Interview mit Helmut Tschiersky:Lebensmittelbetrug: Dreiste und kreative Fälscher

Bildquelle: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Interview mit Helmut Tschiersky Lebensmittelbetrug: Dreiste und kreative Fälscher

Food Fraud bedeutet Lebensmittelbetrug, ist so alt wie die Menschheit und bleibt auch weiter ein großes Problem. Was sind die richtigen Maßnahmen dagegen?

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Pferdefleisch in der Lasagne, Himbeerjoghurt ohne Himbeeren, Bio ohne Bio – eine offizielle Definition für Lebensmittelbetrug fehlt, Experten der EU-Kommission definieren den Begriff als vorsätzliche Verletzung lebensmittelrechtlicher Vorschriften, um einen finanziellen oder wirtschaftlichen Vorteil zu erzielen. Die LP sprach mit Dr. Helmut Tschiersky, Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).

Was war für Sie der bisher dreisteste Betrugsversuch mit Lebensmitteln?
Helmut Tschiersky: Die Erfahrungen zeigen uns leider, dass bei der Fälschung von Lebensmitteln sehr kreativ vorgegangen wird. Ein Fall von gefälschtem Olivenöl ist mir in besonderer Erinnerung. Bei einer Routinekontrolle in einem Restaurant beprobte die örtliche Lebensmittelüberwachung eine Tischflasche mit Olivenöl. Die chemische Untersuchung im Labor ergab, dass es sich dabei nicht um Olivenöl, sondern um preiswerteres Pflanzenöl handelte, das mit Chlorophyll grün eingefärbt worden war.

Wie ist man dagegen vorgegangen?
Da der Inverkehrbringer des Olivenöls in einem anderen Mitgliedsstaat der Europäischen Union ansässig war, wurde vom betroffenen Bundesland ein Amtshilfeersuchen über das Administrative Assistance and Cooperation System (AAC) initiiert. Das BVL ist in seiner Funktion als Deutsche Kontaktstelle für Lebensmittelbetrug für die Bearbeitung und Weiterleitung von AAC-Meldungen an andere EU-Mitgliedstaaten zuständig. Mithilfe der europäischen Kollegen wurde schnell erkannt, dass man es hier mit einem europaweit agierenden Olivenölfälscher zu tun hat, der mutmaßlich bereits Hunderttausende von Litern gefälschten Olivenöls in Umlauf gebracht hat. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern derzeit noch an und haben wiederum zu weiteren Kontrollen und strafrechtlichen Ermittlungen geführt.

Kampf dem Betrug

Falsch deklarierte Nahrungsmittel tauchen auch in deutschen Supermärkten auf. Das Bundesamtfür Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat u. a. auch die Aufgabe, Lebensmittelbetrug wirksam zu bekämpfen.

Reichen die gesetzlichen Bestimmungen in Europa aus, um Lebensmittelbetrug so weit wie möglich einzugrenzen? Wo sind Defizite?
Die in den EU-Mitgliedsstaaten etablierten Strukturen der Lebensmittelüberwachung und Strafverfolgung bilden die Grundlage für eine effektive Bekämpfung von Lebensmittelbetrug. Praktiken des Betrugs oder der Täuschung, die Verfälschung von Lebensmitteln und alle sonstigen Praktiken, die den Verbraucher täuschen oder irreführen können, werden von den zuständigen Behörden verfolgt. Hier wird auch berücksichtigt, dass Lebensmittelbetrug nicht nur den Verbraucher, sondern alle Stufen der Wertschöpfungskette betrifft. Daher ist eine EU-weit harmonisierte Definition des Begriffs Lebensmittelbetrug wünschenswert, welche alle Aspekte in den Rechtsnormen abbildet.

Wo sehen Sie beim Lebensmittelbetrug die größten Risiken?
Lebensmittelbetrug hat für Hersteller, Handel und Verbraucher gleichermaßen negative Auswirkungen. Die Hersteller verlieren ihre Marktanteile und müssen um ihre Markenreputation fürchten. Gefälschte Erzeugnisse sind für den Handel Konkurrenzprodukte. Das größte Risiko hat der Verbraucher, denn Lebensmittel, die gefälscht sind, können auch eine Gesundheitsgefahr darstellen.

Kann der Handel vorbeugend gegen Lebensmittelbetrug vorgehen?
Ja – und das auf mehreren Ebenen. Dazu gehören die sorgfältige Auswahl der Lieferanten und der Aufbau stabiler Warenketten. Mit seinen Eigenkontrollsystemen kann der Lebensmittelhandel Kriterien wie Qualität und Zusammensetzung der angelieferten Ware wirksam überwachen.