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Interview Dr. Gundolf Meyer-Hentschel „Andere Qualitäten"

Lebensmittel Praxis | 10. Februar 2011
Interview Dr. Gundolf Meyer-Hentschel: „Andere Qualitäten"

Sorgfalt, Know-how, Erfahrung: Mit älteren Mitarbeitern kann auch im Handel einiges für den Erfolg eines Unternehmens getan werden.

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Dr. Gundolf Meyer-Hentschel vom Meyer-Hentschel-Institut für Altersforschung in Saarbrücken räumt im Gespräch mit der LP Vorurteile beiseite und zeigt die Perspektiven der Beschäftigung älterer Mitarbeiter auf.

Ist das Thema der Beschäftigung(sfähigkeit) im Alter wirklich eins?
Dr. Gundolf Meyer-Hentschel: Ja. Immer weniger und älter werdende Arbeitnehmer müssen die Anforderungen der zukünftigen Arbeitswelt bewältigen. Es ist ein Trend, der nicht nur durch demografische Veränderungen, sondern auch durch ökonomische Rahmenbedingungen wie sinkende Rentenerwartungen und immer geringer werdende staatliche Beihilfen begründet ist.

Steht dem nicht entgegen, dass der Mensch mit zunehmendem Alter weniger leistungsfähig wird?
Nein. Natürlich wird man im Alter nicht schneller, sondern langsamer. Dafür treten andere Qualitäten in den Vordergrund: Man erledigt Arbeiten sorgfältiger und gründlicher. Ältere Arbeitnehmer müssen erwiesenermaßen weniger kontrolliert werden als jüngere; sie sind mit Blick auf den Führungsaufwand deutlich effizienter als jüngere. Dies belegen wissenschaftliche Forschungen und diverse Umfragen unter Personalverantwortlichen.

Was heißt das für den Handel?
Der Handel sollte sich auf die Sorgfalt, die ältere Mitarbeiter an den Tag legen, das Know-how und die daraus resultierende hohe Qualität der Kundenbeziehung konzentrieren. All das sind Qualitäten der älteren Arbeitnehmer, die sich sehr schnell in der Höhe des Durchschnittsbons, den die Kunden im Geschäft lassen, widerspiegeln werden. Das zeigen die bisherigen Erfahrungen.

Das hieße ja, die Einsatzplanung und auch die Arbeitsplatzgestaltung müsste den älteren Mitarbeitern Rechnung tragen?
Ein älterer Mitarbeiter ist an der Kasse, einem Arbeitsplatz mit schnellem Durchlauf, nicht optimal aufgehoben. Dafür aber beispielsweise im Bedienungsbereich oder in der Weiterbildung. Manchmal müssen die Arbeitsplätze der älteren Kollegen etwas umgestaltet werden: Die Beleuchtung verbessert, Sitzhilfen geschaffen und Lärmquellen reduziert werden. Doch davon profitieren alle, Kollegen wie Kunden.

Ältere Arbeitnehmer haben bereits ein langes Arbeitsleben hinter sich. Das könnte implizieren, dass sie öfter krank sind als jüngere Arbeitnehmer...
Das wurde mehrfach widerlegt. Ältere Menschen sind seltener krank als ihre jüngeren Kollegen, verursachen deutlich weniger Arbeitsunfähigkeitsfälle. Allerdings – wenn ältere Arbeitnehmer mal krank sind, dann fallen sie länger aus. Der Grund liegt darin, dass das Spektrum der Krankheiten sich mit zunehmendem Alter verändert: Ältere Arbeitnehmer sind eher von langwierigen Erkrankungen betroffen.

Die heutige Arbeitswelt ist sehr computerisiert und technologisch schnelllebig. Kann die Generation 50+ da mithalten?
Ein Fehler, der oft gemacht wird, ist, dass ältere Arbeitnehmer mit älteren Privatpersonen verwechselt werden. Ältere Arbeitnehmer sind berufsbegleitend immer fit geblieben, haben sich weiter gebildet und können natürlich mit aktuellen Technologien, die für ihren Arbeitsalltag relevant sind, umgehen.

Thema Glaubwürdigkeit in der Zielgruppenansprache – sollten ältere Menschen auch durch ältere Verkaufsmitarbeiter bedient werden?
Ältere Menschen sind sehr tolerant gegenüber dem Alter des Verkaufspersonals. Dass Ältere von älteren Mitarbeitern bedient und beraten werden, schadet sicher nicht, muss aber nicht so sein. Hier sehe ich für den Handel keinen Zugzwang, um die ältere Zielgruppe kompetent ansprechen zu können. Jüngere Mitarbeiter können das bei entsprechender Schulung ebenso gut.

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Qualitäten nutzen: Dr. Gundolf Meyer-Hentschel vom Meyer-Hentschel-Institut für Altersforschung plädiert für die Fähigkeiten ältererer Arbeitnehmer.