, was uns dies im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit mehr wert war.

Mit welchen Herausforderungen hatten Sie zu kämpfen?
Überhaupt eine Genehmigung für Drogerie zu bekommen, war nicht ganz so leicht. Die Fragestellung der Innenstadtrelevanz ist immer problematisch. Aber ich sag’s mal ganz salopp: Wir riechen gut, machen keinen Lärm und werden immer wieder als Arbeitgeber ausgezeichnet. Daher gehören wir eher zu den Händlern, die auf dem Wunschzettel stehen. Weitere Herausforderungen waren die Topografie – der Hang musste erstmal abgetragen werden –, die Dämmung mit Seegras warf die Frage auf, ob es sich damit um einen experimentellen Bau handelt. Ob Feuchtigkeit aber z. B. chemische Veränderungen zur Folge haben könnte, das wissen wir aktuell noch nicht. Auch die Dämmeigenschaft wurde erstmal nur berechnet und muss sich noch weiter beweisen. Aber das Risiko hält sich in Grenzen, und alle Messungen deuten bisher darauf hin, dass das Konzept aufgeht.

Warum dennoch Seegras?
Unter dem Rückbauaspekt war dies der ökologischste Stoff, der auch noch finanziell abbildbar ist. Wir haben damit kein Verbundmaterial, die Bauteiltrennung ist somit kein Problem. Wir haben ei- nen eigenen Arbeitskreis, der sich übergeordnet für das Unternehmen dm mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Darüber haben wir die Schnittstellen im Griff.

Was übernehmen Sie von Schondorf?
Auf jeden Fall die LED-Beleuchtung. Bei der Implementierung des Beleuchtungssystems haben wir z. B. einen positiven Dreiklang: Wir haben den Einkaufspreis gesenkt, eine bessere Garantie, und wir haben außer der Reinigung nichts mehr mit der Wartung der Lampen zu tun. Der LED-Puk hält im Regelfall die Garantiezeit, und die Energieeinsparung beträgt zudem rund 15 Prozent. Auch den Bodenbelag werden wir übernehmen. Wir haben uns für einen homogenen Kunststoffbelag entschieden. Ein heterogener ist schwer zu entfernen. Dieser neue hingegen kann fast restlos entfernt und der Wiederverwertung zugeführt werden, ohne dass wir Abstriche in Sachen Komfort und Atmosphäre in Kauf nehmen müssen. Er ist zudem besser zu reinigen und günstiger. Dann sind wir noch in der Erprobung von Automatiktüren und anderen kleineren Details. Ein Zukunftsthema wird die Steuerung der Lichtanlage sein. Eine Feinsteuerung der Haustechnik haben wir auch vorgenommen. Sie wollen weitere Nachhaltigkeitsfilialen eröffnen.

Wo und wie werden diese aussehen?
Die nächste Nachhaltigkeitsfiliale ist ein Bestandsmarkt in der Berliner Innenstadt, der gerade umgebaut und wiedereröffnet wurde. Hier ging es also um die Frage des Erhaltens.

LPV GmbH

Am Hammergraben 14
56567 Neuwied
Tel.: +49 (0)2631 879-0
Fax: +49 (0)2631 879-201

Web: www.lebensmittelpraxis.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Angebotes darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages vervielfältigt oder verbreitet werden. Unter dieses Verbot fällt insbesondere auch die Vervielfältigung per Kopie, die Aufnahme in elektronische Datenbanken und die Vervielfältigung auf CD-ROM oder Online-Dienste.

All rights reserved. Reproduction or modification in whole or in part without express written permission is prohibited.

Noch kein Account? Registrieren!

Login