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Branchen-Umfrage zu Stevia Herantasten

Bettina Röttig | 22. Februar 2012

Die Ernährungsindustrie tüftelt mehr oder weniger aktiv an Konzepten mit Steviolglykosiden. Ein Überblick .

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Beobachten Sie noch oder verkaufen Sie schon? Die LEBENSMITTEL PRAXIS befragte Industrieunternehmen, inwiefern sie sich bereits aktiv mit Steviolglykosiden beschäftigen und welches Potenzial sie für die Süße sehen.

AfG
In die Warengruppe der Alkoholfreien Getränke hat die Süße richtig Bewegung gebracht, wobei die großen Konzerne noch in Lauerstellung sind und nicht alles preisgeben. Coca-Cola beispielsweise verwendet den Stevia-Süßstoff bereits in 30 Produkten weltweit und war in Frankreich mit der Marke Fanta Vorreiter in Europa. Was genau für Deutschland in der Marken-Schmiede entwickelt wird, will Sprecherin Stefanie Effner aber noch nicht verraten: „Wir können an dieser Stelle noch keine Marken nennen. Es werden Produkte sein, die nicht ausschließlich mit Stevia gesüßt sind, sondern mit einer Kombination bestehender Süßungsmittel. Eine Entscheidung fällt frühestens im Sommer diesen Jahres.“ An den Light- und Zero-Varianten soll aber unverändert festgehalten werden.

Wettbewerber PepsiCo hingegen hat sich schon aus der Deckung getraut. Derzeit wird die Distribution für die mit Stevia gesüßte Eistee-Variante „Lipton Ice Tea Green“ ausgebaut. „Wir wollen mit ‚Green’ ein natürliches Image transportieren“, sagt PepsiCo-Deutschland Geschäftsführer Jürgen Reichle. Dass die Wahl auf die unter Lizenz produzierte Eistee-Marke viel, war logisch. Zwar sei der Markt insgesamt gesättigt, allerdings gebe es im zuckerfreien Segment ein Wachstum, getrieben von Lipton Ice Tea No Sugar.

Nicht nur die „Big Player“ sind aktiv. So bietet die fritz-kola GmbH seit Dezember 2011 ihre Brause auch in einer Stevia-Variante an. Die Limuh GmbH, Hersteller von Kindergetränken, geht einen Schritt weiter: „Unser langfristiges Ziel ist es, nur noch Produkte mit Stevia-Süßung zu verkaufen“, sagt Geschäftsführer Christian Berentzen. Den Anfang macht Limuh Apfelsine, für das ab März die Distribution aufgebaut wird.

Eiscreme
Zurückhaltung in Sachen Stevia ist derzeit bei Herstellern von Eiscreme zu verzeichnen. Robert Augustin, Marketingleiter bei R&R Ice Cream hält die neue Süße für erklärungsbedürftig, „eine Euphorie ist bisher noch nicht spürbar“. Interessanter könnte Stevia für den Einsatz in den Produkten der Marke Nasch sein: Sie enthalten 30 Prozent weniger Fett bzw. Zucker und haben neben Gesundheitsbewussten auch Diabetiker als Zielgruppe. „Nasch-Eisrezepturen haben in Sensoriktests hervorragend abgeschnitten, allerdings warnen nach Medienberichten Diabetiker-Organisationen, da es zu Überdosierungen kommen könnte. Vor Produkteinführung sind also weitere Marktforschungsanalysen erforderlich“, sagt Augustin.

Backwaren
„Stevia ist für unsere Produkte völlig ungeeignet“: Werner Schulte, Geschäftsleitung Marketing und Vertrieb bei Kuchenmeister , führt für dieses Urteil vor allem die volumengebende Funktion von Zucker beim Backprozess an. Stevia habe eine bis zu 300-fach höhere Süßkraft, sei aber letztlich nichts anderes als ein natürlich gewonnener Süßstoff und kein volumengebender Zuckeraustauschstoff. Zurückhaltung auch bei Dr. Oetker : Interessant sei Stevia wegen der Möglichkeiten zur Zuckerreduzierung. Aber: „Aufgrund der sensorischen Eigenschaften – verzögerter Süßeeindruck mit lakritzartigem Beigeschmack – sehen wir derzeit nur eingeschränkte Einsatzmöglichkeiten“, heißt es aus Bielefeld.

Mopro
Zurückhaltung herrscht hierzulande derzeit auch noch bei den Herstellern von Molkereiprodukten. Der allgemeine Tenor: Es wird beobachtet, Konkretes gibt es aber noch nicht. Danone hatte die alternative Süßung bereits 2010 als erster Konzern in der EU bei einem Fruchtjoghurt verwendet. „Für Deutschland gibt es aber derzeit keine konkreten Pläne“, sagt Sprecherin Dr. Susanne Knittel. Zurückhaltend äußern sich auch die Privatmolkerei Bauer und Zott : Man beobachte den Markt, zu möglichen Neuheiten wolle man sich jedoch noch nicht äußern.

Bio-Produkte
Ganz offensiv für die Stevia-Süßung hat sich die Andechser Molkerei Scheitz eingesetzt. Steviolglykoside sind für Bio-Lebensmittel nicht zugelassen. Die Bayern preschten dennoch vor und brachten im Februar 2011 zwei mit Stevia-Tee gesüßte Joghurts auf den Markt, mussten diese jedoch zunächst wieder zurückrufen, da die Rechtslage nicht geklärt war. September 2011 kam schließlich grünes Licht vom Münchner Verwaltungsgericht. Dieses war nicht der Ansicht, dass Stevia-Tee ein zulassungsbedürftiges „Novel-Food“ sei.

Trotz dieses Etappensieges ist die Bio-Branche geteilter Meinung, was Stevia-Tee und Steviolglykoside betrifft. So regte Frankreich an, letztere in die Öko-Verordnung aufzunehmen. Barbara Scheitz, Geschäftsführerin der Andechser Molkerei Scheitz, hält den Einsatz von Bio-Steviolglykosiden in Bio-Produkten für in Ordnung: „Wir halten es für richtig, dass Lebensmittelzusatzstoffe nur äußerst zurückhaltend zugelassen werden. Es spricht jedoch nichts dagegen, ein wirkliches Bio-Steviolglykosid als schlichten Pflanzenextrakt für Bio-Produkte zuzulassen.“ Aber mit noch geringeren als den durch die EU empfohlenen ADI-Werten für konventionelle Produkte. „Die dort vorgesehene und zugelassen Süße liegt deutlich über dem, was wir für Bio-Produkte für sinnvoll halten.“

Die Mehrheit der deutschen Bio-Hersteller spricht sich jedoch gegen eine Zulassung von Steviolglykosiden aus, so etwa 59 Prozent der Mitgliedsunternehmen des Bundesverband Naturkost Naturwaren ( BNN ) Herstellung und Handel. Auch Bio-Pionier Dr. Franz Ehrnsperger, Inhaber der Neumarkter Lammsbräu , lehnt Steviolglykoside in Bio-Lebensmitteln ab. „Schon seit Jahren beobachten wir die Entwicklungen rund um Stevia. Für traditionellere Verfahren wie Tees fehlt noch eine rechtlich zuverlässige Basis. Deswegen sehen wir von entsprechenden Produktentwicklungen noch ab, bis die gesetzlichen Grundlagen geschaffen sind.“ Das Potenzial für Stevia sieht Ehrnsperger jedoch auch im Bio-Segment: „Sobald Süßstoffe aus der ganzen Stevia-Pflanze gewonnen werden dürfen, wird sich auch in der Bio-Branche einiges tun.“

Süßstoffe und Aromen
Von höchster Relevanz sind Steviolglycoside für die Zucker- und Süßstoffindustrie. Sie war zum Verkaufsstart am 2. Dezember 2011 bereit. So führten jeweils Heartland Sweeteners (Marke Nevella) und Sierra Madre Trend Food GmbH (Real Stevia) drei Produkte – Streusüße, Portions-Sticks und Tabletten – in Deutschland ein. Unter der Marke Natreen finden sich eine Streusüße und Tabs in den Regalen. Mit Prognosen zur möglichen Marktbedeutung von Stevia im deutschen Süßstoffmarkt geben sich die Hersteller trotz erfolgreicher Einlistungen zurückhaltend. „Im Moment ist es zu früh, um abzuschätzen, wie sich die Nachfrage mittel- bis langfristig entwickeln wird“, so Bastian Lamers, Marketing Director Nevella Stevia. Der Blick richtet sich dennoch hoffnungsvoll auf die Auslandsmärkte. In den USA, so Lamers, halte Stevia einen Anteil von 25 Prozent am gesamten Süßstoffmarkt. Stefanie Kotthoff, Junior Brand Managerin Natreen, zieht Frankreich heran. Hier setze sich Stevia im Süßstoffmarkt sowohl in Wert als auch in Menge „on top“. Konkret wird Guido Klaumann, Geschäftsführer Sierra Madre Trend Food GmbH . Er erwartet für Stevia hierzulande einen Anteil von 10 bis 15 Prozent am Gesamtmarkt.

Auch die Aromenindustrie hat sich bereits frühzeitig mit Stevia beschäftigt. Die Döhler Gruppe bietet der Industrie unter der Marke MultiSweet Stevia ein Süßungssystem mit „überlegenen sensorischen Eigenschaften“ sowie die Aromentechnologie SIT zur Verbesserung der Geschmacksparameter z.B. beim Einsatz von Stevia in Getränken und Milchprodukten. Wild stellt sein Know-how u. a. in den Bereichen Near Water, Teegetränke, karbonisierte Soft Drinks, Kaugummis oder Schokoladenwaren zur Verfügung. Die „Taste Optimization Technology“ maskiert Nebennoten und verbessert das Profil der Stevia-Süße. Symrise bietet natürliche Aromen (SymLife Sweet) zur Optimierung der Süße sowie SymLifeMask zur Maskierung des Nebengeschmacks.

Süßwaren
Hier sind die Zuckerwarenanbieter mehr oder weniger die Ersten. Kalfany Süße Werbung präsentierte bei der ISM in Köln unter den Marken Pulmoll und Kalfany die Resultate einer längeren Entwicklungsphase, bei der der Geschmack im Vordergrund stand. Aber von einer Stevia-Präsenz auf breiter Front kann noch nicht die Rede sein. Haribo kommt zum April mit dem ersten Produkt, dem Stevi-Lakritz. 40 Prozent weniger Kalorien gegenüber herkömmlichem Lakritz werden ausgelobt. Zielgruppe sind in erster Linie Frauen zwischen 25 und 49 Jahren. Auch im Fruchtgummi-Segment avisiert Haribo neue Produkte mit Stevia-Süßung im Laufe des Jahres.

Konfitüren
Zentis ist der erste große Markenanbieter bei mit Stevia gesüßten Konfitüren. „30 Prozent weniger Kalorien bei vollem Fruchtgenuss“ lautet die zentrale Botschaft für die neue Range unter „Leichte Früchte“. „Wir sind überzeugt davon, dass sich Stevia im Markt der Zuckerzusatzstoffe durchsetzen wird“, sagt Geschäftsführer Karl-Heinz Johnen.?

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